Chapter 22 – Zwischen Weiterbauen und Weiterfahren
Nichts ist fertig. Alles geht weiter.
Auf diesem Abschnitt unserer Route haben wir uns zunächst nicht weit vom Fleck bewegt. Und trotzdem fühlt es sich an, als hätten wir für uns neue Welten entdeckt.
Zwischen Carriacou und Grenada lagen nicht einfach nur ein paar Ankerbuchten. Dazwischen lagen Menschen, die ihr Zuhause wieder aufbauen. Ein Boot, das geduldig immer neue Ideen seiner Eigner über sich ergehen lassen muss. Und die Bestätigung, dass Langfahrt wirklich wenig mit ständigem Segeln zu tun hat. Stattdessen erkunden wir das Land und reparieren unser Zuhause an den schönsten Orten der Welt. Gut. Das alte Sprichwort stimmt offenbar.
Carriacou – Zwei Jahre später
Unser erster Stopp nach der kurzen Strecke nach Carriacou ist Tyrell Bay. Einklarieren, ein kleiner Spaziergang, Schauen, was hier für uns geht und was nicht.
Carriacou sieht noch immer so aus, als hätte der Hurrikan beschlossen, sowieso nochmal wiederzukommen. Neben Häusern mit frisch gedeckten Dächern stehen Ruinen, in denen noch das Geschirr neben der Spüle auf dem Abtropfgestell wartet. Direkt an der Hauptstraße. Rechts und links, vorne und hinten: alltägliches Leben. Als wäre die Familie nur eben kurz weggegangen. Zwei Jahre später.
Im kleinen Supermarkt finden wir ausgerechnet Sauerkraut und Roggenmehl. Brauchen wir aber tatsächlich gerade nicht. An der Straße kaufen wir noch Obst und Gemüse an einem kleinen Stand, bekommen reichlich überreife Bananen dazu geschenkt, laden alles ins Dinghy und machen einen Schnorchelstop an einer Tonne vor der winzigen unbewohnten Insel Jack Adan. Dort bewundern wir neben einem im Wiederaufbau befindlichen Korallenriff den Unterwasser-Skulpturenpark, der schon beginnt, Teil des Riffs zu werden, bevor Fuchurs Anker vor dem Dorf Bogles im Sand verschwindet.
Fuchur: „Ich finde Unterwasserskulpturen grundsätzlich gut. Sie beschweren sich nicht, wenn ich vor ihrer Haustür an einer Tonne parke.“
Von Freunden hatten wir schon von T. gehört. Also freuen wir uns, ihn kennenzulernen.
Es bleibt aber irgendwie schwierig. Wir finden keinen richtigen Draht zueinander. Vielleicht verstehen wir ihn nicht. Vielleicht versteht er uns nicht. Vielleicht sprach das Bier auch ein wenig mit.
Als wir erfahren, wie knapp Trinkwasser auf der Insel noch immer ist, bieten wir ihm Wasser aus unserem Watermaker an. Er fragt nach Bier. Ein paar Tage später taucht er im Dunkeln wieder auf. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auf dem Bug seines kleinen Bootes balanciert er erstaunlich mutig über die Wellen und möchte uns Fisch verkaufen. Morgen könne er auch einen Lobster besorgen. Wir bedanken uns freundlich und lehnen ab. Nicht nur, weil unser Kühlschrank schon protestiert, sondern auch, weil gerade Schonzeit ist. Nachdem er noch unter unser am Davit hängendes Dinghy gerät verschwindet sein Boot langsam in der Dunkelheit. Wir hoffen, dass er heil nach Hause kommt.
Zu Fuß über die Insel
Mit dem Dinghy landen wir am Strand von Bogles. Eine kleine Siedlung direkt vor uns am Hang. Eine freundliche Anwohnerin hält ihre Hunde fest, damit wir über ihr Grundstück zur Straße laufen können. Wir kämpfen uns zwischen Gestrüpp und Müll hindurch.
An der Dorfkreuzung sitzen Männer im Schatten und reden. Kein Handy sichtbar. Wir laufen weiter. Nach Windward, dem Dorf auf der dem Atlantik zugewandten Seite. Eigentlich ist es gar nicht weit. Eigentlich. In der karibischen Mittagssonne bekommt das Wort „eigentlich“ für uns mal wieder eine ganz neue Bedeutung. Aber es deswegen nicht zu tun scheidet aus.
