Chapter 21 – Zwischen Schildkröten und Wiederaufbau
St. Lucia und die Grenadinen
St. Lucia
Es gibt diesen Moment auf Reisen, in dem man merkt, dass die eigene Vorstellung nicht mit der Wirklichkeit Schritt hält.
Bei uns begann er in Rodney Bay, St. Lucia.
Wir hatten irgendwas erwartet – weniger vielleicht. Mehr Dorf. Stattdessen: schicke große Supermärkte, Dutzende Restaurants, ein großer Hardwarestore, eine Mall.
Wir laufen durch die Wohnstraßen den Hügel hoch und merken ziemlich schnell: Die Karibik hat vor, uns weiter Stück für Stück aufzuklären.
Jungs auf BMX-Rädern passieren uns. Sie üben hügelan halsbrecherisch ihre Tricks.
Ich muss kurz an „Die Vorstadtkrokodile“ denken.
So ein vages Bild von früher: Gruppen, Mutproben, dazugehören oder eben nicht.
Und dann stehen wir plötzlich ziemlich allein da oben – und erstarren einmal kurz, als zwei von ihnen kehrtmachen und direkt vor uns kunstvoll aufstoppen.
Okay… was kommt jetzt?
Kommt aber nichts. Sie wollen nur wissen, ob die anderen schon an uns vorbei sind und wo sie hin sind.
Kurzes Nicken, weiter geht’s.
Ein paar Tage später mal wieder Alltags-Erledigungsmodus. Klar Schiff machen. Helga näht zwei neue Kleider aus Bettwäsche, die wir in Fort de France dafür gekauft hatten. Gute Entscheidung. Unsere Klamotten lösen sich hier schneller auf als gedacht. Sonne, Salz, Bewegung – unser Kleiderschrank: eine Lumpensammlung.
Parallel futtern wir die Tiefkühlbox leer. Der Sonnenstrom folgt auch in der Karibik seiner eigenen Agenda. Er sagt: bitte essen bevor es zu spät ist. Funktioniert. Lecker. Reichlich.
Die Gasflasche bekommen wir auch gefüllt – hier tatsächlich nicht selbstverständlich. Propan, deutsches System, zu Fuß erreichbar. Hinterhof-Outdoor-Wäscherei mit Gasfüllaparat. Alles ist ziemlich runtergekommen und die Geschäftsführerin sagen wir mal kurz angebunden. Eine Quittung für unsere Flasche gibt es – natürlich – nicht. Warum auch? Am Ende passt es.
Während wir warten, laufen wir durch ein Viertel, das freitagabends wohl voller Leben ist. Jetzt ist es ruhig. Einfach. Ungewohnt ruhig.
Müll brennt am Strand, daneben Bootswracks und unter Bretterkonstruktionen liegen Menschen. Wir merken es erst, als wir fast ein Foto machen wollen, und gehen weiter.
Die Gebäude: architektonisch spannend. Kreativ. Von dilettantisch über gewollt und bemüht bis genial. Fotografisch… nicht angesagt.
Ein Bild mache ich trotzdem. Beton, Bewehrungsstahl, Bambusgerüst.
„Paparazzi!!!“
Wir drehen uns um, erklären der Frau, warum. Hamburg, Architektur, echtes Interesse.
Sie lacht. Und wir sind kurz darauf in einem Gespräch über alles Mögliche – inklusive der Information, dass sie Fan vom FC Bayern München ist.
So kippen Momente.
Saint Vincent
Saint Vincent bleibt für uns eine Nacht ohne Landgang. Zu viele Geschichten, zu viele Gebühren, zu viel „Yachties sind Goldesel“. Verstehen können wir das – aber für uns funktioniert es so nicht.
Die Kulisse von „Pirates of the Caribbean“ ist beeindruckend, klar.
Und die Boatboys (nie girls bisher, hm) sind sofort da. Trotz des bereits schwindenden Tageslichts. Kajaks, Motorboote.
Angebote, Hinweise, Forderungen. Der Konkurrenzdruck untereinander ist deutlich spürbar. Für uns im Ankermanöver eher hinderlich als hilfreich.
