Stadtleben an der Kette. Dschungel dank Busfahrkarte. Agent abgehängt.
Das Wetterfenster kam.
Und diesmal hielt es tatsächlich, was es versprochen hatte. Nach all den Tagen des Wartens wurde aus Curaçao Richtung Cartagena plötzlich genau das, wofür man sich das ganze Wetterkartenstudium überhaupt antut: raumschots, kleine Welle, angenehmer Wind, Schönwettersegeln. Keine bösen Überraschungen.
Nach vier Tagen und Nächten tauchte Cartagena vor uns auf. Und als wir um zwei Uhr nachts in die Lagune liefen, begrüßte uns: ein Feuerwerk.
Also ein echtes. Klar. Gute Zeit dafür.
Um drei Uhr fiel der Anker vor dem Club Náutico. Wir tranken noch ein kaltes Wasser, betrachteten die Hochhausskyline vor uns – die erste richtige Großstadt seit Ewigkeiten – und kletterten in die Vorschiffskoje.
Gut, dass Chris auf den letzten Meilen bereits angefangen hatte, Salon und Vorschiff wieder vom Langfahrt- in den Landmodus umzubauen. Also Vorschiff ausräumen, Salonkoje zurückbauen. Woanders Chaos schaffen. Hauptsache das Bett ist frei.
Wir waren müde. Wir waren angekommen. Wir schliefen. Ganze drei Stunden.
Willkommen in den Tropen
Um sechs Uhr morgens war es mit der Nachtruhe vorbei.
Die ersten Motorbusse donnerten an uns vorbei und brachten Menschen aus dem Umland zur Arbeit. Eine Stunde später kamen die Touristenboote dazu. In ungefähr tausend verschiedenen Formen und Größen sammelten sie sich am Touristenkai, um ab acht Uhr die Touristenhorden zu den vorgelagerten Inseln zu transportieren.
Das Ganze zurück zwischen drei und fünf am Nachmittag. Danach fahren die gleichen Boote als Barboote mit lauter Musik bis ungefähr zehn (wochentags) durch die Lagune.
Eine mehrspurige Autobahn. Und Fuchur auf dem Streifen in der Mitte. Nur ohne Leitplanken.
Wir hatten davon gehört und atmeten gleichmäßig.
Und es war heiß. Sehr heiß. Ich dachte an mein morgendliches Cockpit-Workout in den „Spanish Waters“ auf Curaçao. Ein bisschen Sport am Morgen, ein paar Übungen, frische Luft – herrlich. Hier? Nicht machbar. Nicht um sechs Uhr. Nicht um sieben. Erst recht nicht um acht.
Der Agent und die große Welt der Interpretation
Als Nächstes stand die Einklarierung auf dem Programm. Und damit betraten wir eine Welt, in der wir als Segler plötzlich nicht mehr selbst mit den Behörden sprechen. Dafür gibt es Agenten.
Wir hatten gemeinsam mit anderen Crews verschiedene Angebote eingeholt. Sagen wir es diplomatisch: Die Bandbreite war bemerkenswert. Transparenz ist in diesem Zusammenhang offenbar ein überschätztes Konzept.
Letztlich haben wir uns für jemanden entschieden, den andere Crews empfohlen hatten. Und bisher sind wir damit gut gefahren. Trotzdem bleibt vieles kompliziert und erstaunlich „interpretierbar“.
Wir wussten schon, warum wir sofort nach Cartagena gefahren waren und nicht noch einen Zwischenstopp in Santa Marta eingelegt hatten. Sonst hätten wir zweimal Agentenkosten in ungefähr derselben Größenordnung gehabt – plus die entsprechenden, nicht gerade seglerfreundlichen Hafengebühren.
Also Einklarieren in Cartagena. Mit viel Wartezeit. Am Ende dauerte es zwei Wochen, bis wir legal waren.
Cartagena: wunderschön, faszinierend und bitte einmal rechts abbiegen
Natürlich erkundeten wir Cartagena.
Wir liefen stundenlang durch Manga und GetsemanÃ, bestaunten die Architektur, sogen die Geschichte auf und genossen den Vibe dieser völlig anderen Welt.
Also zumindest dort, wo wir nicht gerade von Touristenströmen mitgerissen wurden.
Wir machten also das, was wir inzwischen zuverlässig können: Wir bogen ab. In die Nebengasse. In den Hinterhof. In die Straße, die auf den ersten Blick nicht so aussah, als müsste man da unbedingt hin.
Und dann ertönte über unseren Köpfen plötzlich Operngesang. Wir sahen nach oben. Aus einem großen offenen Fenster grinsten uns zwei Gestalten an, die auf Verstärkern hockten. Wir waren offenbar von hinten in eine Probe des Theaters geraten.
Chris versuchte von der anderen Straßenseite aus, ein Foto von den Kronleuchtern zu machen. Eine der Gestalten winkte uns heran, schnappte sich Chris‘ Handy und sagte, er komme gleich zurück. Wir schluckten. Zwei Minuten später stand er wieder vor uns und reichte uns strahlend das Handy. Ein paar ziemlich tolle Videoschnappschüsse von der Theaterprobe von Backstage.
Eine Architektin geht spazieren
Natürlich hatte ich mich intensiv mit der hiesigen Stadtplanung und Architektur beschäftigt.
„Guck mal da! Das ist das und das. Und die haben das so gemacht, weil …“ Ich bin ziemlich sicher, dass Chris und ein teilweise mitlaufender Mitsegler irgendwann darüber nachgedacht haben, ob man mich nicht irgendwo unauffällig aus den Augen verlieren könnte. Dabei ist Cartagena architektonisch (wie die meisten Orte) spannend. Man findet überall Geschichte, Umbauten, Improvisation und städtebauliche Entscheidungen.
Ich konnte also beim besten Willen mal wieder nicht einfach nur durch die Straßen laufen.
Der lange Weg zum Ventilator
Und dann war da noch unser kleines, wiederkehrendes praktisches Problem:
Wir brauchten Dinge. Unsere Suche nach brauchbaren Läden führte uns irgendwann durch die sengende Hitze in ein Baumarktzentrum und eine Mall. Erfolg? Überschaubar.
Nach diversen Versuchen landeten wir schließlich doch bei Amazon USA. Unter 200 Dollar pro Bestellung, damit der Zoll uns möglichst wenig kennenlernen möchte. Die erste Gelegenheit zum Nachbestellen seit Nordspanien – und wahrscheinlich die letzte bis kurz vor dem Panamakanal und dem Pazifik.
Was bestellt man nach anderthalb Jahren Langfahrt?
Besondere Ventilatoren. Konservierungsmittel für den Wassermacher. Mückenspray für die Klamotten. Bestimmte, erprobte Reinigungswerkzeuge für das Unterwasserschiff. Vakuumbeutel. Lichtquellen.
Und mehr große, dünne türkische Handtücher.
Wir haben zwar einige, aber längst nicht genug. Denn Handtücher sind inzwischen ein logistisches Thema. Sie dienen als persönlicher Sitzbezug, Decke, Kleidung, Sonnenschutz. Hier ist immer alles schwitzig und voller Sonnencreme. Ohne mobiles Distanzgewirk würde sich jede Oberfläche bei Berührung mit einem Menschen in ein Feuchtbiotop verwandeln.
