Eigentlich wollten wir nur das Unterwasserschiff machen.
In Cartagena ergab sich kurzfristig die Gelegenheit, Fuchur an Land zu stellen. Wir griffen zu. Schließlich sollte das Schiff für den Pazifik fit werden. Drei Schichten Antifouling, ein bisschen Schrauberei, fertig. So ungefähr hatten wir uns das vorgestellt.
Es wurden zwölf Tage. Bei 40 Grad, ohne Schatten, mit Schleifstaub in jeder Körperöffnung und einer To-do-Liste, die partout nicht kürzer werden wollte.
Die Mitarbeiter der Werft waren ausgesprochen freundlich. Nur änderte sich dadurch an den Arbeitsbedingungen leider nichts.
Die ersten beiden Tage kratzten wir die letzten Pockenreste vom Rumpf. Danach sollte es mit den eigentlichen Arbeiten losgehen. Mit den täglichen Gewittern hatten wir gerechnet. Mit dem Dreck, der von den anderen Baustellen zu uns herüberwehte, weniger.
Eine Bootslänge entfernt wurden unter freiem Himmel Glasfasermatten laminiert. Drei Meter neben uns schliff und sprühlackierte der Tischler vor seinem Verschlag. Fünf Meter weiter wurde ein komplettes Unterwasserschiff abgeschliffen: Antifouling, Gelcoat, Laminat. Ohne vernünftige Einhausung, ohne Absaugung.
Zwölf Tage Werft
Der feine Staub setzte sich überall fest. In Nase und Augen, auf der Kleidung und natürlich auch im Boot. Wir trugen Masken, so oft es ging. Viel half das nicht. Was genau hinter der Mauer abgeschliffen wurde, wollte ich lieber gar nicht wissen.
Bei meinem ersten Praktikum in einer Tischlerwerkstatt war irgendwann Feierabend. Vorher wurde gründlich gefegt und alles aufgeräumt. Hier war um 17 Uhr ebenfalls Schluss. Nur blieb der Staub einfach liegen.
Von halb acht bis fünf mussten wir sämtliche Fenster und Luken geschlossen halten. Lüften war keine Option. Drinnen wurde es entsprechend unerträglich. Ab etwa 16 Uhr kamen die Mücken und Gnitzen dazu, und die Werfthunde verteilten ihre Hinterlassenschaften großzügig auf dem Gelände und in unserem Arbeitsbereich unter Fuchur.
An Bord hatten wir kein fließendes Wasser. Die beiden Toiletten und zwei halboffenen Duschen der Werft waren auch nicht gerade ein Grund, länger als nötig dort zu bleiben. Nachmittags stapften wir in voller Montur hinüber und duschten die Kleidung gleich mit.
Auch die große Wäsche hatten wir uns anders vorgestellt. Bettzeug, Polsterbezüge, Handtücher – einmal alles gründlich durchwaschen. Die Waschmaschine der Werft war allerdings ein älteres Modell, das wir nicht selbst bedienen durften. Als wir unsere Wäsche zurückbekamen, roch sie muffiger als vorher und fühlte sich kaum gewaschen an. Die Servicekraft versuchte es ein zweites Mal. Besser wurde es dadurch nicht.
Ob ich mich jemals an dieses Klima gewöhne, weiß ich nicht. Die Arbeiter schützen sich vor Sonne und Mücken mit langer, dicker Kleidung, manche tragen sogar Schals um den Kopf. Ich habe das nicht durchgehalten. Sobald es irgendwie ging, zog ich einfach alles aus.
Wenigstens kamen die Gewitter zuverlässig erst, wenn die jeweilige Schicht Antifouling so weit getrocknet war, dass sie nicht gleich wieder abgespült wurde. Propeller polieren und Opferanoden wechseln gingen flott. Damit war das Unterwasserschiff erledigt.
Unsere Steuersäule
Wenn Fuchur an Land steht, drehe ich von unten am Ruderblatt, um zu prüfen, ob alles in Ordnung ist. Diesmal machte es Geräusche und bewegte sich nicht so, wie es sollte.
