Chapter 24 – Zwischen zwölf Tagen Staub und einer Stunde Delfine
Eigentlich wollten wir nur das Unterwasserschiff machen.
In Cartagena ergab sich kurzfristig die Gelegenheit, Fuchur an Land zu stellen. Wir griffen zu. Schließlich sollte das Schiff für den Pazifik fit werden. Drei Schichten Antifouling, ein bisschen Schrauberei, fertig. So ungefähr hatten wir uns das vorgestellt.
Es wurden zwölf Tage. Bei 40 Grad, ohne Schatten, mit Schleifstaub in jeder Körperöffnung und einer To-do-Liste, die partout nicht kürzer werden wollte.
Die Mitarbeiter der Werft waren ausgesprochen freundlich. Nur änderte sich dadurch an den Arbeitsbedingungen leider nichts.
Die ersten beiden Tage kratzten wir die letzten Pockenreste vom Rumpf. Danach sollte es mit den eigentlichen Arbeiten losgehen. Mit den täglichen Gewittern hatten wir gerechnet. Mit dem Dreck, der von den anderen Baustellen zu uns herüberwehte, weniger.
Eine Bootslänge entfernt wurden unter freiem Himmel Glasfasermatten laminiert. Drei Meter neben uns schliff und sprühlackierte der Tischler vor seinem Verschlag. Fünf Meter weiter wurde ein komplettes Unterwasserschiff abgeschliffen: Antifouling, Gelcoat, Laminat. Ohne vernünftige Einhausung, ohne Absaugung.
Zwölf Tage Werft
Der feine Staub setzte sich überall fest. In Nase und Augen, auf der Kleidung und natürlich auch im Boot. Wir trugen Masken, so oft es ging. Viel half das nicht. Was genau hinter der Mauer abgeschliffen wurde, wollte ich lieber gar nicht wissen.
Bei meinem ersten Praktikum in einer Tischlerwerkstatt war irgendwann Feierabend. Vorher wurde gründlich gefegt und alles aufgeräumt. Hier war um 17 Uhr ebenfalls Schluss. Nur blieb der Staub einfach liegen.
Von halb acht bis fünf mussten wir sämtliche Fenster und Luken geschlossen halten. Lüften war keine Option. Drinnen wurde es entsprechend unerträglich. Ab etwa 16 Uhr kamen die Mücken und Gnitzen dazu, und die Werfthunde verteilten ihre Hinterlassenschaften großzügig auf dem Gelände und in unserem Arbeitsbereich unter Fuchur.
An Bord hatten wir kein fließendes Wasser. Die beiden Toiletten und zwei halboffenen Duschen der Werft waren auch nicht gerade ein Grund, länger als nötig dort zu bleiben. Nachmittags stapften wir in voller Montur hinüber und duschten die Kleidung gleich mit.
Auch die große Wäsche hatten wir uns anders vorgestellt. Bettzeug, Polsterbezüge, Handtücher – einmal alles gründlich durchwaschen. Die Waschmaschine der Werft war allerdings ein älteres Modell, das wir nicht selbst bedienen durften. Als wir unsere Wäsche zurückbekamen, roch sie muffiger als vorher und fühlte sich kaum gewaschen an. Die Servicekraft versuchte es ein zweites Mal. Besser wurde es dadurch nicht.
Ob ich mich jemals an dieses Klima gewöhne, weiß ich nicht. Die Arbeiter schützen sich vor Sonne und Mücken mit langer, dicker Kleidung, manche tragen sogar Schals um den Kopf. Ich habe das nicht durchgehalten. Sobald es irgendwie ging, zog ich einfach alles aus.
Wenigstens kamen die Gewitter zuverlässig erst, wenn die jeweilige Schicht Antifouling so weit getrocknet war, dass sie nicht gleich wieder abgespült wurde. Propeller polieren und Opferanoden wechseln gingen flott. Damit war das Unterwasserschiff erledigt.
Unsere Steuersäule
Wenn Fuchur an Land steht, drehe ich von unten am Ruderblatt, um zu prüfen, ob alles in Ordnung ist. Diesmal machte es Geräusche und bewegte sich nicht so, wie es sollte.
Wir öffneten zunächst die Steuersäule von oben. Einen Tag später war klar, dass wir von unten an die Sache heran mussten. Dafür musste die gesamte Achterkabine ausgeräumt werden. Bei geschlossenen Luken und dieser Hitze. Das ganze Zeug lag anschließend natürlich irgendwo anders herum.
Bei der Demontage der Steuereinheit zeigte sich: Das untere Kugellager war auseinandergefallen. Um es auszutauschen, mussten wir die Steuersäule ausbauen, die vertikale Welle durchtrennen und anschließend wieder anschweißen lassen.
Ja, das hat der Hersteller tatsächlich so vorgesehen.