Unterwegs begegnen wir Menschen, die bereitwillig erzählen. Über die Trockenheit. Über den fehlenden Regen. Über Wasser. Ein Mann schneidet die letzten grünen Zweige einer Hecke ab, damit seine Ziegen überhaupt noch etwas Frisches zu fressen haben.
Wir treffen eine ältere Frau die Wasserkanister die Straße entlang schleppt. Wir fragen ob wir helfen können. Nein danke. Aber sie erzählt uns, dass sie nur Regenwasser auffängt und kein anderes Wasser hat. Wir fragen nach ihrer Aufbereitung, bekommen aber nicht wirklich eine Antwort. Sie spricht auch davon, wie wichtig früher die großen Dächer der Fabrik/en waren, auf denen Regenwasser gesammelt wurde. Zerstört und/oder aufgegeben. Leider haben wir sie nicht hundertprozentig verstanden. Die neue Entsalzungsanlage funktioniert wohl noch im Betabetrieb und läuft nur zeitweise. Wer Wasser braucht, bringt Kanister dorthin. Manche bekommen es geliefert. Andere weniger, hören wir am Rande.
Wir wundern uns zunehmend über die hohen Zäune überall. Meist aus Schrott improvisiert, Hauptsache zu. Wir fragen, warum das so ist und erfahren: „Nein, nicht wegen der Menschen. Das ist wegen der wild laufenden Ziegen und Kühe, die sonst alles plattmachen und auffressen.“
Je länger wir laufen, desto öfter sehen wir Gegensätze. Zwischen einer komplett renovierten Villa und einem Haus ohne Dach – ein Zelt. Alle bewohnt. Warum?
Später lesen wir über Materialmangel, schleppende Hilfen, fehlende Grundbucheinträge und Grundstücke, die unter Wert verkauft werden müssen. Es gab Stimmen, die von Immobilienspekulationen aus dem Ausland sprachen. Vieles erklärt plötzlich ein wenig mehr. Nicht alles.
Und dann ist da noch der Müll. Er liegt überall. Warum räumt den eigentlich niemand weg? Aber je länger wir unterwegs sind, desto vorsichtiger werden wir mit solchen Fragen. Vielleicht sind viele Menschen einfach erschöpft. Vielleicht fehlt Material, Geld oder Personal. Vielleicht trägt der Wind jeden Tag wieder ein Stück zurück. Vielleicht spielt auch Gewohnheit eine Rolle, entstanden in einer Zeit, als weggeworfene Dinge einfach verrotteten. Vielleicht ist auch die Zukunftsperspektive die Motivation, ihn liegenzulassen. Wir wissen es nicht.
Inzwischen wissen wir, dass es dieses Problem auf allen Karibikinseln, die wir besucht haben, mehr oder weniger ausgeprägt gibt. Warum haben wir immer noch nicht herausbekommen. Wir forschen weiter.
Als wir Windward erreichen, strömen gerade die Menschen aus der Kirche. Alle geschniegelt. Sonntagsfein. Und mittendrin wir. Zwei verschwitzte Gestalten, deren Kleidung eher nach „Überlebende einer Wüstenexpedition“ aussieht. Niemand scheint sich daran zu stören. Es wird gelächelt, gegrüßt.
Ein junger Künstler versteht, dass wir Schatten suchen und weit und breit keinen finden. Er geht mit uns zum begehrten Platz vor der hiesigen Disco und weiht die Leute dort kurz ein: „Die beiden brauchen mal ne Pause“. Nett, so fühlen wir uns nicht so sehr als Eindringlinge. Dort sitzen Jung und Alt zusammen, trinken ein Bier, malen die Fassade frisch an, reparieren etwas oder beobachten einfach das Dorf. Selbstverständlich. Besonders. Ich frage mich, wie diese Szene in einem deutschen Dorf gewirkt hätte.
Der Mann mit den Ziegen von der Bogles-Seite der Insel hatte uns von einer Bootsbaustelle erzählt. Natürlich müssen wir da hin. Zufällig ist sie direkt am Strand hinter der Disco. Der Zugang sieht sehr privat aus, aber wir fragen höflich und werden durchgewunken. Zwischen einfachen Buden wächst dort langsam eine große Holzyacht heran. Nicht in einer Werft. Nicht mit computergesteuerten Maschinen. Sondern Stück für Stück. Brett für Brett. Der Rumpf wird gerade beplankt. Massiv. Wir stehen eine ganze Weile einfach nur da.
Architektur kann schwimmen.