Wir öffneten zunächst die Steuersäule von oben. Einen Tag später war klar, dass wir von unten an die Sache heran mussten. Dafür musste die gesamte Achterkabine ausgeräumt werden. Bei geschlossenen Luken und dieser Hitze. Das ganze Zeug lag anschließend natürlich irgendwo anders herum.
Bei der Demontage der Steuereinheit zeigte sich: Das untere Kugellager war auseinandergefallen. Um es auszutauschen, mussten wir die Steuersäule ausbauen, die vertikale Welle durchtrennen und anschließend wieder anschweißen lassen.
Ja, das hat der Hersteller tatsächlich so vorgesehen.
Der nette, auch englischsprachige Werftchef kam mit seinem Metallbauer vorbei. Unkompliziert, keine Termindiskussion, einfach so. Danke. Schon am nächsten Tag wurde die Reparatur angegangen. Wir standen dabei nicht gerade entspannt daneben. Hinterher sah die Steuersäule ziemlich mitgenommen aus, aber das neue Lager war drin. Chris war beim Einkauf dabei. Die richtige Bezugsquelle hätten wir allein garantiert nicht gefunden.
Am nächsten Tag räumten wir die Achterkabine erneut aus und bauten alles wieder ein. Ob die Reparatur dicht ist, hätten wir nur prüfen können, indem wir die ganze Kabine noch einmal ausräumten. Dazu fehlte uns schlicht die Motivation und die Zeit. Wir hoffen.
Während wir noch mit dem Wiedereinbau beschäftigt waren, kam jemand vorbei, rüttelte kräftig am Ruder und erklärte uns, dass wir ein Problem bekommen würden. Da sei zu viel Spiel, das Ruderlager sei kaputt.
Danke für den Hinweis. Wir hatten den Schaden bemerkt, die Reparatur erledigt und das Ruder anschließend selbst bewegt. Es fühlte sich wieder an wie vorher.
Ich kenne mein Ruder.
Poldi hat durchgehalten. Die Reparatur leider nicht.
Als wäre das nicht genug, machte auch unser PVC-Beiboot Probleme. Boden und Schlauch verloren Luft. Mit Spülwasserschaum waren die Lecks schnell gefunden.
Passenden Kleber hatten wir nicht an Bord, und Zeit für eine vernünftige Reparatur auch nicht. Also gaben wir die Arbeit in Auftrag. Der Mann war freundlich, versetzte uns aber gleich dreimal. Als das Beiboot schließlich fertig war, stellte sich heraus, dass die Reparatur nicht fachgerecht ausgeführt worden war. Es war immer noch undicht.
Poldi hatte uns bis nach Panama gebracht. Dass er nicht ewig halten würde, damit hatten wir gerechnet. Nun war endgültig klar, dass wir für den Pazifik ein neues Dinghy brauchten.
Diesmal soll es aus Hypalon sein und einen festen Boden haben. Das neue Boot ist bereits bezahlt und auf dem Weg von China in die USA. Ein anderer Segler hat einen ganzen Container bestellt und uns eines der Boote daraus reserviert. Die Händler vor Ort hatten auf unsere Anfragen nicht reagiert.
Jetzt hoffen wir, dass es rechtzeitig bei uns ankommt. Noch brauchen wir Poldi.
Käfer, Schimmel und Rost
Während wir draußen am Boot arbeiteten, wartete unter Deck genug Arbeit auf uns. Eine Schale mit Brokkoli fiel aus der Mikrowelle und landete auf dem Boden. Scherben und Brokkoli verteilten sich in den Ritzen und unter den Bodenbrettern. Dort lagen auch noch die toten Rüsselkäfer.
Die Käfer kamen aus einer Nudelpackung. Wir hatten unsere Vorräte vorsorglich drei Tage eingefroren, um solche Überraschungen zu vermeiden. Trotzdem hatten sie sich vermehrt und waren inzwischen überall zu finden. Sogar im Klo.
