Kapitel 23 – Zwischen Hochhäusern, Dschungel und Agenten
Stadtleben an der Kette. Dschungel dank Busfahrkarte. Agent abgehängt.
Das Wetterfenster kam.
Und diesmal hielt es tatsächlich, was es versprochen hatte. Nach all den Tagen des Wartens wurde aus Curaçao Richtung Cartagena plötzlich genau das, wofür man sich das ganze Wetterkartenstudium überhaupt antut: raumschots, kleine Welle, angenehmer Wind, Schönwettersegeln. Keine bösen Überraschungen.
Nach vier Tagen und Nächten tauchte Cartagena vor uns auf. Und als wir um zwei Uhr nachts in die Lagune liefen, begrüßte uns: ein Feuerwerk.
Also ein echtes. Klar. Gute Zeit dafür.
Um drei Uhr fiel der Anker vor dem Club Náutico. Wir tranken noch ein kaltes Wasser, betrachteten die Hochhausskyline vor uns – die erste richtige Großstadt seit Ewigkeiten – und kletterten in die Vorschiffskoje.
Gut, dass Chris auf den letzten Meilen bereits angefangen hatte, Salon und Vorschiff wieder vom Langfahrt- in den Landmodus umzubauen. Also Vorschiff ausräumen, Salonkoje zurückbauen. Woanders Chaos schaffen. Hauptsache das Bett ist frei.
Wir waren müde. Wir waren angekommen.
Wir schliefen. Ganze drei Stunden.
Willkommen in den Tropen
Um sechs Uhr morgens war es mit der Nachtruhe vorbei.
Die ersten Motorbusse donnerten an uns vorbei und brachten Menschen aus dem Umland zur Arbeit. Eine Stunde später kamen die Touristenboote dazu. In ungefähr tausend verschiedenen Formen und Größen sammelten sie sich am Touristenkai, um ab acht Uhr die Touristenhorden zu den vorgelagerten Inseln zu transportieren.
Das Ganze zurück zwischen drei und fünf am Nachmittag. Danach fahren die gleichen Boote als Barboote mit lauter Musik bis ungefähr zehn (wochentags) durch die Lagune.
Eine mehrspurige Autobahn.
Und Fuchur auf dem Streifen in der Mitte.
Nur ohne Leitplanken.
Wir hatten davon gehört und atmeten gleichmäßig.
Und es war heiß. Sehr heiß.
Ich dachte an mein morgendliches Cockpit-Workout in den „Spanish Waters“ auf Curaçao. Ein bisschen Sport am Morgen, ein paar Übungen, frische Luft – herrlich.
Hier? Nicht machbar.
Nicht um sechs Uhr.
Nicht um sieben.
Erst recht nicht um acht.
Der Agent und die große Welt der Interpretation
Als Nächstes stand die Einklarierung auf dem Programm. Und damit betraten wir eine Welt, in der wir als Segler plötzlich nicht mehr selbst mit den Behörden sprechen.
Dafür gibt es Agenten.
Wir hatten gemeinsam mit anderen Crews verschiedene Angebote eingeholt.
Sagen wir es diplomatisch: Die Bandbreite war bemerkenswert.
Transparenz ist in diesem Zusammenhang offenbar ein überschätztes Konzept.
Letztlich haben wir uns für jemanden entschieden, den andere Crews empfohlen hatten. Und bisher sind wir damit gut gefahren. Trotzdem bleibt vieles kompliziert und erstaunlich „interpretierbar“.
Wir wussten schon, warum wir sofort nach Cartagena gefahren waren und nicht noch einen Zwischenstopp in Santa Marta eingelegt hatten. Sonst hätten wir zweimal Agentenkosten in ungefähr derselben Größenordnung gehabt – plus die entsprechenden, nicht gerade seglerfreundlichen Hafengebühren.
Also Einklarieren in Cartagena. Mit viel Wartezeit.
Am Ende dauerte es zwei Wochen, bis wir legal waren.
Cartagena: wunderschön, faszinierend und bitte einmal rechts abbiegen
Natürlich erkundeten wir Cartagena.
Wir liefen stundenlang durch Manga und Getsemaní, bestaunten die Architektur, sogen die Geschichte auf und genossen den Vibe dieser völlig anderen Welt.
Also zumindest dort, wo wir nicht gerade von Touristenströmen mitgerissen wurden.
Wir machten also das, was wir inzwischen zuverlässig können:
Wir bogen ab.