Der Rückweg hat es in sich. Schatten gibt es wieder keinen. Die meisten Bäume sind verschwunden. Zum Schluss rutschen wir eine unglaublich steile, bucklige, ausgewaschene Sandpiste abwärts, an der ganz selbstverständlich Häuser stehen. Auf dem Hinweg waren wir in deren Anblick von unten nach kurzer Bedenkzeit einen anderen, gnädigeren Weg außen herum gegangen. Jetzt sind wir irgendwie doch hier oben gelandet. Bergab. Langsam. Schritt für Schritt.
Die Menschen müssen hier wirklich alles hoch und runter tragen! Kleinkinder, Lebensmittel, Baumaterial, alles. Was machen die, die das nicht oder nicht mehr können? Was, wenn die Regenzeit kommt? Wir glauben nicht, dass hier Drohnen helfen.
Fuchur: „Menschen wählen manchmal erstaunlich steile Orte zum Leben. Ich hätte da eher eine Bucht gewählt. Wenn ich Beine hätte würde ich das reklamieren.“ Anmerkung der Redaktion: Ja, wenn man eine Wahl hat.
Inselalltag
Zurück an Bord passiert erst einmal … erstaunlich wenig. Wir räumen auf. Reparieren. Schreiben am Blog. Erledigen Papierkram. Backen Pizza. Ich übe weiter Ukulele. Gitarre geht ja nicht.
Den Großbaum parken wir inzwischen auf der Steuerbordseite, um die Solarpaneele möglichst wenig zu verschatten. Ungewohnt. Dass die Sonne hier inzwischen über den Norden wandert, fühlt sich anfangs ungefähr so falsch an wie Weihnachten im Bikini.
Und dann setzen wir zum ersten Mal unser selbst installiertes Stagsegel – ein zweites, kleineres Vorsegel. Es funktioniert. Sogar gut. Im Nachhinein sind wir ziemlich froh, dass wir die etwas spinnerte Idee trotz fehlender Decksbeschläge umgesetzt haben. Ja, wir haben uns heimlich auf die Schulter geklopft. Natürlich nur ganz kurz. Sonst hört Fuchur das noch.
Fuchur: „Ich habe das selbstverständlich gehört. Und wenn wir schon ehrlich sind: Den Großteil der Umsetzung habe ohnehin ich mit meiner tollen Struktur möglich gemacht.“
Mit dem Dinghy fahren wir in die Mangroven bei Tyrell Bay. Sie galten als sicherer Zufluchtsort für Hurrikans. Das dachten sich bei Beryl allerdings viele. Die Bilder der in- und übereinander geschobenen Boote hatten wir schon vor unserer Ankunft gesehen. Die Wracks sind inzwischen verschwunden. Die Natur erzählt die Geschichte trotzdem weiter. Es wird lange dauern, bis das Ökosystem sich erholt hat. Sehr lange.
Ankerkette für Fortgeschrittene
Schließlich geht es weiter nach Grenada. Mit einem Zwischenstopp vor der kleinen, unbewohnten Insel Ronde. Idyllisch. Dann laufen wir in Prickly Bay/Grenada ein. Spazieren durch die Gegend, versuchen Dinge zu besorgen, die es wieder mal nicht gibt. Eigentlich wichtig ist nur eine neue Nuss für die Ankerwinsch. Lange Geschichte von Schusseligkeit bei der Bestellung in Deutschland vor ein paar Jahren, die erst jetzt ihre Konsequenzen offenbart. Nuss und Kette passen um einen ISO/DIN 2mm-Unterschied nicht zusammen. Nuss inklusive super teurer und langer Lieferzeit bestellen und bleiben? Alternative? Eine komplett neue Ankerkette. Vorrätig. Fast gleich teuer. Entscheidung liegt nahe.
Wer schon einmal versucht hat, fünfzig Meter Ankerkette ins und mit dem Dinghy zu transportieren, anschließend auf ein Segelboot zu bugsieren, die alte Kette unabhängig von der neuen im engen Ankerkasten nebeneinander bedienbar zu parken, beide umzuschäkeln bei aufgeholtem Anker in einer windigen, engen Ankerbucht, möglichst weder Finger noch Füße einzuklemmen, niemanden zu rammen und den Anker anschließend wieder zum Halten auf den Grund zu bekommen, weiß: Das ist kein Einkauf. Das ist Mannschaftssport.