Hier gibt es vor allem wunderbar dicke Frotteetücher. Herrlich weich. Herrlich kuschelig. Und völlig ungeeignet für uns. Sowas können wir nicht vernünftig waschen, kaum trocknen und schon gar nicht irgendwo verstauen.
Kolumbien, wir müssen reden
Vieles hätten wir lieber direkt hier gekauft. Wenn wir nur gekonnt hätten.
Nach etlichen Versuchen gaben wir irgendwann auf. Kundenkonten lassen sich ohne kolumbianische ID-Nummer, kolumbianische Telefonnummer und – Überraschung – kolumbianische Kreditkarte gar nicht erst eröffnen.
Die Lieferadresse war dabei ausnahmsweise das geringste Problem.
Wir dürfen als wöchentlich zahlende Gäste am einzigen hiesigen Dinghydock unsere Hafenadresse sogar als Lieferort nutzen und dort Kanister mit Wasser vom Steg holen.
Das ist ziemlich praktisch.
Denn den Wassermacher wollten wir hier definitiv nicht betreiben.
Die Lagune ist nicht unbedingt eine Einladung zum Trinken. Nach einem Regenguss schwimmt überall sichtbarer Müll. Das Regenwasser überflutet die Straßen, die Abwasserkanäle kommen mit den Wassermassen nicht hinterher und irgendwo muss das Ganze schließlich hin. Dazu tausende Speedbootmotoren, der Containerhafen direkt in der Nähe und nur wenig Wasseraustausch mit dem offenen Meer.
Unser Wassermacher und diese Brühe? Nein. Einfach nein.
Zwei Wochen später: Flucht nach draußen
Nach zwei Wochen war die Einklarierung tatsächlich abgeschlossen. Wir waren legal.
Wir durften also endlich offiziell das tun, was Segler am liebsten tun:
wegfahren.
Wir flohen nach draußen. Zu den Rosario-Inseln. Natürlich wussten wir, dass dort die ganzen Touristenboote hinfahren. Aber immerhin kommen die erst gegen zehn Uhr und verschwinden normalerweise gegen vier wieder. Nun ja. Bis auf diejenigen, die direkt neben uns ankern und die Nacht zur Party machen.
45 Liter Glück
Die Regenzeit soll bald kommen. Die Gewitterfronten zogen bisher zuverlässig an uns vorbei.
Unser gemäß Wettervorhersage sorgfältig aufgebauter experimenteller Versuchsaufbau zur Steigerung des Regenwasserertrages pro Schauer drohte zum Erfolg der angewandten Nutzlosigkeit zu werden.
Dann sahen wir die Regenfront. Sie kam. Über dem Wasser. Auf uns zu.
Jetzt aber schnell.
Zuerst gönnten wir Fuchur eine Süßwasserdusche mit dem Hochdruckreiniger. Dann sammelten wir tatsächlich rund 45 Liter Regenwasser in kürzester Zeit.
Genug für eine Waschmaschinenladung.
Glück.
Brot bei die Fische
Davon gab es dann gleich noch mehr:
Unser Sauerteigansatz gelang. Nach einigen Fehlversuchen endlich mal wieder. Es gab das gefühlt beste Brot seit zu Hause.
Wir probieren wirklich alles, was als Brot verkauft wird. Aber irgendwann möchte man nicht mehr überlegen, ob das, was man gerade isst, Brot oder ein süßes Gebäck mit Identitätsproblemen ist.
Unser Sauerteig hat geliefert. Deftig. Salzig. Brot.
Das merkwürdige Leben hinter den Balkonen
Ich sitze im Cockpit und schaue mit dem Fernglas auf die Hochhäuser.
Ja. Ich weiß. Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber ich wollte meinen Eindruck überprüfen.
Die Hochhäuser haben unzählige Balkone. Nur wirken sie erstaunlich leblos.
Hier ein Monoblock-Sessel. Dort ein Wäscheständer. Irgendwo eine einsame kolumbianische Flagge. Ansonsten: nichts. Kaum Pflanzen. Keine Menschen. Kein erkennbares Leben.
Ich denke an Balkone in Berlin, im Ruhrpott, in Hamburg….
Wir verstehen inzwischen erstaunlich viel. Lesen funktioniert immer besser. Über WhatsApp kommunizieren wir durchaus auf Spanisch – mit Übersetzungshilfe, aber wir verstehen, was wir da schreiben, und können nachvollziehen, was zurückkommt.
Nur das Sprechen. Das ist noch eine andere Baustelle.
Wir haben diverse klassische Spanischkurse aus der Onleihe ziemlich schnell frustriert beiseitegelegt. Restaurantbesuche. Hotelreservierungen. Dates. Also wirklich. Nicht unsere Welt. Gut, Dates haben wir miteinander natürlich auch. Aber dafür brauchen wir keinen Spanischkurs.
Schließlich sind wir auf verständlichen Input umgestiegen: langsam gesprochene, einfache Geschichten, bebildert und teilweise ausgesprochen lustig gemacht. Durch die Wiederholungen bleiben Wörter und Strukturen ganz nebenbei hängen. Und dann habe ich Geschichten über uns selber erst auf Deutsch geschrieben und auf Spanisch übersetzt. Besser als fremde Texte. Und mit dem richtigen Vokabular gespickt.
Nur wenn plötzlich ein echter Mensch vor uns steht und in Originalgeschwindigkeit redet und tatsächlich eine Antwort erwartet?
Nada.
Auch die Gitarre hat es geschafft
Unsere Gitarre ist wieder heil! Die neuen Gitarrenwirbel kamen – von Amazon. Nicht, weil wir es nicht auf dem lokalen Weg versucht hätten. Nur: Auf Mails oder WhatsApp-Anfragen bei lokalen Geschäften kam einfach keine Antwort. Und auf gut Glück wollten wir nicht bis ans andere Ende der Stadt fahren. Nicht nochmal.
Ich denke an meine geliebte, offensiv dienstleistungsorientierte Haltung bei der Arbeit in Deutschland und weiß es erstmal nicht einzuordnen.
Der weiße Fleck
Auf Isla Grande, einer der Inseln vor Cartagena, gibt es ein Dorf. Keine asphaltierten Straßen. Aber funktionierende Sandwege und Pfade. Auf Google Maps sah das Ganze entsprechend lustig aus: ein weißer Fleck.
Also haben wir uns fast gar nicht verlaufen. Das passiert uns demnächst wohl öfter.
Seglerparadies?
Uns begegnen an der kolumbianischen Küste nur eine Handvoll Yachten. Hier und da taucht mal eine andere Langfahrtcrew auf. So richtig viele Möglichkeiten zum Ankern gibt es nicht.
Das macht das Segeln hier etwas anders, als wir es bisher erlebt haben. Es ist weniger ein stetiges Weiterziehen. Eher ein Hin und Her zwischen den wenigen schönen (nicht spektakulären) Ankerplätzen und der Lagune von Cartagena, wo man sich mit dem versorgt, was man eben so braucht. Und das Unterwasserschiff möglichst bald wieder aus dem Pocken- und Algendschungel erlöst, um vor Anker mit dem Schrubben von vorne anzufangen.
Armer Fuchur!
Santa Marta, Minca und der Dschungel
Unser einwöchiger Landausflug nach Santa Marta und weiter nach oberhalb vom Bergdorf Minca war dafür ein echtes Abenteuer.
Und – zumindest für unsere Verhältnisse – geradezu luxuriös.
Wir hatten eines von nur drei Zimmern in einer Villa gebucht und freuten uns auf vier Nächte im Dschungel.