Der nette, auch englischsprachige Werftchef kam mit seinem Metallbauer vorbei. Unkompliziert, keine Termindiskussion, einfach so. Danke. Schon am nächsten Tag wurde die Reparatur angegangen. Wir standen dabei nicht gerade entspannt daneben. Hinterher sah die Steuersäule ziemlich mitgenommen aus, aber das neue Lager war drin. Chris war beim Einkauf dabei. Die richtige Bezugsquelle hätten wir allein garantiert nicht gefunden.
Am nächsten Tag räumten wir die Achterkabine erneut aus und bauten alles wieder ein. Ob die Reparatur dicht ist, hätten wir nur prüfen können, indem wir die ganze Kabine noch einmal ausräumten. Dazu fehlte uns schlicht die Motivation und die Zeit. Wir hoffen.
Während wir noch mit dem Wiedereinbau beschäftigt waren, kam jemand vorbei, rüttelte kräftig am Ruder und erklärte uns, dass wir ein Problem bekommen würden. Da sei zu viel Spiel, das Ruderlager sei kaputt.
Danke für den Hinweis. Wir hatten den Schaden bemerkt, die Reparatur erledigt und das Ruder anschließend selbst bewegt. Es fühlte sich wieder an wie vorher.
Ich kenne mein Ruder.
Poldi hat durchgehalten. Die Reparatur leider nicht.
Als wäre das nicht genug, machte auch unser PVC-Beiboot Probleme. Boden und Schlauch verloren Luft. Mit Spülwasserschaum waren die Lecks schnell gefunden.
Passenden Kleber hatten wir nicht an Bord, und Zeit für eine vernünftige Reparatur auch nicht. Also gaben wir die Arbeit in Auftrag. Der Mann war freundlich, versetzte uns aber gleich dreimal. Als das Beiboot schließlich fertig war, stellte sich heraus, dass die Reparatur nicht fachgerecht ausgeführt worden war. Es war immer noch undicht.
Poldi hatte uns bis nach Panama gebracht. Dass er nicht ewig halten würde, damit hatten wir gerechnet. Nun war endgültig klar, dass wir für den Pazifik ein neues Dinghy brauchten.
Diesmal soll es aus Hypalon sein und einen festen Boden haben. Das neue Boot ist bereits bezahlt und auf dem Weg von China in die USA. Ein anderer Segler hat einen ganzen Container bestellt und uns eines der Boote daraus reserviert. Die Händler vor Ort hatten auf unsere Anfragen nicht reagiert.
Jetzt hoffen wir, dass es rechtzeitig bei uns ankommt. Noch brauchen wir Poldi.
Käfer, Schimmel und Rost
Während wir draußen am Boot arbeiteten, wartete unter Deck genug Arbeit auf uns. Eine Schale mit Brokkoli fiel aus der Mikrowelle und landete auf dem Boden. Scherben und Brokkoli verteilten sich in den Ritzen und unter den Bodenbrettern. Dort lagen auch noch die toten Rüsselkäfer.
Die Käfer kamen aus einer Nudelpackung. Wir hatten unsere Vorräte vorsorglich drei Tage eingefroren, um solche Überraschungen zu vermeiden. Trotzdem hatten sie sich vermehrt und waren inzwischen überall zu finden. Sogar im Klo.
Während der zwölf Tage an Land blieb gerade ein Tag für eine gründliche Innenreinigung. Danach haben wir weitere Tage damit verbracht, alles auszuräumen, sämtliche Flächen mit Alkohol abzuwischen und die Sachen wieder einzuräumen. Schränke, Klappen, Bilgenfächer – alles.
Unsere Bambuskästchen, in denen wir allen möglichen Kleinkram aufbewahrten, waren alle zwei Tage wieder weiß überzogen. Der Lack war offenbar nicht für das Bordklima gemacht. Wir haben die Kästchen deshalb verschenkt. Den Stauraum vermissen wir jetzt natürlich, bis wir hoffentlich Ersatz aus Plastik finden.
Auch Edelstahl rostet in dieser Umgebung munter vor sich hin. Meine Brillen zerlegen sich, weil Schrauben und Gelenke rosten. Ein Optiker vor Ort konnte das kaputte Teil leider nicht ausbohren. Jetzt hält eine Drahtschlaufe die Brille zusammen. Rostakzente inklusive.
Dinge, die wir nicht mehr brauchten, stellten wir unter den Rumpf und versahen sie mit einem Schild. Innerhalb einer Stunde hatten fast alle neue Besitzer gefunden.
Einkaufen in Zapatero?
Die Werft lag in Zapatero. Hinter dem Hochsicherheitstor gab es Sandpisten, bei Regen Schlammpisten, unendlich viele Motorräder, vergitterte Häuser und Lagerhallen, bei denen man nicht unbedingt wissen wollte, was darin passierte. Zum Spazierengehen lud die Gegend nicht gerade ein. Wir sind trotzdem losgezogen.