Und natürlich hatten wir Publikum. In einer Ankerbucht wie Prickly Bay bleibt ein Segelboot, das eine solche Aktion am Laufen hat, ungefähr so unauffällig wie ein Elefant im Freibad. Am Ende liegt die neue Kette dort, wo sie hingehört. Wir auch. Mehr oder weniger. Wir hören weder Gelächter noch Applaus. Einen Abnehmer für unsere eigentlich noch gute Kette suchen wir noch. Solange fährt sie mit. Die beiden vertragen sich aktuell wie Geschwister im einzigen Kinderzimmer.
Weniger erfolgreich verläuft unsere Idee, für den kurzen Schlag in die Nachbarbucht das Dinghy mit Motor einfach am Davit hängen zu lassen. Bequem. Eigentlich wussten wir es besser. Schon nach wenigen Minuten stampft Fuchur so heftig gegen die Wellen und alles gerät dermaßen in Schwingung, dass wir eine 180 Grad Kehrtwende machen. Also alles wieder zurück. Anker runter. Dinghy ins Wasser. Motor umhängen an den Heckkorb. Dinghy wieder hoch. Anker wieder hoch. Diesmal richtig.
Fuchur: „Ihr hättet euch die Testfahrt auch sparen können. Aber Menschen glauben einer Welle offenbar mehr als der eigenen Erfahrung. Gut, dass ich quasi auf dem Teller drehen kann.“
Schließlich finden wir unseren Platz in der benachbarten Woburn Bay. Zweiseitig geschützt vom Riff. Tolle Aussicht und trotzdem ruhig genug. Eine frische Brise pfeift durch das Schiff. Genau richtig für das nächste Bauprojekt. Und der Bonus: Blick auf die private Luxusinsel Calivigny. Die kann man samt aller Gebäude und Personal für sich – und seine Gäste – mieten! Diskretion garantiert wie ich lese. Natürlich schauen wir hinüber. Mich interessiert dabei mehr die Architektur als der Luxus. Gelungen. Finde ich. Ein paarmal beobachten wir, wie weitergebaut wird. Arbeitssicherheit scheint hier nicht so ein großes Thema zu sein. Gäste sehen wir keine. Nur die stimmungsvolle Beleuchtung.
Versuchslabor Fuchur
Unser nächstes Bauprojekt beginnt zu Pfingsten. Feiertage. Während die meisten den Anlass feiern und vielleicht grillen oder einen Ausflug machen, verwandeln wir Fuchur mal wieder in ein Versuchslabor. Unser Forschungsauftrag lautet diesmal:
Wie kann man in den Tropen besonders nachts möglichst viel Luftzug ins Boot bekommen, ohne bei jedem Regenschauer senkrecht im Bett zu stehen und im Halbschlaf „Luke auf! Luke zu!“ zu spielen?
Nach ein paar Tagen Messen, Fluchen, Schneiden, Nähen, Verwerfen, Repeat überspannt schließlich ein ziemlich seltsam aussehendes Gebilde unsere Dachluken. Von außen erinnert es entfernt an eine Kreuzung aus Briefkasten, Schnabeltier und mittelmäßig erfolgreichem Drachen.
Der Regen muss erst einen kleinen Irrgarten überwinden, bevor er überhaupt eine Chance hat, ins Boot zu gelangen. Ein kleiner Steg oben hält den waagerecht anfliegenden Regen ab, ein zweiter unten fängt das Spritzwasser. Dazwischen findet die Luft ihren Weg. Sie tanzt hindurch, der Regen bleibt draußen. Einen Designpreis gewinnt das Teil wohl nicht, aber innen bedeutet es: Luft auf verschwitzter Haut=kühl.Sobald wir vernünftigen Stoff finden, bekommt Version 2.0 ihre Chance. Im Moment haben wir die marode Dinghyverpackungstasche umgearbeitet.
Fuchur: „Mir war gar nicht klar, dass Menschen ihre Häuser freiwillig mit Anbauten versehen. Ich dachte immer, das machen nur Seepocken. Solange ich darunter noch segeln kann, dürft ihr oben bauen, was ihr wollt.“
Kleine Siege
Nicht alles spielt sich an Bord ab. Natürlich zieht es uns immer wieder an Land. Zuerst Le Phare Bleu rechts rum, dann Grande Anse – diesmal linksrum.
Grenadas Süden ist hügelig. Von fern und auf der Karte sieht das immer so harmlos aus.
Auf einer besonders steilen Straße begegnet uns eine Henne mit ihrem Nachwuchs.
