Chapter 19 – zwischen Euro, Dollars, Dschungel und Macheten
Guadeloupe fühlte sich an wie ein sanfter Wiedereinstieg in Europa.
Zumindest in unserem Kopf. Wir zahlten wieder in Euro. Die Autos fuhren wieder rechts.
Beides irritiert zuverlässig. Kaum hat sich das Gehirn auf „andere Welt“ eingestellt, wechselt die Realität wieder die Seite. Fuchur rollte nur leise mit dem Bug – er kennt nur Kollisionverhütungsregeln.
Wir ankerten in der Grande Anse direkt im Norden der Insel und liefen nach Deshaies.
Die Serie „Death in Paradise“ kannten wir damals noch nicht. Die Begeisterung anderer Segler für diesen Ort konnten wir also nur höflich zur Kenntnis nehmen. Später haben wir das nachgeholt. Erste Staffel. Aha-Moment. Plötzlich war alles Kulisse.
Guadeloupe ist vertraut und tropisch zugleich:
Baguette unter Palmen.
Freilaufende Hühner zwischen Hibiskus und Bananen.
Ziegen und Kühe neben den Wegen.
Wir suchten und recherchierten Früchte wie Darwin und fanden das ein oder andere Essbare.
In Malendure kauften wir bei Leader Price groß ein, die erste Gelegenheit seit Langem, und eine Machete. Man weiß ja nie.
Les Saintes – erst unruhig, dann schön und produktiv
Les Saintes empfingen uns erst mit Geschaukel.
Der einzige bojenfreie Platz war bei viel Wind alles andere als romantisch. Also gaben wir auf. 13 € pro Nacht. Boje vor Îlet à Cabrit. Entscheidung: hervorragend. Dort fanden wir, was man nicht kaufen kann: Ruhe.
Wir spazierten, schnorchelten, liefen Terre-de-Haut kreuz und quer ab. Es gab super Baguette. Ein bisschen Gemüse. Ein bisschen Obst. Und den Pompière Beach mit Kokospalmen, die aussehen, als hätten sie Palmitektur studiert.
Das riesige Bojenfeld vor Terre-de-Haut ist ein eigenes Schauspiel. Und mittendrin gleiten regelmäßig kleine, elegante Kreuzfahrtschiffe vorbei. Manchmal sogar unter Segeln. Man fühlt sich wie ein Statist im Film. Und jedes mal zauberte uns ein Heimathafen Hamburg ein Lächeln in die Seele.
Nebenbei arbeiteten wir. Gastlandflaggen für Dominica und St. Vincent wurden genäht. Das Rigg nach der Atlantikbeanspruchung von oben bis unten systematisch gecheckt und kleinere Schäden sofort behoben und Verbesserungen vorgenommen. Der Drucker, seit Monaten beleidigt verstaut, musste überredet werden, wieder Patronen anzuerkennen. Ausklarierungsdokumente drucken ist erstaunlich nervenaufreibend, wenn ein Gerät beschließt, dass es lieber meditieren möchte.
Dominica – Schwell mit Charakter
Dann Dominica. Wind aus Ost. Wir im vermeintlichen Schutz der Insel.
Und trotzdem rollt der Nord-Nordwest-Schwell von fernen Winterstürmen im Norden herbei. Quer zum Schiff. Fies. Rhythmuslos. Auf Antigua gab es immer eine Möglichkeit, sich in eine entsprechend geschützte Ankerbucht zu verholen. Diesen Luxus bietet die Westküste von Dominica nicht. Der weit gereiste Schwell trifft auf steile Strände, bricht kurz und hart – und macht Anlanden zur Mutprobe. Unsere Versuche waren … grenzwertig. Und oben sofort dichtes Gebüsch. Wo Dinghy festmachen? Und natürlich steht genau am einzig möglichen Platz eine Kokospalme. Fallende Nüsse sind kein Mythos.
In Portsmouth South beschlossen wir zunächst zu laufen. Busfahren ist hier eher eine theoretische Idee. Mietwagen teuer. Straßen mit Unterboden-Ambitionen. Also Füße.
Ein Zufall führte uns genau zum Schulschluss in einen endlosen Strom uniformierter Schüler:innen. Wir reihten uns ein, liefen den Hügel hinunter, sahen, wie sich Wege trennten, Schüler abbogen, Türen aufgingen. Kein Event. Kein Highlight. Nur Alltag.