Auf Aussicht. Flora und Fauna. Wandern.
Und vor allem auf ein richtiges Bett. Eines, um das man herumgehen kann. Eines, in das man sich einfach hineinfallen lässt.
Eine Gemeinschaftsküche mit einer quasi unendlichen Arbeitsfläche.
Eine richtige Dusche. Und angeblich sogar warmes Wasser. Nunja, es war weder warm noch hatte es Wasserdruck. Aber die Aussicht aus der Dusche war toll. Zum Stehenbleiben.
Die engen Busfahrten, verschmutzten Klimaanlagen und diverse ungewohnte Keime waren keine besonders gute Kombination. Allergische Reaktionen, eine ordentliche Erkältung und zum Schluss noch ein eingeklemmter Nerv sorgten dafür, dass aus unseren ambitionierten Wanderplänen eine ziemlich abgespeckte Dschungelversion wurde.
Aber trotzdem: Die Sierra Nevada war großartig. Dschungel, Berge, fremde Tiere und Pflanzen….
Und jetzt?
Wir liegen wieder vor Anker bei Rosario und erholen uns. Wir schniefen noch ordentlich und mein Bein tut schon fast nicht mehr weh.
Auf diesem Abschnitt unserer Route haben wir uns zunächst nicht weit vom Fleck bewegt. Und trotzdem fühlt es sich an, als hätten wir für uns neue Welten entdeckt.
Zwischen Carriacou und Grenada lagen nicht einfach nur ein paar Ankerbuchten. Dazwischen lagen Menschen, die ihr Zuhause wieder aufbauen. Ein Boot, das geduldig immer neue Ideen seiner Eigner über sich ergehen lassen muss. Und die Bestätigung, dass Langfahrt wirklich wenig mit ständigem Segeln zu tun hat. Stattdessen erkunden wir das Land und reparieren unser Zuhause an den schönsten Orten der Welt. Gut. Das alte Sprichwort stimmt offenbar.
Carriacou – Zwei Jahre später
Unser erster Stopp nach der kurzen Strecke nach Carriacou ist Tyrell Bay. Einklarieren, ein kleiner Spaziergang, Schauen, was hier für uns geht und was nicht. Carriacou sieht noch immer so aus, als hätte der Hurrikan beschlossen, sowieso nochmal wiederzukommen. Neben Häusern mit frisch gedeckten Dächern stehen Ruinen, in denen noch das Geschirr neben der Spüle auf dem Abtropfgestell wartet. Direkt an der Hauptstraße. Rechts und links, vorne und hinten: alltägliches Leben. Als wäre die Familie nur eben kurz weggegangen. Zwei Jahre später.
Im kleinen Supermarkt finden wir ausgerechnet Sauerkraut und Roggenmehl. Brauchen wir aber tatsächlich gerade nicht. An der Straße kaufen wir noch Obst und Gemüse an einem kleinen Stand, bekommen reichlich überreife Bananen dazu geschenkt, laden alles ins Dinghy und machen einen Schnorchelstop an einer Tonne vor der winzigen unbewohnten Insel Jack Adan. Dort bewundern wir neben einem im Wiederaufbau befindlichen Korallenriff den Unterwasser-Skulpturenpark, der schon beginnt, Teil des Riffs zu werden, bevor Fuchurs Anker vor dem Dorf Bogles im Sand verschwindet.
Fuchur: „Ich finde Unterwasserskulpturen grundsätzlich gut. Sie beschweren sich nicht, wenn ich vor ihrer Haustür an einer Tonne parke.“
Von Freunden hatten wir schon von T. gehört. Also freuen wir uns, ihn kennenzulernen.
Es bleibt aber irgendwie schwierig. Wir finden keinen richtigen Draht zueinander. Vielleicht verstehen wir ihn nicht. Vielleicht versteht er uns nicht. Vielleicht sprach das Bier auch ein wenig mit.
Als wir erfahren, wie knapp Trinkwasser auf der Insel noch immer ist, bieten wir ihm Wasser aus unserem Watermaker an. Er fragt nach Bier. Ein paar Tage später taucht er im Dunkeln wieder auf. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auf dem Bug seines kleinen Bootes balanciert er erstaunlich mutig über die Wellen und möchte uns Fisch verkaufen. Morgen könne er auch einen Lobster besorgen. Wir bedanken uns freundlich und lehnen ab. Nicht nur, weil unser Kühlschrank schon protestiert, sondern auch, weil gerade Schonzeit ist. Nachdem er noch unter unser am Davit hängendes Dinghy gerät verschwindet sein Boot langsam in der Dunkelheit. Wir hoffen, dass er heil nach Hause kommt.
Zu Fuß über die Insel
Mit dem Dinghy landen wir am Strand von Bogles. Eine kleine Siedlung direkt vor uns am Hang. Eine freundliche Anwohnerin hält ihre Hunde fest, damit wir über ihr Grundstück zur Straße laufen können. Wir kämpfen uns zwischen Gestrüpp und Müll hindurch.
An der Dorfkreuzung sitzen Männer im Schatten und reden. Kein Handy sichtbar. Wir laufen weiter. Nach Windward, dem Dorf auf der dem Atlantik zugewandten Seite. Eigentlich ist es gar nicht weit. Eigentlich. In der karibischen Mittagssonne bekommt das Wort „eigentlich“ für uns mal wieder eine ganz neue Bedeutung. Aber es deswegen nicht zu tun scheidet aus.
Unterwegs begegnen wir Menschen, die bereitwillig erzählen. Über die Trockenheit. Über den fehlenden Regen. Über Wasser. Ein Mann schneidet die letzten grünen Zweige einer Hecke ab, damit seine Ziegen überhaupt noch etwas Frisches zu fressen haben.
Wir treffen eine ältere Frau die Wasserkanister die Straße entlang schleppt. Wir fragen ob wir helfen können. Nein danke. Aber sie erzählt uns, dass sie nur Regenwasser auffängt und kein anderes Wasser hat. Wir fragen nach ihrer Aufbereitung, bekommen aber nicht wirklich eine Antwort. Sie spricht auch davon, wie wichtig früher die großen Dächer der Fabrik/en waren, auf denen Regenwasser gesammelt wurde. Zerstört und/oder aufgegeben. Leider haben wir sie nicht hundertprozentig verstanden. Die neue Entsalzungsanlage funktioniert wohl noch im Betabetrieb und läuft nur zeitweise. Wer Wasser braucht, bringt Kanister dorthin. Manche bekommen es geliefert. Andere weniger, hören wir am Rande.
Wir wundern uns zunehmend über die hohen Zäune überall. Meist aus Schrott improvisiert, Hauptsache zu. Wir fragen, warum das so ist und erfahren: „Nein, nicht wegen der Menschen. Das ist wegen der wild laufenden Ziegen und Kühe, die sonst alles plattmachen und auffressen.“
Je länger wir laufen, desto öfter sehen wir Gegensätze. Zwischen einer komplett renovierten Villa und einem Haus ohne Dach – ein Zelt. Alle bewohnt. Warum? Später lesen wir über Materialmangel, schleppende Hilfen, fehlende Grundbucheinträge und Grundstücke, die unter Wert verkauft werden müssen. Es gab Stimmen, die von Immobilienspekulationen aus dem Ausland sprachen. Vieles erklärt plötzlich ein wenig mehr. Nicht alles.