Die Küken hüpfen über ein Entwässerungsgitter. Bis auf eines. Es rutscht durch das Gitter und bleibt kopfüber zwischen den Stahlrohren stecken. Die Mutter schaut einen Moment hinunter. Dann marschiert sie mit den anderen weiter. Nicht herzlos. Realistisch. Mit zwei Stöckchen angeln wir den kleinen Pechvogel wieder nach oben und beobachten erleichtert, wie er seiner Familie hinterher spurtet. Ich muss an Calimero denken und schmunzle.
Bergauf kommt uns ein alter Mann mit Stock und Einkaufstüte entgegen. Schritt für Schritt. Wir erzählen ihm, dass das die steilste asphaltierte Straße ist, die wir je gegangen sind. „Das hält mich fit!“
Zwischen all den Spaziergängen feiern wir noch einen kleinen persönlichen Triumph.
Wir finden einen neuen Wasserkocher. Aus Kunststoff. Mit deutschem Stecker und wechselrichtertauglicher Leistung. Jackpot!
In der salzigen Luft rostet inzwischen alles, was nicht ausdrücklich dagegen entwickelt wurde. Wasserhähne. Reißverschlüsse. Schuhschnallen. Schrauben. Knöpfe. Unser alter Wasserkocher hatte längst beschlossen, nur noch als Roststudie zu dienen. Edelstahl, seit 25 Jahren in Ostseegebrauch. Ja, wir haben das gewusst. Aber wir konnten und wollten vor Abfahrt nicht alles prophylaktisch neu kaufen.
Außerdem finden wir endlich zwei ordentlich große, hübsche Kunststoffbecher. Ja, eigentlich ein Widerspruch. Fast einen halben Liter gibt es nun pro Ladung. Die bisherigen 300 Milliliter waren ungefähr so sinnvoll wie ein Fingerhut beim Waldbrand.
Nicht ganz so erfolgreich verläuft dagegen unser Versuch, im Supermarkt den sagenumwobenen Seglerrabatt zu bekommen. Den gibt es tatsächlich. Allerdings erst nach einem Antrag, einer Woche Bearbeitungszeit und persönlicher Abholung. Für unsere geplante Online-Bestellung gilt er natürlich nicht. Für Menschen, die gerade mit ihrem Zuhause durchs Meer fahren, wirkt dieses System … sagen wir: optimistisch.
Immerhin nimmt sich der ausgesprochen geduldige IT-Mitarbeiter des Onlineshops unseres Problems an. Ohne Rabatt. Ohne grenadische Telefonnummer. Irgendwie schafft er es trotzdem, unsere Bestellung auf den Weg zu bringen.
Ein paar Tage später hält tatsächlich ein Lieferwagen am Dinghysteg. Die Kiste enthält Gemüse mit sehr unterschiedlichem Lebenswillen. Das Risiko war einkalkuliert. Außerdem Käse und Fleisch – ungekühlt. Nun ja. Andererseits hätten wir dieselben Einkäufe auch mehrere Kilometer durch tropische Hitze schleppen müssen. Kälter wäre es dabei vermutlich auch nicht geworden.
Ein Eindruck, der bleibt
Nach dem langen Hin und Her im Supermarkt wollen wir noch kurz zum Park am Strand. Ausruhen vor dem langen Heimweg mit Gepäck. An der Straße pflückt ein älterer Mann kleine Früchte/Samenkapseln von einem Baum. Ich frage spontan, bevor ich nachgedacht habe, ob er die essen möchte. Er lacht. Nein. Ich brauche die Samen.
So kommen wir ins Gespräch. Der Mann heißt Dario. Geboren in Italien. Zwischendurch hat er mal in Hamburg gewohnt. Wir unterhalten uns auf Englisch und Deutsch. Er ist auch Segler. Ist mehrfach um die Welt gesegelt. Wurde vom indischen Ozean mal fast verschluckt, war schlimm. Das verändert, erzählt er.
Er stellt Fragen, die man ansonsten vielleicht erst nach drei Stunden stellt statt nach drei Minuten. Grundsatzfragen. Ausweichen, relativieren? Fehlanzeige. Ich fühle mich zum Teil ertappt. Es hallt heute noch nach.
Heute lebt er auf Carriacou.
Er und seine Mitstreiter von der KIDO Foundation sammeln unter anderem lokale Samen für Wiederaufforstungsprojekte, kümmern sich um Meeresschildkröten, päppeln sie auf und setzen sie wieder aus. Vor allem aber arbeitet er mit Kindern. Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sondern indem er sie mitnimmt, ihnen die Umwelt und den menschlichen Einfluss darauf zeigt, ihnen erklärt, warum ihre Insel und unsere Natur etwas Besonderes sind und warum sie es wert sind, geschützt zu werden. Und was sie dazu tun können.