Keine gute Geschäftsgrundlage. Wir fragen uns, wann ihnen das bewusst wird.
Wir versuchen, möglichst freundlich abzulehnen. Das macht es nicht einfacher.
Unsere neuen Headsets sind ein echter Unterschied im Manöveralltag. Ein Upgrade unserer alten WalkieTalkies. Beim Ankern, in engen Passagen, beim Anlegen: einfach reden statt Windrauschen, abgebrochener Wechselübertragung, am Ende doch Brüllen.
Andere nennen sie „marriage saver“. Yep.
Bequia
Bequia empfängt uns weitläufig. Luft, Raum, Platz zum Schwojen. Wir ankern bewusst etwas weiter draußen. Mehr Wind, mehr Abstand, mehr Horizont.
Turan würde jetzt sagen: „Warum nicht einfach vorne am Strand?“
Und er hat recht – für ihn. Für uns ist es genau hier richtig. Wir fühlen uns sofort wohl.
Die „Black Pearl“, die im Moment drittgrößte Segelyacht der Welt, liegt in Sichtweite und sorgt einmal mehr kurz für Perspektivverschiebung. Nein, Jack Sparrow war nicht an Bord;.)
Fuchur schnaubt und dreht sich weg.
Wir laufen durch den Ort, rüber zur Atlantikseite. Sammeln Eindrücke, Ausblicke und eine Kokusnuss. Ein Hund begleitet uns den ganzen Weg zurück. Kurz vor dem Ort hält ein Auto, Tür auf, Hund rein, fertig. Offenbar Routine.
Die Tage verschwimmen. Bordtage. Schreiben. Musik. Planungen.
Chris setzt das Rigg weiter durch. Nicht zum ersten Mal Thema – aber diesmal konsequenter. Sagen wir: ein fortlaufender Optimierungsprozess mit wachsender Einigkeit.
Nebenbei: Gitarrenreparatur-Mission
Die Spur führt zurück nach Mindelo. Silvis Sandalen: erst mit Bändseln geflickt, dann mit Sika, schließlich von „Shoeman Ally“ in Bequia gerettet. Den suchen wir jetzt.
Wir finden ihn sofort. Grüße ausrichten, kurze Freude, dann unsere Frage: Gibt’s hier jemanden für Gitarren?
Er dreht sich zum Gemüsehändler nebenan, kurzer Austausch, ein paar Ideen.
Wir gehen schon weiter. Dann ruft er uns zurück.
Zeigt auf einen Mann, der gerade den Hügel herunter schlendert: „Er da spielt Gitarre, fragt ihn!“
So funktioniert das hier.
Wir geben unsere Karte weiter, er schreibt noch jemandem… am Ende bringt es uns nicht weiter. Aber der Weg dahin war besser als jede Adresse.
Die eigentliche Werkstattadresse bekommen wir später am Abend bei der Open Stage im Green Boley. Spoiler: Auch eine sehr nette Begegnung in der Werkstatt. Schenkt uns einen übriggebliebenen Ukulelenwirbel. Und die Bitte, seinem Lieferanten in Trinidad mal Beine zu machen.
Chris spielt mit – auf einer wie selbstverständlich anvertrauten Gitarre.
Wir treffen Segler, die eigentlich nur kurz bleiben wollten. Jetzt sind sie seit Monaten oder gar Jahren hier. Manche bauen Häuser. Selber.
Wir gönnen uns ein Beef Roti: Fladenbrot, Rind, Igname, braune Soße.
Einfach. Gut.
Ein Jahr unterwegs
Viel erlebt, viel gesehen – und kein bisschen reisemüde.
Am selben Tag zufällig ein Online-Seminar vom Trans-Ocean e.V. über Partnerschaft an Bord. Und unser Song „Fuchur Titanic“ ist fertig.
Timing? Passt.
Menschen trifft man hier auf dem Wasser immer wieder. Oder neu. Oder wieder neu. Man verliert sich aus den Augen und lässt irgendwann den Anker wieder in der gleichen Bucht fallen. Abendessen im Cockpit, Geschichten, Pläne. Unkompliziert.