Während der zwölf Tage an Land blieb gerade ein Tag für eine gründliche Innenreinigung. Danach haben wir weitere Tage damit verbracht, alles auszuräumen, sämtliche Flächen mit Alkohol abzuwischen und die Sachen wieder einzuräumen. Schränke, Klappen, Bilgenfächer – alles.
Unsere Bambuskästchen, in denen wir allen möglichen Kleinkram aufbewahrten, waren alle zwei Tage wieder weiß überzogen. Der Lack war offenbar nicht für das Bordklima gemacht. Wir haben die Kästchen deshalb verschenkt. Den Stauraum vermissen wir jetzt natürlich, bis wir hoffentlich Ersatz aus Plastik finden.
Auch Edelstahl rostet in dieser Umgebung munter vor sich hin. Meine Brillen zerlegen sich, weil Schrauben und Gelenke rosten. Ein Optiker vor Ort konnte das kaputte Teil leider nicht ausbohren. Jetzt hält eine Drahtschlaufe die Brille zusammen. Rostakzente inklusive.
Dinge, die wir nicht mehr brauchten, stellten wir unter den Rumpf und versahen sie mit einem Schild. Innerhalb einer Stunde hatten fast alle neue Besitzer gefunden.
Einkaufen in Zapatero?
Die Werft lag in Zapatero. Hinter dem Hochsicherheitstor gab es Sandpisten, bei Regen Schlammpisten, unendlich viele Motorräder, vergitterte Häuser und Lagerhallen, bei denen man nicht unbedingt wissen wollte, was darin passierte. Zum Spazierengehen lud die Gegend nicht gerade ein. Wir sind trotzdem losgezogen.
Für unseren letzten größeren Einkauf nahmen wir letztendlich ein Uber in unser altes Viertel. Wir wollten möglichst viel besorgen, bevor wir nach Guna Yala aufbrachen. Aber auch dort gab es längst nicht alles, was wir brauchten bzw. wollten.
Zwei Dinge standen zuletzt noch aus: die Gastlandflaggen für den Pazifik und unsere Ausreisepapiere.
Flaggen, Pässe und Marschmusik
Die Gastlandflaggen wollten wir diesmal drucken lassen. Bisher hatten wir aus großen, billigen Flaggen die einzelnen Länderflaggen selbst zusammengenäht. Für den Pazifik haben einige davon allerdings ziemlich komplizierte Motive. Also ließen wir die verschiedenen Flaggendesigns auf ein großes Stück Stoff drucken, das wir anschließend auseinanderschneiden und säumen können. Das ist deutlich günstiger, als jede Flagge einzeln zu kaufen.
Wir hatten es vorher schon an mehreren Stellen versucht. Auch dieser Drucker ließ uns warten, aber am Ende waren die Flaggen tatsächlich fertig. Sie sind zweilagig geworden, weil er darauf bestand, das immer so zu machen. Die Diskussion darüber, dass die zweite Stoffbahn dafür gespiegelt werden muss, war auf Spanisch ausgesprochen interessant. Und es war sogar noch Platz für unsere neue Fuchurflagge.
Unser Agentenabenteuer ging bis zuletzt weiter. Die gestempelten Pässe und das Ausreisedokument kamen erst in letzter Minute, obwohl wir ihm fünf Tage Vorlauf gegeben hatten. Inzwischen schwamm Fuchur wieder, und wir mussten den Platz räumen. Es gab also eine fliegende Übergabe, und dann waren wir endlich wieder unterwegs.
Eine Sache werde ich allerdings vermissen: die Musik von der Militärbasis gegenüber. Dort wurde regelmäßig Marschmusik geübt. Das erinnerte mich an meine Zeit in der Highschool-Marchingband.
Endlich wieder auf dem Wasser
Nach zwölf Tagen konnten wir Cartagena hinter uns lassen. Auf nach Panama! Mal schnuppern ob es da von oben bis unten nach Bananen riecht.
Doch erstmal kommt weißer Dampf aus dem Auspuff und zu wenig Kühlwasser. Also Segel hoch und Motor freilegen. Kein zugesetzter Filter, Impeller ok, Wärmetauscher frei, also muss sich losgebrochenes Pockengekrümel im Saildrive von unten an das Seeventil gesaugt haben. Ein schnell gebauter Adapter zwischen unserer Luftpumpe fürs Dinghy und dem Kühlwasserschlauch lässt es uns rückwärts freipumpen.