Leider muss er sich beeilen, die Fähre zurück nach Carriacou wartet nicht. Wir wären gerne noch geblieben.
Einen Tag später schauen wir uns an. Haben die gleiche Idee. Unsere Erinnerungen an Carriacou glühen im Hinterkopf. Am liebsten würden wir sofort wieder dorthin zurücksegeln. Ein paar Tage helfen. Lernen. Mitmachen. Vervielfältigen.
Wir wünschen wir hätten ihn früher getroffen.
Auch der Rückweg wird wieder zu einer kleinen Reise. Überall sitzen Menschen an der ramponierten schmalen Straße ohne Bürgersteige vor improvisierten, windschiefen, beinahe zusammenfallenden Bretterbuden. Feierabend. Ein kaltes Bier. Ein paar Plastikstühle. Musik. Gelächter. Immer wieder ruft uns jemand zu. Zeigt uns eine Abkürzung. Fragt, wo wir hinwollen.
Ja, wir sehen vermutlich seltsam aus: völlig fertig, mit Salzkrusten von überkommenden Wellen von der morgendlichen Dinghyfahrt und einem Tag Laufen in der sengenden Sonne, einen Rucksack hinten, einen vorne. Mit Wasserkocher, Bechern und Co schleppen wir uns die Straße entlang. Und natürlich ist die Hauptstraße gerade gesperrt und daher geht der ganze Verkehr über unsere Straße. Es ist: mutig. Aber die Einheimischen machen es auch, also weiter.
An solche Tage erinnern wir uns länger als an viele Sehenswürdigkeiten.
Fuchur:„Menschen freuen sich über erstaunlich kleine Dinge. Ich tue das auch.“
Aufbruch nach Westen
Traditionell wird am nächsten Tag der vorherige erst einmal… verdaut.
Fuchur bekommt Aufmerksamkeit. Diesel und Benzin finden ihren Weg durchs Dinghy an Bord.
Und dann verabschieden wir uns von Grenada. Nicht, weil wir alles gesehen hätten. Sondern weil das Wetter zu schnell mitspielt. Carriacou fällt schweren Herzens aus. Der Westen ruft.
Vor der Abfahrt kontrollieren wir noch einmal das Rigg. Kochen ein paar Mahlzeiten vor. Das macht das Leben auf dem Meer viel leichter. Kochen unterwegs bei viel Welle ist einfach nur anstrengend. Besonders in den ersten Tagen, wenn die Seebeine noch nicht wieder da sind.
Dann fahren wir mit einem klapprigen Minibus nach St. George, um auszuklarieren.
Die Busfahrt ist ein Erlebnis für sich. Eng. Laut. Rasant. An jeder Ecke scheint noch ein weiterer Fahrgast in den sehr in die Jahre gekommenen Minivan zu passen. Steht jemand auf, wird umgerückt, geschoben, nachgerückt. Das System kennen wir schon von anderen Inseln.
Eine paar Schüler fahren auch mit. Frisch geschniegelt in ihren Schuluniformen, bis in die Schuhspitzen. Einer der Jungen klopft zum Zeichen, dass er aussteigen will eifrig ans Seitenfenster. (Natürlich wusste der Fahrer sowieso wo er aussteigen wollte.) Alle klettern raus. Der Junge streckt dem Fahrer ganz ernst seine kleine Hand mit dem Fahrgeld entgegen. Der Busfahrer schaut ihn an, lächelt, schließt seine Finger sanft wieder um die Münzen und schiebt die kleine Faust zurück. Der Junge soll sein Geld behalten. Der Bus fährt weiter, als wäre nichts Besonderes passiert.
Wieder auf See
Zurück an Bord verholen wir noch einmal nach Prickly Bay und kaufen neues Antifouling für den irgendwann anstehenden Unterwasseranstrich. Das Dinghy wird endgültig verstaut. Sechs Monate hing das Dinghy ständig im Einsatz am Heck. Jetzt beginnt wieder Seefahrt. Wir lassen die Luft ab und rollen es zusammen. Zurren es an der Reling fest.
Der Windpilot kommt wieder an seinen Platz. Der Optimismus hält exakt bis zum ersten Büschel Seegras. Sobald sich etwas am Hilfsruder verfängt, verwandelt sich die ganze Konstruktion in ein ausgesprochen dekoratives, aber wirkungsloses Anhängsel. Also nutzen wir den elektrischen Autopiloten, der aber längst nicht so geschmeidig die Wellen wuppt.