In die Nebengasse.
In den Hinterhof.
In die Straße, die auf den ersten Blick nicht so aussah, als müsste man da unbedingt hin.
Und dann ertönte über unseren Köpfen plötzlich Operngesang.
Wir sahen nach oben.
Aus einem großen offenen Fenster grinsten uns zwei Gestalten an, die auf Verstärkern hockten. Wir waren offenbar von hinten in eine Probe des Theaters geraten.
Chris versuchte von der anderen Straßenseite aus, ein Foto von den Kronleuchtern zu machen.
Eine der Gestalten winkte uns heran, schnappte sich Chris‘ Handy und sagte, er komme gleich zurück.
Wir schluckten.
Zwei Minuten später stand er wieder vor uns und reichte uns strahlend das Handy.
Ein paar ziemlich tolle Videoschnappschüsse von der Theaterprobe von Backstage.
Eine Architektin geht spazieren
Natürlich hatte ich mich intensiv mit der hiesigen Stadtplanung und Architektur beschäftigt.
„Guck mal da! Das ist das und das. Und die haben das so gemacht, weil …“
Ich bin ziemlich sicher, dass Chris und ein teilweise mitlaufender Mitsegler irgendwann darüber nachgedacht haben, ob man mich nicht irgendwo unauffällig aus den Augen verlieren könnte.
Dabei ist Cartagena architektonisch (wie die meisten Orte) spannend. Man findet überall Geschichte, Umbauten, Improvisation und städtebauliche Entscheidungen.
Ich konnte also beim besten Willen mal wieder nicht einfach nur durch die Straßen laufen.
Der lange Weg zum Ventilator
Und dann war da noch unser kleines, wiederkehrendes praktisches Problem:
Wir brauchten Dinge.
Unsere Suche nach brauchbaren Läden führte uns irgendwann durch die sengende Hitze in ein Baumarktzentrum und eine Mall.
Erfolg?
Überschaubar.
Nach diversen Versuchen landeten wir schließlich doch bei Amazon USA.
Unter 200 Dollar pro Bestellung, damit der Zoll uns möglichst wenig kennenlernen möchte.
Die erste Gelegenheit zum Nachbestellen seit Nordspanien – und wahrscheinlich die letzte bis kurz vor dem Panamakanal und dem Pazifik.
Was bestellt man nach anderthalb Jahren Langfahrt?
Besondere Ventilatoren.
Konservierungsmittel für den Wassermacher.
Mückenspray für die Klamotten.
Bestimmte, erprobte Reinigungswerkzeuge für das Unterwasserschiff.
Vakuumbeutel.
Lichtquellen.
Und mehr große, dünne türkische Handtücher.
Wir haben zwar einige, aber längst nicht genug.
Denn Handtücher sind inzwischen ein logistisches Thema. Sie dienen als persönlicher Sitzbezug, Decke, Kleidung, Sonnenschutz.
Hier ist immer alles schwitzig und voller Sonnencreme. Ohne mobiles Distanzgewirk würde sich jede Oberfläche bei Berührung mit einem Menschen in ein Feuchtbiotop verwandeln.
Hier gibt es vor allem wunderbar dicke Frotteetücher. Herrlich weich. Herrlich kuschelig.
Und völlig ungeeignet für uns. Sowas können wir nicht vernünftig waschen, kaum trocknen und schon gar nicht irgendwo verstauen.
Kolumbien, wir müssen reden
Vieles hätten wir lieber direkt hier gekauft.
Wenn wir nur gekonnt hätten.
Nach etlichen Versuchen gaben wir irgendwann auf. Kundenkonten lassen sich ohne kolumbianische ID-Nummer, kolumbianische Telefonnummer und – Überraschung – kolumbianische Kreditkarte gar nicht erst eröffnen.
Die Lieferadresse war dabei ausnahmsweise das geringste Problem.
Wir dürfen als wöchentlich zahlende Gäste am einzigen hiesigen Dinghydock unsere Hafenadresse sogar als Lieferort nutzen und dort Kanister mit Wasser vom Steg holen.
Das ist ziemlich praktisch.
Denn den Wassermacher wollten wir hier definitiv nicht betreiben.
Die Lagune ist nicht unbedingt eine Einladung zum Trinken.
Nach einem Regenguss schwimmt überall sichtbarer Müll. Das Regenwasser überflutet die Straßen, die Abwasserkanäle kommen mit den Wassermassen nicht hinterher und irgendwo muss das Ganze schließlich hin.