Inzwischen erkunden wir Guna Yala und hüpfen mit Fuchur von Insel zu Insel. Die kleinen Inseln sind wunderschön, die Menschen freundlich. Dazwischen treiben allerdings jede Menge Müll und Baumstämme. Und es riecht nicht nach Bananen.
Beim Müll stehen wir vor einem Problem, für das wir bisher keine vernünftige Lösung gefunden haben. Wir haben etwas Biomüll und eine kleine Menge Plastik zusammen mit anderen Seglern verbrannt. Chris schneidet die leeren Konservendosen klein, damit wir sie platzsparend lagern können, bis wir wieder ans Festland kommen. Wir haben viel recherchiert, aber bisher nicht herausgefunden, wo Segler ihren Müll hier zuverlässig und richtig entsorgen können.
Und dann waren da noch die Gnitzen. Ihre Bisse haben mich für einige Tage komplett außer Gefecht gesetzt. Überall juckender Ausschlag. Es war furchtbar. Ich habe geheult und stundenlang geflucht. Armer Chris. Schwimmen geht natürlich auch nicht, solange das Entzündungsrisiko zu hoch ist. Wir ankern inzwischen nicht zu dicht an den Inseln. Denn wenn der Wind einschläft finden die Gnitzen uns auch auf dem Wasser.
Manchmal kommen Gunas mit ihren Langbooten längsseits und bieten frischen Lobster an. Zuerst gab es gegrillte Lobsterschwänze, später Suppe aus den ausgekochten Teilen.
Und vor ein paar Tagen kamen Delfine dazu. Bei Windstille begleiteten sie uns über eine Stunde lang. Wir haben die Genua weggerollt, uns treiben lassen und einfach nur gestaunt.
Auf diesem Abschnitt unserer Route haben wir uns zunächst nicht weit vom Fleck bewegt. Und trotzdem fühlt es sich an, als hätten wir für uns neue Welten entdeckt.
Zwischen Carriacou und Grenada lagen nicht einfach nur ein paar Ankerbuchten. Dazwischen lagen Menschen, die ihr Zuhause wieder aufbauen. Ein Boot, das geduldig immer neue Ideen seiner Eigner über sich ergehen lassen muss. Und die Bestätigung, dass Langfahrt wirklich wenig mit ständigem Segeln zu tun hat. Stattdessen erkunden wir das Land und reparieren unser Zuhause an den schönsten Orten der Welt. Gut. Das alte Sprichwort stimmt offenbar.
Carriacou – Zwei Jahre später
Unser erster Stopp nach der kurzen Strecke nach Carriacou ist Tyrell Bay. Einklarieren, ein kleiner Spaziergang, Schauen, was hier für uns geht und was nicht. Carriacou sieht noch immer so aus, als hätte der Hurrikan beschlossen, sowieso nochmal wiederzukommen. Neben Häusern mit frisch gedeckten Dächern stehen Ruinen, in denen noch das Geschirr neben der Spüle auf dem Abtropfgestell wartet. Direkt an der Hauptstraße. Rechts und links, vorne und hinten: alltägliches Leben. Als wäre die Familie nur eben kurz weggegangen. Zwei Jahre später.
Im kleinen Supermarkt finden wir ausgerechnet Sauerkraut und Roggenmehl. Brauchen wir aber tatsächlich gerade nicht. An der Straße kaufen wir noch Obst und Gemüse an einem kleinen Stand, bekommen reichlich überreife Bananen dazu geschenkt, laden alles ins Dinghy und machen einen Schnorchelstop an einer Tonne vor der winzigen unbewohnten Insel Jack Adan. Dort bewundern wir neben einem im Wiederaufbau befindlichen Korallenriff den Unterwasser-Skulpturenpark, der schon beginnt, Teil des Riffs zu werden, bevor Fuchurs Anker vor dem Dorf Bogles im Sand verschwindet.