Am Morgen richten wir noch die Passagekoje mit Leesegel im Salon ein, verstauen alles was im Salon überflüssig ist in der Vorschiffskoje und lichten den Anker. Der Bug zeigt nach Westen.
Die ABC-Inseln warten.
Im Urlaub fährt man los, um anzukommen. Wir fahren weiter, um zu entdecken und oft noch nicht zu wissen, wo wir ankommen werden. Irgendwo hinter dem Horizont beginnt das nächste Kapitel.
Dies ist nach langer Zeit die erste mehrtägige Offshorepassage. 400 Seemeilen, in gebührendem Abstand von der venezolanischen Küste. Wir rechnen mit 3-4 Tagen.
Bonaire ist heiß – wir werden nicht warm
Vier Tage später liegen wir in Bonaire. Kein Materialversagen. Keine Überraschungen.
Wir wollten die Insel eigentlich auslassen, weil zu teuer. Für alles muss man als Segler hohe Gebühren zahlen. Aber viele Mitsegler schüttelten den Kopf: da müsst ihr hin. Vielleicht war genau das das Problem. Vor Kralendijk hängen wir uns an eine der Bojen. Ankern ist hier zum Schutz der Korallen tabu. Das finden wir eigentlich gut, aber der tägliche Preis ist aus unserer Sicht total überzogen, dazu die Touristensteuer und die Wassersportabgabe…. Der erste Eindruck: Türkis. Unglaublich klares Wasser. Pelikane. Wir schnorcheln direkt durch unser Bojenfeld am Riffhang. Ausgerechnet heute wirkt das Wasser erstaunlich „leer.“ Das hatten wir uns anders vorgestellt. Es ist ziemlich windig, was den Reiz, für ein paar Stunden abzulegen und die ein oder andere Boje an Tauchspots zu benutzen, drastisch reduziert. Wir lassen es am Ende.
Wir gehen an Land. Laufen durch den Ort und weiter hinaus. Bunte Gebäude im Kontrast zur wüstenähnlichen Landschaft. Trocken. Heiß. Endlich sehen wir wilde Papageien – auf riesigen Kakteen vor ausgetrockneten Tümpeln. Dazwischen Esel. Viele.
Insgesamt wirkt Bonaire auf uns wie eine Mischung aus holländischer Pittoreske und karibischem Laissez-faire. An einer Stelle bleibe ich stehen. Eine strahlend blau-weiße Häuserzeile trifft beinahe unvermittelt auf verblasste, leicht schief wirkende Holzhäuser. Ich denke: Genau hier beginnt das Ortszentrum. Ganz ohne Stadtplan erkannt. Wir kommen näher. Es beherbergt ein Architekturbüro.
Am Abend sitzen wir wieder im Cockpit. „So richtig hat es noch nicht gefunkt, oder?“
„Nö.“ Nicht jede Insel muss einen sofort umarmen. Vielleicht hätten wir länger bleiben sollen.
Vielleicht waren wir einfach zur falschen Zeit dort. Vielleicht war unsere Erwartungshaltung zu groß. Wir wissen es nicht. Also beschließen wir, weiterzufahren.
Fußball verbindet
Aber vorher: Fußball-Weltmeisterschaft. Genauer gesagt: Curaçao gegen Deutschland.
Schon tagsüber werden wir mehrfach angesprochen:„Germany?“„Tonight! Soccer!“
„Come!“ Die Einladungen kommen völlig selbstverständlich.
Abends macht Chris sich schließlich auf den Weg zum Public Viewing. Als er später zurückkommt, erzählt er mit einem Grinsen von einer Stimmung, die wir so nicht erwartet hätten. Natürlich freuten sich alle über jede gelungene Aktion Curaçaos. Aber genauso freuten sie sich darüber, überhaupt bei einer Weltmeisterschaft dabei zu sein. Da wurde gejubelt, gelacht, diskutiert und gefachsimpelt.
Nicht gegen Deutschland. Einfach für die eigene Mannschaft.
Also Leinen los. Nächster Versuch.
Spanish Waters
Die Strecke nach Curaçao ist kurz. Schon beim Einlaufen merken wir, dass hier etwas anders ist.
Größer. Lebendiger. Ein bisschen wuseliger. Vor allem aber erstaunlich entspannt.