Und dann ist da noch der Müll. Er liegt überall. Warum räumt den eigentlich niemand weg? Aber je länger wir unterwegs sind, desto vorsichtiger werden wir mit solchen Fragen. Vielleicht sind viele Menschen einfach erschöpft. Vielleicht fehlt Material, Geld oder Personal. Vielleicht trägt der Wind jeden Tag wieder ein Stück zurück. Vielleicht spielt auch Gewohnheit eine Rolle, entstanden in einer Zeit, als weggeworfene Dinge einfach verrotteten. Vielleicht ist auch die Zukunftsperspektive die Motivation, ihn liegenzulassen. Wir wissen es nicht.
Inzwischen wissen wir, dass es dieses Problem auf allen Karibikinseln, die wir besucht haben, mehr oder weniger ausgeprägt gibt. Warum haben wir immer noch nicht herausbekommen. Wir forschen weiter.
Als wir Windward erreichen, strömen gerade die Menschen aus der Kirche. Alle geschniegelt. Sonntagsfein. Und mittendrin wir. Zwei verschwitzte Gestalten, deren Kleidung eher nach „Überlebende einer Wüstenexpedition“ aussieht. Niemand scheint sich daran zu stören. Es wird gelächelt, gegrüßt.
Ein junger Künstler versteht, dass wir Schatten suchen und weit und breit keinen finden. Er geht mit uns zum begehrten Platz vor der hiesigen Disco und weiht die Leute dort kurz ein: „Die beiden brauchen mal ne Pause“. Nett, so fühlen wir uns nicht so sehr als Eindringlinge. Dort sitzen Jung und Alt zusammen, trinken ein Bier, malen die Fassade frisch an, reparieren etwas oder beobachten einfach das Dorf. Selbstverständlich. Besonders. Ich frage mich, wie diese Szene in einem deutschen Dorf gewirkt hätte.
Der Mann mit den Ziegen von der Bogles-Seite der Insel hatte uns von einer Bootsbaustelle erzählt. Natürlich müssen wir da hin. Zufällig ist sie direkt am Strand hinter der Disco. Der Zugang sieht sehr privat aus, aber wir fragen höflich und werden durchgewunken. Zwischen einfachen Buden wächst dort langsam eine große Holzyacht heran. Nicht in einer Werft. Nicht mit computergesteuerten Maschinen. Sondern Stück für Stück. Brett für Brett. Der Rumpf wird gerade beplankt. Massiv. Wir stehen eine ganze Weile einfach nur da.
Architektur kann schwimmen.
Der Rückweg hat es in sich. Schatten gibt es wieder keinen. Die meisten Bäume sind verschwunden. Zum Schluss rutschen wir eine unglaublich steile, bucklige, ausgewaschene Sandpiste abwärts, an der ganz selbstverständlich Häuser stehen. Auf dem Hinweg waren wir in deren Anblick von unten nach kurzer Bedenkzeit einen anderen, gnädigeren Weg außen herum gegangen. Jetzt sind wir irgendwie doch hier oben gelandet. Bergab. Langsam. Schritt für Schritt.
Die Menschen müssen hier wirklich alles hoch und runter tragen! Kleinkinder, Lebensmittel, Baumaterial, alles. Was machen die, die das nicht oder nicht mehr können? Was, wenn die Regenzeit kommt? Wir glauben nicht, dass hier Drohnen helfen.
Fuchur: „Menschen wählen manchmal erstaunlich steile Orte zum Leben. Ich hätte da eher eine Bucht gewählt. Wenn ich Beine hätte würde ich das reklamieren.“ Anmerkung der Redaktion: Ja, wenn man eine Wahl hat.
Inselalltag
Zurück an Bord passiert erst einmal … erstaunlich wenig. Wir räumen auf. Reparieren. Schreiben am Blog. Erledigen Papierkram. Backen Pizza. Ich übe weiter Ukulele. Gitarre geht ja nicht.
Den Großbaum parken wir inzwischen auf der Steuerbordseite, um die Solarpaneele möglichst wenig zu verschatten. Ungewohnt. Dass die Sonne hier inzwischen über den Norden wandert, fühlt sich anfangs ungefähr so falsch an wie Weihnachten im Bikini.
Und dann setzen wir zum ersten Mal unser selbst installiertes Stagsegel – ein zweites, kleineres Vorsegel. Es funktioniert. Sogar gut. Im Nachhinein sind wir ziemlich froh, dass wir die etwas spinnerte Idee trotz fehlender Decksbeschläge umgesetzt haben. Ja, wir haben uns heimlich auf die Schulter geklopft. Natürlich nur ganz kurz. Sonst hört Fuchur das noch.
Fuchur: „Ich habe das selbstverständlich gehört. Und wenn wir schon ehrlich sind: Den Großteil der Umsetzung habe ohnehin ich mit meiner tollen Struktur möglich gemacht.“
Mit dem Dinghy fahren wir in die Mangroven bei Tyrell Bay. Sie galten als sicherer Zufluchtsort für Hurrikans. Das dachten sich bei Beryl allerdings viele. Die Bilder der in- und übereinander geschobenen Boote hatten wir schon vor unserer Ankunft gesehen. Die Wracks sind inzwischen verschwunden. Die Natur erzählt die Geschichte trotzdem weiter. Es wird lange dauern, bis das Ökosystem sich erholt hat. Sehr lange.
Ankerkette für Fortgeschrittene
Schließlich geht es weiter nach Grenada. Mit einem Zwischenstopp vor der kleinen, unbewohnten Insel Ronde. Idyllisch. Dann laufen wir in Prickly Bay/Grenada ein. Spazieren durch die Gegend, versuchen Dinge zu besorgen, die es wieder mal nicht gibt. Eigentlich wichtig ist nur eine neue Nuss für die Ankerwinsch. Lange Geschichte von Schusseligkeit bei der Bestellung in Deutschland vor ein paar Jahren, die erst jetzt ihre Konsequenzen offenbart. Nuss und Kette passen um einen ISO/DIN 2mm-Unterschied nicht zusammen. Nuss inklusive super teurer und langer Lieferzeit bestellen und bleiben? Alternative? Eine komplett neue Ankerkette. Vorrätig. Fast gleich teuer. Entscheidung liegt nahe.
Wer schon einmal versucht hat, fünfzig Meter Ankerkette ins und mit dem Dinghy zu transportieren, anschließend auf ein Segelboot zu bugsieren, die alte Kette unabhängig von der neuen im engen Ankerkasten nebeneinander bedienbar zu parken, beide umzuschäkeln bei aufgeholtem Anker in einer windigen, engen Ankerbucht, möglichst weder Finger noch Füße einzuklemmen, niemanden zu rammen und den Anker anschließend wieder zum Halten auf den Grund zu bekommen, weiß: Das ist kein Einkauf. Das ist Mannschaftssport. Und natürlich hatten wir Publikum. In einer Ankerbucht wie Prickly Bay bleibt ein Segelboot, das eine solche Aktion am Laufen hat, ungefähr so unauffällig wie ein Elefant im Freibad. Am Ende liegt die neue Kette dort, wo sie hingehört. Wir auch. Mehr oder weniger. Wir hören weder Gelächter noch Applaus. Einen Abnehmer für unsere eigentlich noch gute Kette suchen wir noch. Solange fährt sie mit. Die beiden vertragen sich aktuell wie Geschwister im einzigen Kinderzimmer.