Fuchur: „Ich finde Unterwasserskulpturen grundsätzlich gut. Sie beschweren sich nicht, wenn ich vor ihrer Haustür an einer Tonne parke.“
Von Freunden hatten wir schon von T. gehört. Also freuen wir uns, ihn kennenzulernen.
Es bleibt aber irgendwie schwierig. Wir finden keinen richtigen Draht zueinander. Vielleicht verstehen wir ihn nicht. Vielleicht versteht er uns nicht. Vielleicht sprach das Bier auch ein wenig mit.
Als wir erfahren, wie knapp Trinkwasser auf der Insel noch immer ist, bieten wir ihm Wasser aus unserem Watermaker an. Er fragt nach Bier. Ein paar Tage später taucht er im Dunkeln wieder auf. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auf dem Bug seines kleinen Bootes balanciert er erstaunlich mutig über die Wellen und möchte uns Fisch verkaufen. Morgen könne er auch einen Lobster besorgen. Wir bedanken uns freundlich und lehnen ab. Nicht nur, weil unser Kühlschrank schon protestiert, sondern auch, weil gerade Schonzeit ist. Nachdem er noch unter unser am Davit hängendes Dinghy gerät verschwindet sein Boot langsam in der Dunkelheit. Wir hoffen, dass er heil nach Hause kommt.
Zu Fuß über die Insel
Mit dem Dinghy landen wir am Strand von Bogles. Eine kleine Siedlung direkt vor uns am Hang. Eine freundliche Anwohnerin hält ihre Hunde fest, damit wir über ihr Grundstück zur Straße laufen können. Wir kämpfen uns zwischen Gestrüpp und Müll hindurch.
An der Dorfkreuzung sitzen Männer im Schatten und reden. Kein Handy sichtbar. Wir laufen weiter. Nach Windward, dem Dorf auf der dem Atlantik zugewandten Seite. Eigentlich ist es gar nicht weit. Eigentlich. In der karibischen Mittagssonne bekommt das Wort „eigentlich“ für uns mal wieder eine ganz neue Bedeutung. Aber es deswegen nicht zu tun scheidet aus.
Unterwegs begegnen wir Menschen, die bereitwillig erzählen. Über die Trockenheit. Über den fehlenden Regen. Über Wasser. Ein Mann schneidet die letzten grünen Zweige einer Hecke ab, damit seine Ziegen überhaupt noch etwas Frisches zu fressen haben.
Wir treffen eine ältere Frau die Wasserkanister die Straße entlang schleppt. Wir fragen ob wir helfen können. Nein danke. Aber sie erzählt uns, dass sie nur Regenwasser auffängt und kein anderes Wasser hat. Wir fragen nach ihrer Aufbereitung, bekommen aber nicht wirklich eine Antwort. Sie spricht auch davon, wie wichtig früher die großen Dächer der Fabrik/en waren, auf denen Regenwasser gesammelt wurde. Zerstört und/oder aufgegeben. Leider haben wir sie nicht hundertprozentig verstanden. Die neue Entsalzungsanlage funktioniert wohl noch im Betabetrieb und läuft nur zeitweise. Wer Wasser braucht, bringt Kanister dorthin. Manche bekommen es geliefert. Andere weniger, hören wir am Rande.
Wir wundern uns zunehmend über die hohen Zäune überall. Meist aus Schrott improvisiert, Hauptsache zu. Wir fragen, warum das so ist und erfahren: „Nein, nicht wegen der Menschen. Das ist wegen der wild laufenden Ziegen und Kühe, die sonst alles plattmachen und auffressen.“
Je länger wir laufen, desto öfter sehen wir Gegensätze. Zwischen einer komplett renovierten Villa und einem Haus ohne Dach – ein Zelt. Alle bewohnt. Warum? Später lesen wir über Materialmangel, schleppende Hilfen, fehlende Grundbucheinträge und Grundstücke, die unter Wert verkauft werden müssen. Es gab Stimmen, die von Immobilienspekulationen aus dem Ausland sprachen. Vieles erklärt plötzlich ein wenig mehr. Nicht alles.
