Man sagt, der Atlantik beginne in Mindelo.
Fuchur meint: Das stimmt. „Ab hier wird nicht mehr diskutiert!“
Für uns begann er im ersten Morgenlicht, nass bis auf die Knochen – das erste Mal seit April –, mit klammen Händen und schlechter Sicht am Steuer. Das Meer schwieg. Kein gutes Zeichen? Es schweigt nur, wenn es sich etwas überlegt.
Die Etappe Kanaren (La Gomera) – Kapverden (Mindelo) lag da bereits hinter uns, ordentlich abgeheftet unter „war ok, machbar“. Schließlich haben wir ja nun schon ein paar solcher Happen geschluckt und uns an den Geschmack gewöhnt.
853 Seemeilen in sieben Tagen und Nächten – Zahlen für Menschen an Schreibtischen. Fuchur zählt lieber Wellen. Der Wind war freundlich und effektiv, zeitweise sportlich. Wir hatten Glück. Wie wir später erfuhren, hatten einige andere Boote und Crews Schaden genommen: hier ein verlorenes Segel, dort ein gebrochener Baum …
Mindelo war eng, voll, laut und lebendig. Boote, die wir kannten. Crews, die ähnlich aussahen wie wir: motiviert, leicht nervös, schwer bepackt.
Tim und Gayle von der Wild Bird lotsten uns durch das dichte Ankerfeld zu einem freien Spot und teilten Erfahrungen aus mehreren Atlantiküberquerungen. Silvi und Hendrik von By the Wind ersparten uns das Dinghy-Aufbauen und spielten Taxi – ein echter Freundschaftsdienst. Auch Kira und Turan von Gondwana II brieften uns mit Karibikerfahrung. Fuchur und wir fühlten uns gut aufgehoben.
Einklarieren, durch den Ort treiben, auch bergan, abseits der von Touristen betretenen Pfade. Der Gemüsemarkt: eigentlich toll – es gibt etwas. Aber für Luxusverwöhnte gilt: gut, dass wir schon auf La Gomera (auch schon eingeschränkt) eingekauft hatten und nur etwas nachlegen mussten. Da wurde uns wieder einmal klar, auf was für einer Wolke wir sonst schweben: immer alles, überall. Witz? Ja!!
Für unsere Geldbeutel teuer – also viel teurer als im Supermarkt in Hamburg –, übersichtlich. Erstaunlich viel Kürbis. Kohl. Atlantik-Gemüse. Hält lange. Schmeckt nach Pflicht. Okay. Wir essen, was günstig und lokal ist. Mit dieser Prämisse sind wir losgefahren. Wir haben uns also arrangiert und dann angefreundet.
Das Ambiente: freundlich, authentisch? Viel offensichtliche Armut, auch in weiter entfernten Stadtteilen, die vermutlich kein Tourist betritt. Viel nervendes Umwerben offensichtlicher Ausländer hingegen downtown. Wir hätten uns gewünscht, als anders als die Hotellies wahrgenommen zu werden – hat wohl nicht funktioniert. Komisches Gefühl, in eine Schublade gesteckt zu werden.
Am 28.11. gingen wir mit By the Wind gemeinsam ankerauf. Wir entschieden uns für 100 Seemeilen Kurs fast Süd und dann erst gen Westen, um den Windschatten der Nachbarinsel zu umgehen.
Zwei Boote, ein Horizont. Zwei Tage und Nächte liefen wir nebeneinander, wie Kinder, die noch gemeinsam loslaufen, bevor klar wird: Jetzt geht’s wirklich raus.
Die Wellen wurden größer, unordentlicher, persönlicher. Und es zeigten sich die unterschiedlichen Segeleigenschaften und Vorlieben der Boote. Fuchur fand gerefftes Dauerlaufen unerquicklich. Unbalanciert. Undrachig.
Das Meer beobachtete uns aufmerksam, nickte dann kurz: Reicht jetzt. Da habt ihr eure verschiedenen Aufgaben.
Also entschieden wir uns für eine Brieffreundschaft für den Rest der Reise: Fuchur direkter Kurs Antigua. By the Wind leicht südlicher nach Grenada.
Was blieb, war Verbindung – auch zu anderen lieb gewonnenen Teams.
Manche Crews schrieben per Starlink WhatsApp-Nachrichten aus dem Nichts, mit Emojis und guter Laune. Andere über Garmin inReach. Kurze Texte, ohne Schnörkel. Zweimal täglich meldete sich der Ozean-Zirkus: Position, Wetter, „alles gut“. Digitale Lagerfeuer über 4.000 Metern Wasser: WhatsApp-Gruppen mit Namen wie Trans Ocean oder Finding Dorians.