Dazu tausende Speedbootmotoren, der Containerhafen direkt in der Nähe und nur wenig Wasseraustausch mit dem offenen Meer.
Unser Wassermacher und diese Brühe?
Nein. Einfach nein.
Zwei Wochen später: Flucht nach draußen
Nach zwei Wochen war die Einklarierung tatsächlich abgeschlossen.
Wir waren legal.
Wir durften also endlich offiziell das tun, was Segler am liebsten tun:
wegfahren.
Wir flohen nach draußen.
Zu den Rosario-Inseln.
Natürlich wussten wir, dass dort die ganzen Touristenboote hinfahren. Aber immerhin kommen die erst gegen zehn Uhr und verschwinden normalerweise gegen vier wieder.
Nun ja.
Bis auf diejenigen, die direkt neben uns ankern und die Nacht zur Party machen.
45 Liter Glück
Die Regenzeit soll bald kommen. Die Gewitterfronten zogen bisher zuverlässig an uns vorbei.
Unser gemäß Wettervorhersage sorgfältig aufgebauter experimenteller Versuchsaufbau zur Steigerung des Regenwasserertrages pro Schauer drohte zum Erfolg der angewandten Nutzlosigkeit zu werden.
Dann sahen wir die Regenfront.
Sie kam.
Über dem Wasser.
Auf uns zu.
Jetzt aber schnell.
Zuerst gönnten wir Fuchur eine Süßwasserdusche mit dem Hochdruckreiniger. Dann sammelten wir tatsächlich rund 45 Liter Regenwasser in kürzester Zeit.
Genug für eine Waschmaschinenladung.
Glück.
Brot bei die Fische
Davon gab es dann gleich noch mehr:
Unser Sauerteigansatz gelang. Nach einigen Fehlversuchen endlich mal wieder.
Es gab das gefühlt beste Brot seit zu Hause.
Wir probieren wirklich alles, was als Brot verkauft wird. Aber irgendwann möchte man nicht mehr überlegen, ob das, was man gerade isst, Brot oder ein süßes Gebäck mit Identitätsproblemen ist.
Unser Sauerteig hat geliefert.
Deftig. Salzig. Brot.
Das merkwürdige Leben hinter den Balkonen
Ich sitze im Cockpit und schaue mit dem Fernglas auf die Hochhäuser.
Ja. Ich weiß.
Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben.
Aber ich wollte meinen Eindruck überprüfen.
Die Hochhäuser haben unzählige Balkone.
Nur wirken sie erstaunlich leblos.
Hier ein Monoblock-Sessel.
Dort ein Wäscheständer.
Irgendwo eine einsame kolumbianische Flagge.
Ansonsten: nichts.
Kaum Pflanzen.
Keine Menschen.
Kein erkennbares Leben.
Ich denke an Balkone in Berlin, im Ruhrpott, in Hamburg….
Spanisch: Der Knoten sitzt noch
Unsere Sprachkenntnisse wachsen.
Zumindest theoretisch.
Wir verstehen inzwischen erstaunlich viel. Lesen funktioniert immer besser. Über WhatsApp kommunizieren wir durchaus auf Spanisch – mit Übersetzungshilfe, aber wir verstehen, was wir da schreiben, und können nachvollziehen, was zurückkommt.
Nur das Sprechen.
Das ist noch eine andere Baustelle.
Wir haben diverse klassische Spanischkurse aus der Onleihe ziemlich schnell frustriert beiseitegelegt. Restaurantbesuche. Hotelreservierungen.
Dates.
Also wirklich.
Nicht unsere Welt.
Gut, Dates haben wir miteinander natürlich auch.
Aber dafür brauchen wir keinen Spanischkurs.
Schließlich sind wir auf verständlichen Input umgestiegen: langsam gesprochene, einfache Geschichten, bebildert und teilweise ausgesprochen lustig gemacht. Durch die Wiederholungen bleiben Wörter und Strukturen ganz nebenbei hängen.
Und dann habe ich Geschichten über uns selber erst auf Deutsch geschrieben und auf Spanisch übersetzt. Besser als fremde Texte. Und mit dem richtigen Vokabular gespickt.
Nur wenn plötzlich ein echter Mensch vor uns steht und in Originalgeschwindigkeit redet und tatsächlich eine Antwort erwartet?