Und dann ist da noch der Müll. Er liegt überall. Warum räumt den eigentlich niemand weg? Aber je länger wir unterwegs sind, desto vorsichtiger werden wir mit solchen Fragen. Vielleicht sind viele Menschen einfach erschöpft. Vielleicht fehlt Material, Geld oder Personal. Vielleicht trägt der Wind jeden Tag wieder ein Stück zurück. Vielleicht spielt auch Gewohnheit eine Rolle, entstanden in einer Zeit, als weggeworfene Dinge einfach verrotteten. Vielleicht ist auch die Zukunftsperspektive die Motivation, ihn liegenzulassen. Wir wissen es nicht.
Inzwischen wissen wir, dass es dieses Problem auf allen Karibikinseln, die wir besucht haben, mehr oder weniger ausgeprägt gibt. Warum haben wir immer noch nicht herausbekommen. Wir forschen weiter.
Als wir Windward erreichen, strömen gerade die Menschen aus der Kirche. Alle geschniegelt. Sonntagsfein. Und mittendrin wir. Zwei verschwitzte Gestalten, deren Kleidung eher nach „Überlebende einer Wüstenexpedition“ aussieht. Niemand scheint sich daran zu stören. Es wird gelächelt, gegrüßt.
Ein junger Künstler versteht, dass wir Schatten suchen und weit und breit keinen finden. Er geht mit uns zum begehrten Platz vor der hiesigen Disco und weiht die Leute dort kurz ein: „Die beiden brauchen mal ne Pause“. Nett, so fühlen wir uns nicht so sehr als Eindringlinge. Dort sitzen Jung und Alt zusammen, trinken ein Bier, malen die Fassade frisch an, reparieren etwas oder beobachten einfach das Dorf. Selbstverständlich. Besonders. Ich frage mich, wie diese Szene in einem deutschen Dorf gewirkt hätte.
Der Mann mit den Ziegen von der Bogles-Seite der Insel hatte uns von einer Bootsbaustelle erzählt. Natürlich müssen wir da hin. Zufällig ist sie direkt am Strand hinter der Disco. Der Zugang sieht sehr privat aus, aber wir fragen höflich und werden durchgewunken. Zwischen einfachen Buden wächst dort langsam eine große Holzyacht heran. Nicht in einer Werft. Nicht mit computergesteuerten Maschinen. Sondern Stück für Stück. Brett für Brett. Der Rumpf wird gerade beplankt. Massiv. Wir stehen eine ganze Weile einfach nur da.
Architektur kann schwimmen.
Der Rückweg hat es in sich. Schatten gibt es wieder keinen. Die meisten Bäume sind verschwunden. Zum Schluss rutschen wir eine unglaublich steile, bucklige, ausgewaschene Sandpiste abwärts, an der ganz selbstverständlich Häuser stehen. Auf dem Hinweg waren wir in deren Anblick von unten nach kurzer Bedenkzeit einen anderen, gnädigeren Weg außen herum gegangen. Jetzt sind wir irgendwie doch hier oben gelandet. Bergab. Langsam. Schritt für Schritt.
Die Menschen müssen hier wirklich alles hoch und runter tragen! Kleinkinder, Lebensmittel, Baumaterial, alles. Was machen die, die das nicht oder nicht mehr können? Was, wenn die Regenzeit kommt? Wir glauben nicht, dass hier Drohnen helfen.
Fuchur: „Menschen wählen manchmal erstaunlich steile Orte zum Leben. Ich hätte da eher eine Bucht gewählt. Wenn ich Beine hätte würde ich das reklamieren.“ Anmerkung der Redaktion: Ja, wenn man eine Wahl hat.
Inselalltag
Zurück an Bord passiert erst einmal … erstaunlich wenig. Wir räumen auf. Reparieren. Schreiben am Blog. Erledigen Papierkram. Backen Pizza. Ich übe weiter Ukulele. Gitarre geht ja nicht.