Dazwischen meist Funkstille – es sei denn, ein anderes Boot näherte sich auf etwa acht Seemeilen. Dann wurde natürlich ein wenig über Funk geschnackt. Welch Enttäuschung wenn mal keine Antwort auf unseren „all ships -call“ kam.
Der Wind kam aus Ost. 15 bis 30 Knoten, in Schauern auch mal 35.
Segelbar. Hätten wir früher als unbequem abgezeichnet – aber absolut, dann geht es wenigstens vorwärts, wenn auch in leichtem Zickzackkurs nur unter Genua und Windpilot..
Die Wellen waren der eigentliche Job.
Unter Deck wurde jeder Handgriff zum Vorschlag ans Schicksal. Schlaf gab es nur eingekeilt, mit Leesegel, auf der Salonbank. Zwölf Stunden Dunkelheit, Wachwechsel nach Gefühl, meist drei Stunden. Dazu der ständige Kampf gegen zufallende Augen. Schlaf in Häppchen. Müdigkeit am Stück.
Und zusätzlich hatten wir von Tim und Gayle auch noch ein paar Haustiere geerbt, die versorgt werden wollten: frisches Ginger Ale, Kefir und Kombucha – zusätzlich zu unserer Sauerteig-Suse. Alle wollen gehegt, gepflegt und täglich gefüttert werden, und nicht alle kommen gut mit Seegang klar. Uns hat die Seekrankheit, toi toi toi, bis heute nicht heimgesucht.
Eine Nacht. Eine Welle.
Ich saß vermeintlich „sicher“ unter dem Dodger – nur für eine Sekunde nicht korrekt verkeilt. Das Meer hob mich kommentarlos an und spuckte mich eine Sekunde später wieder aus.
Zwei Meter weiter, fast über Bord, Unterkiefer auf der Winsch. Noch da. Prellungen. Glück. Sehr viel Glück.
Der Schreck blieb. Tage lang. Dieses leise Zweifeln an sich selbst, an jeder Bewegung.
Und dann noch der Verlust eines guten Freundes: mein Noise-Cancelling-Kopfhörer. Rückzugsort. Schlafhilfe. Mobiles Musikstudio. Weg. Das Meer sammelt solche Dinge. Es gibt sie nicht zurück.
Und trotzdem ließ es zwischendurch Milde walten.
Sterne, die nicht funkeln, sondern Präsenz zeigen. Sonnenaufgänge, die leise Hoffnung machen. Vögel, die plötzlich auftauchen und alles erklären. Fliegende Fische (es gibt wirklich viele davon, aber man erwischt sie nie auf Kamera – sie landen nur nachts an Deck).
Drei gefangene, große Festessen für viele Tage: zwei Mahi-Mahi, ein Wahoo. Der Speiseplan machte einen Satz von Kürbis-Kohl zu Hochsee-Festmahl.
Kurz vor dem Ziel noch ein letzter Adrenalinschub: seltsam verschnürte, treibende Pakete. Knapp vorbei. Zu knapp. Gedanken an Schraube, Saildrive, Totalausfall. Gedanken, die man sofort wieder wegschiebt, wenn nichts passiert. Das Meer sah kurz interessiert aus – dann nicht mehr.
Nach weiteren 2.182 Seemeilen, 16 Tagen und 15 Nächten fiel der Anker um 22:30 Uhr in Jolly Harbour. Antigua.
Ruhe. Kein Schaukeln. Fester Schlaf. Und das gute Gefühl, nur 2 Stunden den Motor bemüht zu haben.
Fuchur lag still. Er hatte geliefert.
Das Meer wandte sich ab. Auftrag erledigt.
Und irgendwo zwischen Atlantik und Ankerplatz war mal wieder klar:
Exploring Phantasia heißt nicht, dass alles leicht und magisch ist.
Sondern dass man losfährt.
Dass man bleibt, wenn das Meer prüft.
Und dass man weiterfährt, wenn es einen durchlässt.
In diesem Fall hat das Meer es gut mit uns gemeint.
Und wir haben richtig Lust, weiter zu segeln.
Das Video zeigt keine Ankunft. Keine Gesichter. Kein Heldentum.
Nur Meer. Segel. Bewegung. Zeitlupe. Ein Atlantik, der atmet. Ein Boot, das antwortet. Und ein Instrumentalstück, das für unterwegs entstanden ist: symphonischer progressive Rock, ohne Worte – für das, was sich auf See nicht erklären lässt.
Für alle, die den Ozean schon einmal gequert haben. Und für die, die es noch vorhaben.
Oder davon träumen.













































Herzlichen Glückwunsch euch beiden für die erfolgreiche Atlantikquerung.
Wir wünschen euch ein frohes Weihnachtsfest und für das nächste Jahr immer die Handbreit Wasser unter dem Kiel.
Elisabeth und Harald