Weniger erfolgreich verläuft unsere Idee, für den kurzen Schlag in die Nachbarbucht das Dinghy mit Motor einfach am Davit hängen zu lassen. Bequem. Eigentlich wussten wir es besser. Schon nach wenigen Minuten stampft Fuchur so heftig gegen die Wellen und alles gerät dermaßen in Schwingung, dass wir eine 180 Grad Kehrtwende machen. Also alles wieder zurück. Anker runter. Dinghy ins Wasser. Motor umhängen an den Heckkorb. Dinghy wieder hoch. Anker wieder hoch. Diesmal richtig.
Fuchur: „Ihr hättet euch die Testfahrt auch sparen können. Aber Menschen glauben einer Welle offenbar mehr als der eigenen Erfahrung. Gut, dass ich quasi auf dem Teller drehen kann.“
Schließlich finden wir unseren Platz in der benachbarten Woburn Bay. Zweiseitig geschützt vom Riff. Tolle Aussicht und trotzdem ruhig genug. Eine frische Brise pfeift durch das Schiff. Genau richtig für das nächste Bauprojekt. Und der Bonus: Blick auf die private Luxusinsel Calivigny. Die kann man samt aller Gebäude und Personal für sich – und seine Gäste – mieten! Diskretion garantiert wie ich lese. Natürlich schauen wir hinüber. Mich interessiert dabei mehr die Architektur als der Luxus. Gelungen. Finde ich. Ein paarmal beobachten wir, wie weitergebaut wird. Arbeitssicherheit scheint hier nicht so ein großes Thema zu sein. Gäste sehen wir keine. Nur die stimmungsvolle Beleuchtung.
Versuchslabor Fuchur
Unser nächstes Bauprojekt beginnt zu Pfingsten. Feiertage. Während die meisten den Anlass feiern und vielleicht grillen oder einen Ausflug machen, verwandeln wir Fuchur mal wieder in ein Versuchslabor. Unser Forschungsauftrag lautet diesmal: Wie kann man in den Tropen besonders nachts möglichst viel Luftzug ins Boot bekommen, ohne bei jedem Regenschauer senkrecht im Bett zu stehen und im Halbschlaf „Luke auf! Luke zu!“ zu spielen? Nach ein paar Tagen Messen, Fluchen, Schneiden, Nähen, Verwerfen, Repeat überspannt schließlich ein ziemlich seltsam aussehendes Gebilde unsere Dachluken. Von außen erinnert es entfernt an eine Kreuzung aus Briefkasten, Schnabeltier und mittelmäßig erfolgreichem Drachen.
Der Regen muss erst einen kleinen Irrgarten überwinden, bevor er überhaupt eine Chance hat, ins Boot zu gelangen. Ein kleiner Steg oben hält den waagerecht anfliegenden Regen ab, ein zweiter unten fängt das Spritzwasser. Dazwischen findet die Luft ihren Weg. Sie tanzt hindurch, der Regen bleibt draußen. Einen Designpreis gewinnt das Teil wohl nicht, aber innen bedeutet es: Luft auf verschwitzter Haut=kühl.Sobald wir vernünftigen Stoff finden, bekommt Version 2.0 ihre Chance. Im Moment haben wir die marode Dinghyverpackungstasche umgearbeitet.
Fuchur: „Mir war gar nicht klar, dass Menschen ihre Häuser freiwillig mit Anbauten versehen. Ich dachte immer, das machen nur Seepocken. Solange ich darunter noch segeln kann, dürft ihr oben bauen, was ihr wollt.“
Kleine Siege
Nicht alles spielt sich an Bord ab. Natürlich zieht es uns immer wieder an Land. Zuerst Le Phare Bleu rechts rum, dann Grande Anse – diesmal linksrum.
Grenadas Süden ist hügelig. Von fern und auf der Karte sieht das immer so harmlos aus.
Auf einer besonders steilen Straße begegnet uns eine Henne mit ihrem Nachwuchs. Die Küken hüpfen über ein Entwässerungsgitter. Bis auf eines. Es rutscht durch das Gitter und bleibt kopfüber zwischen den Stahlrohren stecken. Die Mutter schaut einen Moment hinunter. Dann marschiert sie mit den anderen weiter. Nicht herzlos. Realistisch. Mit zwei Stöckchen angeln wir den kleinen Pechvogel wieder nach oben und beobachten erleichtert, wie er seiner Familie hinterher spurtet. Ich muss an Calimero denken und schmunzle.
Bergauf kommt uns ein alter Mann mit Stock und Einkaufstüte entgegen. Schritt für Schritt. Wir erzählen ihm, dass das die steilste asphaltierte Straße ist, die wir je gegangen sind. „Das hält mich fit!“
Zwischen all den Spaziergängen feiern wir noch einen kleinen persönlichen Triumph. Wir finden einen neuen Wasserkocher. Aus Kunststoff. Mit deutschem Stecker und wechselrichtertauglicher Leistung. Jackpot!
In der salzigen Luft rostet inzwischen alles, was nicht ausdrücklich dagegen entwickelt wurde. Wasserhähne. Reißverschlüsse. Schuhschnallen. Schrauben. Knöpfe. Unser alter Wasserkocher hatte längst beschlossen, nur noch als Roststudie zu dienen. Edelstahl, seit 25 Jahren in Ostseegebrauch. Ja, wir haben das gewusst. Aber wir konnten und wollten vor Abfahrt nicht alles prophylaktisch neu kaufen.
Außerdem finden wir endlich zwei ordentlich große, hübsche Kunststoffbecher. Ja, eigentlich ein Widerspruch. Fast einen halben Liter gibt es nun pro Ladung. Die bisherigen 300 Milliliter waren ungefähr so sinnvoll wie ein Fingerhut beim Waldbrand.
Nicht ganz so erfolgreich verläuft dagegen unser Versuch, im Supermarkt den sagenumwobenen Seglerrabatt zu bekommen. Den gibt es tatsächlich. Allerdings erst nach einem Antrag, einer Woche Bearbeitungszeit und persönlicher Abholung. Für unsere geplante Online-Bestellung gilt er natürlich nicht. Für Menschen, die gerade mit ihrem Zuhause durchs Meer fahren, wirkt dieses System … sagen wir: optimistisch.
Immerhin nimmt sich der ausgesprochen geduldige IT-Mitarbeiter des Onlineshops unseres Problems an. Ohne Rabatt. Ohne grenadische Telefonnummer. Irgendwie schafft er es trotzdem, unsere Bestellung auf den Weg zu bringen.
Ein paar Tage später hält tatsächlich ein Lieferwagen am Dinghysteg. Die Kiste enthält Gemüse mit sehr unterschiedlichem Lebenswillen. Das Risiko war einkalkuliert. Außerdem Käse und Fleisch – ungekühlt. Nun ja. Andererseits hätten wir dieselben Einkäufe auch mehrere Kilometer durch tropische Hitze schleppen müssen. Kälter wäre es dabei vermutlich auch nicht geworden.
Ein Eindruck, der bleibt
Nach dem langen Hin und Her im Supermarkt wollen wir noch kurz zum Park am Strand. Ausruhen vor dem langen Heimweg mit Gepäck. An der Straße pflückt ein älterer Mann kleine Früchte/Samenkapseln von einem Baum. Ich frage spontan, bevor ich nachgedacht habe, ob er die essen möchte. Er lacht. Nein. Ich brauche die Samen.