Für unseren letzten größeren Einkauf nahmen wir letztendlich ein Uber in unser altes Viertel. Wir wollten möglichst viel besorgen, bevor wir nach Guna Yala aufbrachen. Aber auch dort gab es längst nicht alles, was wir brauchten bzw. wollten.
Zwei Dinge standen zuletzt noch aus: die Gastlandflaggen für den Pazifik und unsere Ausreisepapiere.
Flaggen, Pässe und Marschmusik
Die Gastlandflaggen wollten wir diesmal drucken lassen. Bisher hatten wir aus großen, billigen Flaggen die einzelnen Länderflaggen selbst zusammengenäht. Für den Pazifik haben einige davon allerdings ziemlich komplizierte Motive. Also ließen wir die verschiedenen Flaggendesigns auf ein großes Stück Stoff drucken, das wir anschließend auseinanderschneiden und säumen können. Das ist deutlich günstiger, als jede Flagge einzeln zu kaufen.
Wir hatten es vorher schon an mehreren Stellen versucht. Auch dieser Drucker ließ uns warten, aber am Ende waren die Flaggen tatsächlich fertig. Sie sind zweilagig geworden, weil er darauf bestand, das immer so zu machen. Die Diskussion darüber, dass die zweite Stoffbahn dafür gespiegelt werden muss, war auf Spanisch ausgesprochen interessant. Und es war sogar noch Platz für unsere neue Fuchurflagge.
Unser Agentenabenteuer ging bis zuletzt weiter. Die gestempelten Pässe und das Ausreisedokument kamen erst in letzter Minute, obwohl wir ihm fünf Tage Vorlauf gegeben hatten. Inzwischen schwamm Fuchur wieder, und wir mussten den Platz räumen. Es gab also eine fliegende Übergabe, und dann waren wir endlich wieder unterwegs.
Eine Sache werde ich allerdings vermissen: die Musik von der Militärbasis gegenüber. Dort wurde regelmäßig Marschmusik geübt. Das erinnerte mich an meine Zeit in der Highschool-Marchingband.
Endlich wieder auf dem Wasser
Nach zwölf Tagen konnten wir Cartagena hinter uns lassen. Auf nach Panama! Mal schnuppern ob es da von oben bis unten nach Bananen riecht.
Doch erstmal kommt weißer Dampf aus dem Auspuff und zu wenig Kühlwasser. Also Segel hoch und Motor freilegen. Kein zugesetzter Filter, Impeller ok, Wärmetauscher frei, also muss sich losgebrochenes Pockengekrümel im Saildrive von unten an das Seeventil gesaugt haben. Ein schnell gebauter Adapter zwischen unserer Luftpumpe fürs Dinghy und dem Kühlwasserschlauch lässt es uns rückwärts freipumpen.
Inzwischen erkunden wir Guna Yala und hüpfen mit Fuchur von Insel zu Insel. Die kleinen Inseln sind wunderschön, die Menschen freundlich. Dazwischen treiben allerdings jede Menge Müll und Baumstämme. Und es riecht nicht nach Bananen.
Beim Müll stehen wir vor einem Problem, für das wir bisher keine vernünftige Lösung gefunden haben. Wir haben etwas Biomüll und eine kleine Menge Plastik zusammen mit anderen Seglern verbrannt. Chris schneidet die leeren Konservendosen klein, damit wir sie platzsparend lagern können, bis wir wieder ans Festland kommen. Wir haben viel recherchiert, aber bisher nicht herausgefunden, wo Segler ihren Müll hier zuverlässig und richtig entsorgen können.
Und dann waren da noch die Gnitzen. Ihre Bisse haben mich für einige Tage komplett außer Gefecht gesetzt. Überall juckender Ausschlag. Es war furchtbar. Ich habe geheult und stundenlang geflucht. Armer Chris. Schwimmen geht natürlich auch nicht, solange das Entzündungsrisiko zu hoch ist. Wir ankern inzwischen nicht zu dicht an den Inseln. Denn wenn der Wind einschläft finden die Gnitzen uns auch auf dem Wasser.
Manchmal kommen Gunas mit ihren Langbooten längsseits und bieten frischen Lobster an. Zuerst gab es gegrillte Lobsterschwänze, später Suppe aus den ausgekochten Teilen.
Und vor ein paar Tagen kamen Delfine dazu. Bei Windstille begleiteten sie uns über eine Stunde lang. Wir haben die Genua weggerollt, uns treiben lassen und einfach nur gestaunt.
Das Video davon findet ihr unten.









