Wir hangeln uns in ein verzweigtes, geschütztes Binnenwasser – die Spanish Waters – und finden gleich einen guten Ankerspot. Am nächsten Morgen klarieren wir problemlos ein. Früh am darauffolgenden Tag fahren wir mit dem Bus nach Willemstad, um unsere Ankererlaubnis zu beantragen und zu bezahlen.
Willemstad begrüßt uns mit seinen bunten Häusern, Grachten und Klappbrücken. Die Fassaden erinnern stellenweise eher an Amsterdam als an die Karibik. Wir laufen den Tag lang Slalom durch die verschiedenen Stadtteile und kaufen auf dem Markt noch etwas Obst und Gemüse. Ein rundum gelungener Tag. Gut, dass wir früh unterwegs waren – ab zehn Uhr spuckten gleich drei Kreuzfahrtschiffe ihre Passagiere aus.
Die nächsten Tage verbringen wir zu Fuß, mit dem Bus über die Insel, auf Fuchur und im Gespräch mit Nachbarbooten. Wir feiern einen Geburtstag auf einem Katamaran, deren Eigner uns spontan eingeladen hatten – Mitglieder im Verein Transocean wie wir, die wir bisher nur aus einer WhatsApp-Gruppe kannten. Gute Gespräche, ein herrliches BBQ. Wir lernen auf unserer Reise so viele neue Menschen kennen wie sonst in Jahrzehnten nicht.
Auch Fuchur bekommt wieder Streicheleinheiten. Irgendetwas gibt es immer. Eine Leine hier. Eine Kleinigkeit dort. Ein paar Ideen, die man „nur eben schnell“ ausprobieren möchte.
Fuchur: „Fertig? Ich? Ihr kennt mich doch inzwischen besser.“
Am Abend schaukelt Fuchur unruhig an der Boje. Er möchte schon wieder weiter, nach Westen.
Weiterbauen. Weiterfahren
Im Moment verbringen wir viel Zeit damit, Wettervorhersagen zu studieren und sie anschließend wieder zuzuklappen. Für die Passage nach Kolumbien möchten wir ein vernünftiges Wetterfenster erwischen. Die Strecke hat unter Seglern einen gewissen Ruf – und den würden wir lieber nicht unnötig bestätigen. Starke Kapeffekte, Bergwinde, massive Wellen. Wir haben mindestens Respekt, ein wenig Muffensausen auch.
Das Wetter lässt sich Zeit. Also überlegen wir jeden Tag neu: hierbleiben, nach Aruba, noch warten, weiterarbeiten. Irgendwann wird es sich schon entscheiden. Bis dahin tun wir so, als hätten wir einen Plan.
Und selbst wenn das Wetter irgendwann Ja sagt, bleibt noch die Frage: wohin eigentlich zuerst? Kolumbien ist riesig. Je mehr wir lesen, desto länger wird die Liste und desto kürzer scheint die Planungszeit. Wir möchten das Land entdecken, ohne zu Flugtouristen zu werden, schließlich ist unser Motto „umweltfreundlich reisen unter Segeln“, da kommt Fliegen eigentlich nicht in Frage. Sehenswürdigkeiten abhaken mögen wir per se nicht. Außerdem wollen wir uns nicht in Agentenkosten und Organisation, Formalitäten und Gebühren zu verlieren. Also planen wir jeden Tag ein kleines bisschen weiter – und verwerfen am nächsten Tag oft schon wieder die Hälfte.
Ein langes Kapitel für eine relativ kurze Strecke. Auf allen Ebenen gilt:
Nichts ist fertig. Alles geht weiter.
Überall wächst und gedeiht es:
Auf Carriacou wachsen neue Dächer.
In Windward wächst ein Holzboot.
Dario pflanzt Bäume.
Wir nähen Regenhauben, tauschen Ankerketten und schrauben an Fuchur.
Und zwischendurch fahren wir immer wieder ein Stück weiter.
Nicht besonders weit.
Aber weit genug.
Bis zur nächsten Insel.
Oder zur nächsten Idee.
Oder zum nächsten kleinen Abenteuer.
P.S.
Ein paar Tage nach unserem Treffen schickte uns Dario noch eine Mail. Darunter stand dieses Zitat:
„The one who plants trees, knowing that he will never sit in their shade, has at least started to understand the meaning of life.“
— Rabindranath Tagore
Fuchur: „Ich hätte da übrigens noch ein paar Baustellen.“
Wir melden uns wieder.




























