Nada.
Auch die Gitarre hat es geschafft
Unsere Gitarre ist wieder heil!
Die neuen Gitarrenwirbel kamen – von Amazon.
Nicht, weil wir es nicht auf dem lokalen Weg versucht hätten.
Nur: Auf Mails oder WhatsApp-Anfragen bei lokalen Geschäften kam einfach keine Antwort.
Und auf gut Glück wollten wir nicht bis ans andere Ende der Stadt fahren. Nicht nochmal.
Ich denke an meine geliebte, offensiv dienstleistungsorientierte Haltung bei der Arbeit in Deutschland und weiß es erstmal nicht einzuordnen.
Der weiße Fleck
Auf Isla Grande, einer der Inseln vor Cartagena, gibt es ein Dorf.
Keine asphaltierten Straßen. Aber funktionierende Sandwege und Pfade.
Auf Google Maps sah das Ganze entsprechend lustig aus:
ein weißer Fleck.
Also haben wir uns fast gar nicht verlaufen.
Das passiert uns demnächst wohl öfter.
Seglerparadies?
Uns begegnen an der kolumbianischen Küste nur eine Handvoll Yachten. Hier und da taucht mal eine andere Langfahrtcrew auf. So richtig viele Möglichkeiten zum Ankern gibt es nicht.
Das macht das Segeln hier etwas anders, als wir es bisher erlebt haben.
Es ist weniger ein stetiges Weiterziehen.
Eher ein Hin und Her zwischen den wenigen schönen (nicht spektakulären) Ankerplätzen und der Lagune von Cartagena, wo man sich mit dem versorgt, was man eben so braucht.
Und das Unterwasserschiff möglichst bald wieder aus dem Pocken- und Algendschungel erlöst, um vor Anker mit dem Schrubben von vorne anzufangen.
Armer Fuchur!
Santa Marta, Minca und der Dschungel
Unser einwöchiger Landausflug nach Santa Marta und weiter nach oberhalb vom Bergdorf Minca war dafür ein echtes Abenteuer.
Heiß. Eng. Weit. Anders. Spannend. Herausfordernd.
Und – zumindest für unsere Verhältnisse – geradezu luxuriös.
Wir hatten eines von nur drei Zimmern in einer Villa gebucht und freuten uns auf vier Nächte im Dschungel.
Auf Aussicht.
Flora und Fauna.
Wandern.
Und vor allem auf ein richtiges Bett.
Eines, um das man herumgehen kann.
Eines, in das man sich einfach hineinfallen lässt.
Eine Gemeinschaftsküche mit einer quasi unendlichen Arbeitsfläche.
Eine richtige Dusche.
Und angeblich sogar warmes Wasser.
Nunja, es war weder warm noch hatte es Wasserdruck.
Aber die Aussicht aus der Dusche war toll.
Zum Stehenbleiben.
Die engen Busfahrten, verschmutzten Klimaanlagen und diverse ungewohnte Keime waren keine besonders gute Kombination. Allergische Reaktionen, eine ordentliche Erkältung und zum Schluss noch ein eingeklemmter Nerv sorgten dafür, dass aus unseren ambitionierten Wanderplänen eine ziemlich abgespeckte Dschungelversion wurde.
Aber trotzdem:
Die Sierra Nevada war großartig.
Dschungel, Berge, fremde Tiere und Pflanzen….
Und jetzt?
Wir liegen wieder vor Anker bei Rosario und erholen uns.
Wir schniefen noch ordentlich und mein Bein tut schon fast nicht mehr weh.
Unser derzeitiges Versorgungssystem funktioniert erstaunlich gut:
Regen liefert manchmal Wasser
Sauerteig liefert manchmal Brot.
Amazon liefert manchmal Ersatzteile.
Kolumbien liefert Geschichten.
Geplant ist noch ein letzter Trip nach Cartagena.
Letzte Besorgungen.
Ausklarieren.
Und dann heißt es:
San-Blas-Inseln.
Wieder eine neue Welt.
Wir sind gespannt.
Angeblich 365 Inseln, kein Straßenverkehr und hoffentlich niemand, der mit 40 Knoten an unserem Anker vorbeibrettert.
Wir melden uns wieder!
Hier unsere Quintessenz in Filmform: „Urban and Jungle“
























