Zwischendurch nähen wir unser neues Sonnendach. Nicht nur Schatten – jetzt auch regenfest, dank unserer bis jetzt gehüteten Sunbrella-Stoff-Reserve. Ein gutes Gefühl, wenn man merkt: Wir sind vorbereitet. Und wir können das selbst machen. Meistens.
Baliceaux
Baliceaux ist still. Unbewohnt.
Wir wissen, was hier passiert ist. Deportationen. Tod. Geschichte ohne Schild. Die lokalen Landschildkröten zeigen sich uns nicht.
Wir gehen hügelan, sagen wenig.
Die Bucht ist schön, das Schnorcheln gut, der Sonnenuntergang phänomenal. Und trotzdem fehlt etwas. Leichtigkeit.
Auf der Atlantikseite: Müll. Viel Müll. Seegras.
Wir denken automatisch weiter.
Canouan
Canouan wirkt anders.
Hurrikan Beryl hat hier 2024 fast alles zerstört.
In der Touristeninfo zeigt man uns Bilder vom Danach – und vom Wiederaufbau.
Und der ging hier schnell. Sehr schnell.
Ein Investor hinter dem Resort im Nordwesten hat offenbar massiv in Infrastruktur investiert: Straßen, Strom, Häuser, Jobs, Regenwasserzisternen…
Viele erzählen uns ähnliche Geschichten, loben den „Wohltäter“.
Auf der Karte sah es für uns erst so aus, als würde ein Großteil der Insel von den Resorts dominiert. Vor Ort merkt man: Es ist komplizierter. Vielschichtig. Ein Würfel mit mehr als sechs Seiten.
Wir laufen durch den Ort, schauen jetzt anders hin.
Material wird wiederverwendet: Wellblech, Holz, Container. Ein Eisenbahnwagen als Pizzeria. Auf einer Insel mit zwei Bergen ohne Eisenbahnverkehr.
Auf der anderen Seite der Insel treffen wir Alfy.
Er baut Moskitorahmen für das Resort – in seinem „Homeoffice“, einem schiefen Unterstand neben seinem notdürftig zusammengeflickten Haus direkt am Strand.
Wir fragen, ob wir über sein Grundstück zur Straße laufen dürfen.
Und dann erzählt er.
Vom Sturm. Von seiner Mutter. Vom Badezimmer ohne Fenster, das sie rettete. Und davon, dass sie zwei Wochen später am Trauma starb. Von Zerstörung. Von Verlust. Vom Überleben. Vom Danach. Vom 50 Fuß Katamaran mit dem passenden Namen „Genesis 2“, den er mit seinen Brüdern geborgen hat. Der steht jetzt nebenan bei den Fischern aufgebockt.
Klar dürfen wir uns den ansehen. Geht einfach dorthin und sagt ihr kommt von mir.
Gesagt getan. Auch hier hinter einem eigentlich geschlossenen Tor fühlen wir uns willkommen.
Wir erklären woher wir kommen und was wir wollen. Es herrscht eine ruhige Stimmung.
Manche putzen am Strand hockend kleine Fische, andere machen Krebse küchenfertig. Wieder andere ruhen sich in Hängematten aus.
Ein Schild erzählt von japanischen Investitionen und Freundschaft.
Später lachen wir mit zwei Frauen, die die Vegetation an der Straße zurückschneiden.
„Passt auf die Rochen auf“, sagen sie. „Die umarmen euch und brechen euch das Genick.“
Grinsen.
Später beim Schnorcheln muss ich wieder daran denken.
Auf Google Maps sollte man sich hier übrigens lieber nicht verlassen.
Fake-Einträge, absurde Orte. Wir kriegen irgendwann raus: sie haben ihren Ursprung im Onlinespiel „El Rubio“. Irgendwas mit einem Drogenboss auf Grundlage der Karte von Canouan. Also: Back to basics. Einfach loslaufen und fragen.
Tobago Cays
Die Tobago Cays sind dann tatsächlich Postkarte.