Und genau das war eines.
Später entdeckten wir Bananen in einem einfachen Verschlag. Also suchten wir den Gärtner. Ein sehr alter Mann, der uns Kochbananen und rote Bananen verkaufte – und geduldig erklärte, welche man kocht, welche man roh isst und wann sie perfekt sind. Hände, Füße, Kreolisch, Englisch. Verständigung gelingt, wenn man sie will.
Dschungel und Macheten
In Portsmouth, sagte man uns, dürfe man den Indian River keinesfalls verpassen. Schließlich eine weitere Filmkulisse, diesmal von „Pirates of the carribean“. Also fragten wir uns durch ein Wohngebiet bis durch das Gelände eines Bauhofes und fanden schließlich den Trail am Fluß entlang. Nicht dort wo die Karte ihn zeigte. Wir betraten zum ersten Mal Regenwald – beeindruckend!
Davon wollten wir natürlich mehr und schnappten uns den nächsten Fluß (Picard River) startend an seiner Mündung ins Meer. Dominica zeigte sich von seiner schönsten Seite: Kaskaden, Naturpools, flache Steine im klaren Wasser. Sonntagmorgen. Studenten mit Rum-Picknick luden uns ein. Wir lehnten ab – der Berg wartete.
Weiter oben dann die andere Seite: bellende Hunde, die ihre Reviere in verlassenen Gemäuern voller Müll verteidigten, Plastikplanenfetzen zwischen Bananenstauden, leere Flaschen Pflanzenschutzmittel am Wegesrand. Dominica spart nichts aus. Schönheit und Verfall leben hier Tür an Tür. In der Einsamkeit, wo der Weg im Fluß verschwand, trafen wir einen Mann, der dort in der Bananenplantage arbeitete. Wir fragten nach dem Weg. Er sagte nur: „I’ll bring you.“ Verschwand in einer verfallenen, vermüllten Hütte. Kam zurück. Mit Machete. Schluckmoment. Gut, dass wir an den Anblick schon gewöhnt waren. Beim letzten Spaziergang nutzte eine Zufallsbegegnung seine Machete, um uns eine Guave vom Straßenrand mundgerecht zu kredenzen. Aber hier oben am Ende der Welt?
Spoiler: Wir leben noch.
Er war freundlich. Erzählte von seiner Arbeit und seinem Glück, nicht in den ganz steilen Hangplantagen arbeiten zu müssen. Der Trail allerdings hatte nur noch lose Bekanntschaft mit der Karte. Steil. Steiler. Kaum noch Weg. Irgendwann drehten wir um und rutschten mehr oder weniger kontrolliert zurück ins Tal, nochmal an den Hunden vorbei..
Exploring Phantasia heißt manchmal auch: Karte +, Realität -.
Zweiter Versuch, gleicher Matsch
Das Picard-Viertel klang harmlos.Viele Studierende der American Canadian School of Medicine wohnen dort. Google Maps zeigte Straßen und Wege, war optimistisch. Die Einheimischen weniger. Kopfschütteln inklusive. Am Ende standen wir wieder im Matsch. Also wieder: retoure. Und wieder ein paar echte, freundliche Begegnungen.
Strand. Brandung. Entscheidung.
Zurück am Dinghy waren die Wellen inzwischen deutlich entschlossener. Eigentlich zu viel.
Also Plan B: Alles ausziehen, was beim Schwimmen stören würde. Sollte das Paddeln nicht funktionieren, könnten wir das Dinghy schwimmend bis hinter die Brandungszone ziehen. Dann erst einsteigen. Wir arbeiten an der Technik. Theorie: Trittschlaufe plus Flaschenzug-Effekt. Praxis: erster improvisierter Test erfolgreich. Optimierung folgt. Hat diesmal noch ohne geklappt. Ja, größere Wellen treten fast immer in Serien auf – also warten und dann im richtigen Moment los.
Man wächst mit seinen Aufgaben. Oder wird zumindest nasser.
Die Brandung bleibt. Gut, dann eben Boatwork.
Anlanden unmöglich? Dann bauen wir. Der Windpilot wurde demontiert – er ist Offshore-Experte, nicht Inselhopper. Und plötzlich war sie wieder da: unsere Badeplattform. Die Kuchenbude über dem Cockpit wurde reaktiviert. Endlich wieder draußen sitzen, trotz karibischem On-Off-Sonne-Regen-Theater. Unser Lebensraum wuchs spürbar.