So kommen wir ins Gespräch. Der Mann heißt Dario. Geboren in Italien. Zwischendurch hat er mal in Hamburg gewohnt. Wir unterhalten uns auf Englisch und Deutsch. Er ist auch Segler. Ist mehrfach um die Welt gesegelt. Wurde vom indischen Ozean mal fast verschluckt, war schlimm. Das verändert, erzählt er. Er stellt Fragen, die man ansonsten vielleicht erst nach drei Stunden stellt statt nach drei Minuten. Grundsatzfragen. Ausweichen, relativieren? Fehlanzeige. Ich fühle mich zum Teil ertappt. Es hallt heute noch nach. Heute lebt er auf Carriacou.
Er und seine Mitstreiter von der KIDO Foundation sammeln unter anderem lokale Samen für Wiederaufforstungsprojekte, kümmern sich um Meeresschildkröten, päppeln sie auf und setzen sie wieder aus. Vor allem aber arbeitet er mit Kindern. Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sondern indem er sie mitnimmt, ihnen die Umwelt und den menschlichen Einfluss darauf zeigt, ihnen erklärt, warum ihre Insel und unsere Natur etwas Besonderes sind und warum sie es wert sind, geschützt zu werden. Und was sie dazu tun können.
Leider muss er sich beeilen, die Fähre zurück nach Carriacou wartet nicht. Wir wären gerne noch geblieben.
Einen Tag später schauen wir uns an. Haben die gleiche Idee. Unsere Erinnerungen an Carriacou glühen im Hinterkopf. Am liebsten würden wir sofort wieder dorthin zurücksegeln. Ein paar Tage helfen. Lernen. Mitmachen. Vervielfältigen.
Wir wünschen wir hätten ihn früher getroffen.
Auch der Rückweg wird wieder zu einer kleinen Reise. Überall sitzen Menschen an der ramponierten schmalen Straße ohne Bürgersteige vor improvisierten, windschiefen, beinahe zusammenfallenden Bretterbuden. Feierabend. Ein kaltes Bier. Ein paar Plastikstühle. Musik. Gelächter. Immer wieder ruft uns jemand zu. Zeigt uns eine Abkürzung. Fragt, wo wir hinwollen.
Ja, wir sehen vermutlich seltsam aus: völlig fertig, mit Salzkrusten von überkommenden Wellen von der morgendlichen Dinghyfahrt und einem Tag Laufen in der sengenden Sonne, einen Rucksack hinten, einen vorne. Mit Wasserkocher, Bechern und Co schleppen wir uns die Straße entlang. Und natürlich ist die Hauptstraße gerade gesperrt und daher geht der ganze Verkehr über unsere Straße. Es ist: mutig. Aber die Einheimischen machen es auch, also weiter.
An solche Tage erinnern wir uns länger als an viele Sehenswürdigkeiten.
Fuchur:„Menschen freuen sich über erstaunlich kleine Dinge. Ich tue das auch.“
Aufbruch nach Westen
Traditionell wird am nächsten Tag der vorherige erst einmal… verdaut.
Fuchur bekommt Aufmerksamkeit. Diesel und Benzin finden ihren Weg durchs Dinghy an Bord.
Und dann verabschieden wir uns von Grenada. Nicht, weil wir alles gesehen hätten. Sondern weil das Wetter zu schnell mitspielt. Carriacou fällt schweren Herzens aus. Der Westen ruft.
Vor der Abfahrt kontrollieren wir noch einmal das Rigg. Kochen ein paar Mahlzeiten vor. Das macht das Leben auf dem Meer viel leichter. Kochen unterwegs bei viel Welle ist einfach nur anstrengend. Besonders in den ersten Tagen, wenn die Seebeine noch nicht wieder da sind. Dann fahren wir mit einem klapprigen Minibus nach St. George, um auszuklarieren.
Die Busfahrt ist ein Erlebnis für sich. Eng. Laut. Rasant. An jeder Ecke scheint noch ein weiterer Fahrgast in den sehr in die Jahre gekommenen Minivan zu passen. Steht jemand auf, wird umgerückt, geschoben, nachgerückt. Das System kennen wir schon von anderen Inseln. Eine paar Schüler fahren auch mit. Frisch geschniegelt in ihren Schuluniformen, bis in die Schuhspitzen. Einer der Jungen klopft zum Zeichen, dass er aussteigen will eifrig ans Seitenfenster. (Natürlich wusste der Fahrer sowieso wo er aussteigen wollte.) Alle klettern raus. Der Junge streckt dem Fahrer ganz ernst seine kleine Hand mit dem Fahrgeld entgegen. Der Busfahrer schaut ihn an, lächelt, schließt seine Finger sanft wieder um die Münzen und schiebt die kleine Faust zurück. Der Junge soll sein Geld behalten. Der Bus fährt weiter, als wäre nichts Besonderes passiert.
Wieder auf See
Zurück an Bord verholen wir noch einmal nach Prickly Bay und kaufen neues Antifouling für den irgendwann anstehenden Unterwasseranstrich. Das Dinghy wird endgültig verstaut. Sechs Monate hing das Dinghy ständig im Einsatz am Heck. Jetzt beginnt wieder Seefahrt. Wir lassen die Luft ab und rollen es zusammen. Zurren es an der Reling fest. Der Windpilot kommt wieder an seinen Platz. Der Optimismus hält exakt bis zum ersten Büschel Seegras. Sobald sich etwas am Hilfsruder verfängt, verwandelt sich die ganze Konstruktion in ein ausgesprochen dekoratives, aber wirkungsloses Anhängsel. Also nutzen wir den elektrischen Autopiloten, der aber längst nicht so geschmeidig die Wellen wuppt.
Am Morgen richten wir noch die Passagekoje mit Leesegel im Salon ein, verstauen alles was im Salon überflüssig ist in der Vorschiffskoje und lichten den Anker. Der Bug zeigt nach Westen. Die ABC-Inseln warten.
Im Urlaub fährt man los, um anzukommen. Wir fahren weiter, um zu entdecken und oft noch nicht zu wissen, wo wir ankommen werden. Irgendwo hinter dem Horizont beginnt das nächste Kapitel.
Dies ist nach langer Zeit die erste mehrtägige Offshorepassage. 400 Seemeilen, in gebührendem Abstand von der venezolanischen Küste. Wir rechnen mit 3-4 Tagen.
Bonaire ist heiß – wir werden nicht warm
Vier Tage später liegen wir in Bonaire. Kein Materialversagen. Keine Überraschungen.
Wir wollten die Insel eigentlich auslassen, weil zu teuer. Für alles muss man als Segler hohe Gebühren zahlen. Aber viele Mitsegler schüttelten den Kopf: da müsst ihr hin. Vielleicht war genau das das Problem. Vor Kralendijk hängen wir uns an eine der Bojen. Ankern ist hier zum Schutz der Korallen tabu. Das finden wir eigentlich gut, aber der tägliche Preis ist aus unserer Sicht total überzogen, dazu die Touristensteuer und die Wassersportabgabe…. Der erste Eindruck: Türkis. Unglaublich klares Wasser. Pelikane. Wir schnorcheln direkt durch unser Bojenfeld am Riffhang. Ausgerechnet heute wirkt das Wasser erstaunlich „leer.“ Das hatten wir uns anders vorgestellt. Es ist ziemlich windig, was den Reiz, für ein paar Stunden abzulegen und die ein oder andere Boje an Tauchspots zu benutzen, drastisch reduziert. Wir lassen es am Ende.