Wir ankern im Horseshoe-Riff. Weitgehend unbehelligt von Angeboten durch Boatboys,
die uns Lobsterbarbecues und Fisch anbieten. Neben den Preisen sorgt uns auch die Nachhaltigkeit des Angebots.
Wir schnorcheln mit Schildkröten, die einfach mit uns ruhig weiterschwimmen oder grasen. Rochen gleiten unter uns hindurch.
Wenig andere Fische. Auch die Riffe erzählen leise, was Beryll hier hinterlassen hat.
Das Mehl aus Le Marin entpuppt sich als Mottenprojekt.
Pizza fällt aus. Kommentar überflüssig.
Mayreau
Mayreau wirkt zunächst ruhig.
Bis es brennt.
Ein Müllfeuer wird innerhalb kürzester Zeit zum lodernden Buschfeuer direkt neben unserem Ankerplatz.
Keine Feuerwehr, keine Löschflugzeuge, keine Hektik. Die Boatboys checken die Lage vom Wasser aus. Der Wind steht günstig.
Also wird die Musik aufgedreht.
Und gewartet.
Zwei Tage später glimmt es noch.
Wir gehen an Land. Schwieriges Anlegen, Wellen, kein guter Steg. Kletterpartie. Alltag.
Die Insel ist schön. Und ebenfalls gezeichnet.
Die Kirche oben auf dem Hügel: halb zerstört, halb wieder aufgebaut. Aber in Nutzung. Ein junger Mann schickt uns hin. „Macht Fotos“, sagt er. „Kostet nichts.“
Der Blick durch die offenen Fenster auf die Cays ist… besonders.
Im kleinen Laden gibt es genau das, was es gibt und was wir gerade brauchen: Brot, Mehl, Zwiebeln. Die ursprüngliche Bäckerin ist letzte Woche gestorben. Jetzt backt eine andere Frau „drüben im Haus“ erstmal Brot.
Am Ende sitzen wir erschöpft im Schatten am Strand unter Palmen und schauen den Inselkindern bei kleinen Segelregatten und beim Fußballspielen zu.
„Fun Days“, erklärt jemand. Für die Kinder. Nach allem.
Union Island
Weiter nach Süden: Union Island, Chatham Bay.
Heftige Fallböen schütteln Fuchur von Zeit zu Zeit kräftig und wir fahren Karussell um unseren Anker, aber kein Schwell. Ein Geschenk.
Das Wasser lebt. Schwärme, Jäger, Sprünge. Nahrungskette live.
Von Zeit zu Zeit schaut eine Schildkröte vorbei. Wir warten und staunen.
Dazwischen Bordalltag. Helga bekommt einen praktisch motivierten Haarschnitt.
Und dann verabschiedet sich die Hochdruckpumpe unseres Watermakers. Ein Kärcher K2 hält in dieser Funktion ca. 50 Betriebsstunden? Exakt.
Und natürlich liegt die Ersatzpumpe ganz unter und hinter allem, was in die Achterkabine gestapelt wurde. Also: alles raus. Das ganze Schiff einmal auf links. Es ist heiß. Es ist anstrengend.
Aber abends läuft er wieder.
Unter der Oberfläche
Später stehen wir in der Pantry und überlegen, welchen Rest Eintopf wir warm machen. Wir löffeln zufrieden und stellen fest:
Ein Jahr auf See hat verändert, wie wir die Welt unter der Oberfläche wahrnehmen.
Wir sehen nicht mehr nur — wir atmen mit.
Und wir hören Fuchur leise flüstern:
„Ihr kommt ganz schön rum.
Aber angekommen seid ihr immer genau da, wo ihr gerade seid.“
Der Soundtrack zu diesen Eindrücken entstand im Kopf unter Wasser – zwischen Korallen, Wracks und langsam verblassenden Farben. In Erinnerung an unseren Aufbruch zu dieser Reise.
hier der Songtext in Englisch und Deutsch, auch zum Download
































