Fast gleichzeitig montierten wir die letzten Aluprofile für die Davits. Gamechanger. Dinghy hoch, Dinghy runter, Motor dran, Motor ab – mit Lastenkran und einem Lächeln.
Dann ein Klassiker: Sicherung der Wassermacher-Impellerpumpe verrostet. Pumpe tot. Kurze Stille.
Wir fahren bewusst Minimal-Rückspülstrategie, produzieren täglich kleine Mengen, um unseren Energiehaushalt und den Kärcher zu schonen. Der ist nicht für lange Betriebszeiten ausgelegt. Und ohne Rückspülen des Systems müssen wir auch weniger Wasser produzieren, nur um es wieder ins System zurück zu geben. Ohne Wasser wird es aber schnell ernst für die Membran, dann gammelt sie und wird unbrauchbar, ein sehr teurer Defekt. Und wo eine neue Membran herbekommen?
Also sofortige Reparatur alternativlos. Mc Gyver half. Konstruktion verbessert. Einkaufsliste für Martinique? Wird immer ambitionierter.
Mero – oder: Dominica spuckt uns aus
Wir segelten weiter südwärts und ankerten vor Mero. Der Schwell dort: unerträglich. Anlanden unmöglich. Es fühlte sich an, als wolle Dominica sagen: „Nicht jetzt.“ Also drehten wir um. Zurück nordwärts nach Guadeloupe. Und entdeckten die Insel Marie-Galante. Wir erwarteten nichts.
Wir bekamen alles.
Schildkröten. Kristallklares Wasser. Postkartenstrand. Lange Spaziergänge durch hiesigen Mischwald direkt am Strand und durch Wohnviertel im Inselinnern. Eine historische Rumdestillerie in Aktion – eine riesige Maschine, Förderbänder, Zahnräder, Kettenriemen. Man kletterte quasi durch den Bauch der Rumherstellung.
Wir entdeckten den Ort Saint-Louis. Und verbrachten den Karnevalssonntag in Grand-Bourg, der Inselhauptstadt. Hin ergatterten wir einen Bus. Der Fahrer bot uns an, bis zu sechs Personen „privat“ für 40 € am Abend zurückzubringen. Gab uns seine Telefonnummer, wir sollten einfach anrufen wenn wir nach Hause wollen. Sonst wären es 10 km Nachtmarsch geworden. Zwei Buddycrews waren schnell eingesammelt. Manchmal fluppt es einfach.
Und dann?
Ein Wetterfenster rief. Der Nord-Nordwest-Schwell blieb. Der Wind wäre bald zu stark, um wegzukommen. Also beschlossen wir schweren Herzens, Dominica diesmal nur zu passieren und direkt nach Martinique zu segeln.
Inzwischen haben wir Nordmartinique erreicht. Haben zufällig entdeckt, dass wir wieder einmal in Kulissen ankern, diesmal von „Deadly Tropics“. Doch dazu später mehr.
Denn dann wollte der Motor nicht mehr anspringen. Die Starterbatterie hat ein Spannungsproblem.
Stunden später, immer noch im elektrischen Innenleben von Fuchur, sind alle verdächtigen Fehlerquellen systematisch ausgeschlossen: eine neue Starterbatterie muss her. Jetzt starten wir den Motor notdürftig per Servicebank und warten auf ein Wetterfenster, um nach Le Marin, dem Segelzentrum der Karibik, zu segeln, wo wir hoffentlich alles bekommen und reparieren können, was auf unser immer länger werdenden Liste steht: Einkäufe, Bootsarbeiten und die Vorbereitung auf St. Vincent und die Grenadinen.
Fuchur schaukelt geduldig vor Anker. Als wüsste er, dass jede Reise nicht aus perfekten Etappen besteht, sondern aus Entscheidungen, Improvisationen und dem Mut, umzudrehen.
Exploring Phantasia heißt nicht: immer weiter.
Sondern: weiter denken. Weiter fühlen. Weiter segeln.
Wir melden uns!
Hier der Text zum Song auf Englisch und Deutsch






















