Wir gehen an Land. Laufen durch den Ort und weiter hinaus. Bunte Gebäude im Kontrast zur wüstenähnlichen Landschaft. Trocken. Heiß. Endlich sehen wir wilde Papageien – auf riesigen Kakteen vor ausgetrockneten Tümpeln. Dazwischen Esel. Viele.
Insgesamt wirkt Bonaire auf uns wie eine Mischung aus holländischer Pittoreske und karibischem Laissez-faire. An einer Stelle bleibe ich stehen. Eine strahlend blau-weiße Häuserzeile trifft beinahe unvermittelt auf verblasste, leicht schief wirkende Holzhäuser. Ich denke: Genau hier beginnt das Ortszentrum. Ganz ohne Stadtplan erkannt. Wir kommen näher. Es beherbergt ein Architekturbüro. Am Abend sitzen wir wieder im Cockpit. „So richtig hat es noch nicht gefunkt, oder?“ „Nö.“ Nicht jede Insel muss einen sofort umarmen. Vielleicht hätten wir länger bleiben sollen. Vielleicht waren wir einfach zur falschen Zeit dort. Vielleicht war unsere Erwartungshaltung zu groß. Wir wissen es nicht. Also beschließen wir, weiterzufahren.
Fußball verbindet
Aber vorher: Fußball-Weltmeisterschaft. Genauer gesagt: Curaçao gegen Deutschland. Schon tagsüber werden wir mehrfach angesprochen:„Germany?“„Tonight! Soccer!“ „Come!“ Die Einladungen kommen völlig selbstverständlich.
Abends macht Chris sich schließlich auf den Weg zum Public Viewing. Als er später zurückkommt, erzählt er mit einem Grinsen von einer Stimmung, die wir so nicht erwartet hätten. Natürlich freuten sich alle über jede gelungene Aktion Curaçaos. Aber genauso freuten sie sich darüber, überhaupt bei einer Weltmeisterschaft dabei zu sein. Da wurde gejubelt, gelacht, diskutiert und gefachsimpelt. Nicht gegen Deutschland. Einfach für die eigene Mannschaft.
Also Leinen los. Nächster Versuch.
Spanish Waters
Die Strecke nach Curaçao ist kurz. Schon beim Einlaufen merken wir, dass hier etwas anders ist. Größer. Lebendiger. Ein bisschen wuseliger. Vor allem aber erstaunlich entspannt.
Wir hangeln uns in ein verzweigtes, geschütztes Binnenwasser – die Spanish Waters – und finden gleich einen guten Ankerspot. Am nächsten Morgen klarieren wir problemlos ein. Früh am darauffolgenden Tag fahren wir mit dem Bus nach Willemstad, um unsere Ankererlaubnis zu beantragen und zu bezahlen.
Willemstad begrüßt uns mit seinen bunten Häusern, Grachten und Klappbrücken. Die Fassaden erinnern stellenweise eher an Amsterdam als an die Karibik. Wir laufen den Tag lang Slalom durch die verschiedenen Stadtteile und kaufen auf dem Markt noch etwas Obst und Gemüse. Ein rundum gelungener Tag. Gut, dass wir früh unterwegs waren – ab zehn Uhr spuckten gleich drei Kreuzfahrtschiffe ihre Passagiere aus.
Die nächsten Tage verbringen wir zu Fuß, mit dem Bus über die Insel, auf Fuchur und im Gespräch mit Nachbarbooten. Wir feiern einen Geburtstag auf einem Katamaran, deren Eigner uns spontan eingeladen hatten – Mitglieder im Verein Transocean wie wir, die wir bisher nur aus einer WhatsApp-Gruppe kannten. Gute Gespräche, ein herrliches BBQ. Wir lernen auf unserer Reise so viele neue Menschen kennen wie sonst in Jahrzehnten nicht.
Auch Fuchur bekommt wieder Streicheleinheiten. Irgendetwas gibt es immer. Eine Leine hier. Eine Kleinigkeit dort. Ein paar Ideen, die man „nur eben schnell“ ausprobieren möchte.
Fuchur: „Fertig? Ich? Ihr kennt mich doch inzwischen besser.“
Am Abend schaukelt Fuchur unruhig an der Boje. Er möchte schon wieder weiter, nach Westen.
Weiterbauen. Weiterfahren
Im Moment verbringen wir viel Zeit damit, Wettervorhersagen zu studieren und sie anschließend wieder zuzuklappen. Für die Passage nach Kolumbien möchten wir ein vernünftiges Wetterfenster erwischen. Die Strecke hat unter Seglern einen gewissen Ruf – und den würden wir lieber nicht unnötig bestätigen. Starke Kapeffekte, Bergwinde, massive Wellen. Wir haben mindestens Respekt, ein wenig Muffensausen auch.
Das Wetter lässt sich Zeit. Also überlegen wir jeden Tag neu: hierbleiben, nach Aruba, noch warten, weiterarbeiten. Irgendwann wird es sich schon entscheiden. Bis dahin tun wir so, als hätten wir einen Plan.
Und selbst wenn das Wetter irgendwann Ja sagt, bleibt noch die Frage: wohin eigentlich zuerst? Kolumbien ist riesig. Je mehr wir lesen, desto länger wird die Liste und desto kürzer scheint die Planungszeit. Wir möchten das Land entdecken, ohne zu Flugtouristen zu werden, schließlich ist unser Motto „umweltfreundlich reisen unter Segeln“, da kommt Fliegen eigentlich nicht in Frage. Sehenswürdigkeiten abhaken mögen wir per se nicht. Außerdem wollen wir uns nicht in Agentenkosten und Organisation, Formalitäten und Gebühren zu verlieren. Also planen wir jeden Tag ein kleines bisschen weiter – und verwerfen am nächsten Tag oft schon wieder die Hälfte.
Ein langes Kapitel für eine relativ kurze Strecke. Auf allen Ebenen gilt: Nichts ist fertig. Alles geht weiter.
Überall wächst und gedeiht es: Auf Carriacou wachsen neue Dächer. In Windward wächst ein Holzboot. Dario pflanzt Bäume. Wir nähen Regenhauben, tauschen Ankerketten und schrauben an Fuchur. Und zwischendurch fahren wir immer wieder ein Stück weiter.
Nicht besonders weit. Aber weit genug. Bis zur nächsten Insel. Oder zur nächsten Idee. Oder zum nächsten kleinen Abenteuer.
P.S. Ein paar Tage nach unserem Treffen schickte uns Dario noch eine Mail. Darunter stand dieses Zitat:
„The one who plants trees, knowing that he will never sit in their shade, has at least started to understand the meaning of life.“ — Rabindranath Tagore
Fuchur: „Ich hätte da übrigens noch ein paar Baustellen.“
Die Bordwände fühlen sich zu nah an, die Luft steht still, und unser Herz kribbelt, unruhig, voller Vorfreude. Die Seekarten liegen auf dem Tisch, die Listen des noch Unerledigten schrumpfen – und wir sind hier, mitten in diesem Dazwischen, bevor das große Abenteuer Atlantiküberquerung beginnt. Das werden vermutlich drei Wochen auf See, unsere längste Überfahrt bisher auf dem gewaltigen Ozean an dessen Rand wir gerade erst gekratzt haben.
Es sind die Tage zwischen „Jetzt“ und „Bald“. Die Wellen rollen noch sanft, die Segel liegen noch unter ihren Abdeckungen, und der Ozean wartet geduldig. In diesen Momenten spüren wir, wie wichtig es ist, nicht nur nach vorne zu denken, nicht nur an den Aufbruch und das, was kommt, sondern auch das Heute zu leben.
Ein Lachen am Steg, ein kurzer Plausch mit den Seglern nebenan, das Salz auf der Haut, der Duft der Insel – all das darf nicht untergehen im Trubel der Vorbereitungen. Diese Begegnungen, die kleinen Details, die stillen Augenblicke, sind genauso kostbar wie das Meer, das bald unsere Routine bestimmen wird.
Unser Song Moment beschreibt die Zerbrechlichkeit dieser Tage, das leise Staunen, das Kribbeln im Bauch, das Bewusstsein, dass wir Teil von etwas Großem sind – und trotzdem mitten im Jetzt stehen.
Seit dem 7. September treiben wir uns nun zwischen den Kanaren herum – einem Vulkanarchipel, das wirkt, als hätte jemand Europa kurz geschüttelt, dann die Fenster offen gelassen und ein paar afrikanische Farben wären hereingeweht. Die Inseln liegen da wie eine verstreute Sammlung von Lava-Entwürfen: kantig, stolz, ein bisschen verrußt – aber mit Herz.
Die Überfahrt hierher war fast beleidigend gut. Wir flogen mit 5–8 Knoten bei mäßiger Welle dahin, Sonnenschein, ein erster Mahi-Mahi am Haken und rundherum Crews wie Figuren in einem Buch: Man blättert weiter, und plötzlich tauchen sie wieder auf. Mitsamt ihren eigenen Geschichten. Den ein oder anderen hat man vielleicht einmal irgendwo in einer Ankerbucht in Nordspanien getroffen, und bei allem was beide zwischendurch erlebt haben, segelt man plötzlich nebeneinander her oder trifft sich vor Anker oder im selben Hafen. Manchmal ist die Welt auch sehr klein.
La Graciosa empfing uns wie eine Mischung aus Mondoberfläche und Buntfilm. Gelb, karg, schön. Eine Insel, die so wenig tut, dass sie unfassbar viel macht. Hier roch es ein bisschen nach Afrika, ein bisschen nach Abenteuer, und ein bisschen nach: Warum gibt es eigentlich so wenig Schatten? Aber das gehört dazu. Wir wollten ja kein Spa-Resort.
Dann ging es weiter, eine Insel nach der anderen – Perlen auf einer windzerzausten Kette. Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria. In Arrecife auf Lanzarote brachten wir eine komplette Woche damit zu, Dinge zu organisieren, zu reparieren, zu suchen, zu finden oder nicht zu finden. Währenddessen puderte der Saharastaub Fuchur so ungeniert ein, dass unser Boot irgendwann empört wirkte. Fuchur mochte das gar nicht – und kommentierte es mit jeder Menge Quietschen. Wer einmal versucht hat, Sand loszuwerden, weiß: Man verliert nicht – man verhandelt. Und der Sand hat den besseren Anwalt.
Die Kanaren sind offiziell Europa, aber praktisch ein logistisches Experiment. Zoll? Lieferbarkeit? Oft wohl eine Lotterie mit Formularen – vorausgesetzt, man findet überhaupt jemanden, der bereit ist, hierher zu liefern, und man selber den Aufpreis zu zahlen. Wir trafen unterwegs Segler, deren Bestellungen inzwischen fast ein eigenes Jubiläum feiern könnten.
Auf Teneriffa bekamen wir dann einen Mietwagen. Und plötzlich ging alles schnell: hoch, runter, kurvig, steil, schmal, unfassbar weit. Die Insel hat so viele Gesichter, dass man das Gefühl bekommt, alle fünf Minuten in eine neue Welt zu treten. Ein echtes Phantasien. Für den Gipfel des fast 4000 Meter hohen Teide fand sich die Gelegenheit nicht – aber er ragte dafür über mancher Bucht wie ein stiller Wächter. Wir haben uns damit begnügt, ihn aus der Ferne so intensiv anzustarren, dass er es bestimmt gemerkt hat.
Und jetzt: La Gomera. Endstation Europa. Startpunkt Atlantik.
Wir bunkern Gemüse – möglichst ungekühlt, möglichst unverdächtig – und waschen alles ab, was auch nur im Entferntesten nach „Kakerlakenhotel“ aussieht. Wir reparieren das Vorsegel, waschen Wäsche, bergen verirrte Schrauben, und suchen weiter nach dem letzten Saharastaub in der Bilge. (Möglicherweise wohnt er jetzt dort. Möglicherweise zahlt er Miete. Wir wissen es nicht.)
Und dann fiel tatsächlich Regen. Nach Monaten. Ein kurzer Moment, der die Insel riechen ließ wie die Version von sich selbst, die sie im Herzen gerne wieder wäre. Die Stauseen hier sind quasi leer.
Europa liegt hinter uns. Vor uns liegt: eine Entscheidung des Wetters. Kapverden als Zwischenstation? Oder doch nonstop in die Karibik? Oder das mysteriöse Dazwischen, das es nur in der Seefahrt gibt. Die Vorhersagen sagen Montag oder Dienstag könnte es losgehen. Wir sagen: Mal schauen.
Seit Beginn unserer Reise hat sich unser innerer Maßstab nochmal verschoben – oder eher: zurechtgeruckelt. Wir sind klein. Das Meer ist gewaltig. Die Berge sind riesig. Die Klippen unerklimmbar. Die Schluchten unbegehbar. Und die Sterne strahlen ohne Konkurrenz, weil außer ihnen hier draußen nichts leuchtet. Die Wellen entscheiden jeden Abend, wie viel Schlaf sie uns gönnen. Die Natur bestimmt, was sie erlaubt – und was nicht.
Genau dieses Gefühl — dieses „tiny me“, dieses stille Staunen darüber, wie wenig wir im Gesamtplan der Dinge bedeuten und wie schön das gleichzeitig ist — steckt in unserem neuen Song.
Nachts tanzen die Fische ums Boot, als hätten sie einen geheimen Rave Club entdeckt. Im Morgengrauen krabbeln winzige Wanderer über die Grate wie Ameisen in Funktionskleidung. Und manchmal verwandeln der Schwell, plötzliche heftige Fallböen oder unerwartete Winddreher einen eben noch perfekten Ankerplatz in ein schnelles, gar nicht poetisches „Nichts wie weg“. Plan B oder C aus der Tasche zaubern? Wäre schön. Die Wahrheit: Das gehört zur Ankerroutine – jedes Mal.
Der Atlantik entscheidet, wo wir schlafen dürfen und ob wir das Dinghy heute benutzen oder lieber direkt losschwimmen, um an Land zu kommen. (Also das Dinghy hat hier nicht viele Ausflüge gemacht.)
Wie weit wir auf den Kanaren gekommen sind? Bis zu dem Punkt, an dem Demut und Dankbarkeit lauter geworden sind als jede To-Do-Liste.
In der Galerie findet ihr keine dramatischen Abenteuerbilder – weil es diesmal einfach keine gab. Dafür aber unseren Alltag hier in den letzten Wochen: Ankern. Schwimmen. Reparieren. Besorgen. Staunen, immer wieder. Und Momente, in denen das Herz größer wird, weil die Welt ringsum so herrlich groß bleibt und man selbst klein sein darf.