Den Großbaum parken wir inzwischen auf der Steuerbordseite, um die Solarpaneele möglichst wenig zu verschatten. Ungewohnt. Dass die Sonne hier inzwischen über den Norden wandert, fühlt sich anfangs ungefähr so falsch an wie Weihnachten im Bikini.
Und dann setzen wir zum ersten Mal unser selbst installiertes Stagsegel – ein zweites, kleineres Vorsegel. Es funktioniert. Sogar gut. Im Nachhinein sind wir ziemlich froh, dass wir die etwas spinnerte Idee trotz fehlender Decksbeschläge umgesetzt haben. Ja, wir haben uns heimlich auf die Schulter geklopft. Natürlich nur ganz kurz. Sonst hört Fuchur das noch.
Fuchur: „Ich habe das selbstverständlich gehört. Und wenn wir schon ehrlich sind: Den Großteil der Umsetzung habe ohnehin ich mit meiner tollen Struktur möglich gemacht.“
Mit dem Dinghy fahren wir in die Mangroven bei Tyrell Bay. Sie galten als sicherer Zufluchtsort für Hurrikans. Das dachten sich bei Beryl allerdings viele. Die Bilder der in- und übereinander geschobenen Boote hatten wir schon vor unserer Ankunft gesehen. Die Wracks sind inzwischen verschwunden. Die Natur erzählt die Geschichte trotzdem weiter. Es wird lange dauern, bis das Ökosystem sich erholt hat. Sehr lange.
Ankerkette für Fortgeschrittene
Schließlich geht es weiter nach Grenada. Mit einem Zwischenstopp vor der kleinen, unbewohnten Insel Ronde. Idyllisch. Dann laufen wir in Prickly Bay/Grenada ein. Spazieren durch die Gegend, versuchen Dinge zu besorgen, die es wieder mal nicht gibt. Eigentlich wichtig ist nur eine neue Nuss für die Ankerwinsch. Lange Geschichte von Schusseligkeit bei der Bestellung in Deutschland vor ein paar Jahren, die erst jetzt ihre Konsequenzen offenbart. Nuss und Kette passen um einen ISO/DIN 2mm-Unterschied nicht zusammen. Nuss inklusive super teurer und langer Lieferzeit bestellen und bleiben? Alternative? Eine komplett neue Ankerkette. Vorrätig. Fast gleich teuer. Entscheidung liegt nahe.
Wer schon einmal versucht hat, fünfzig Meter Ankerkette ins und mit dem Dinghy zu transportieren, anschließend auf ein Segelboot zu bugsieren, die alte Kette unabhängig von der neuen im engen Ankerkasten nebeneinander bedienbar zu parken, beide umzuschäkeln bei aufgeholtem Anker in einer windigen, engen Ankerbucht, möglichst weder Finger noch Füße einzuklemmen, niemanden zu rammen und den Anker anschließend wieder zum Halten auf den Grund zu bekommen, weiß: Das ist kein Einkauf. Das ist Mannschaftssport. Und natürlich hatten wir Publikum. In einer Ankerbucht wie Prickly Bay bleibt ein Segelboot, das eine solche Aktion am Laufen hat, ungefähr so unauffällig wie ein Elefant im Freibad. Am Ende liegt die neue Kette dort, wo sie hingehört. Wir auch. Mehr oder weniger. Wir hören weder Gelächter noch Applaus. Einen Abnehmer für unsere eigentlich noch gute Kette suchen wir noch. Solange fährt sie mit. Die beiden vertragen sich aktuell wie Geschwister im einzigen Kinderzimmer.
Weniger erfolgreich verläuft unsere Idee, für den kurzen Schlag in die Nachbarbucht das Dinghy mit Motor einfach am Davit hängen zu lassen. Bequem. Eigentlich wussten wir es besser. Schon nach wenigen Minuten stampft Fuchur so heftig gegen die Wellen und alles gerät dermaßen in Schwingung, dass wir eine 180 Grad Kehrtwende machen. Also alles wieder zurück. Anker runter. Dinghy ins Wasser. Motor umhängen an den Heckkorb. Dinghy wieder hoch. Anker wieder hoch. Diesmal richtig.
Fuchur: „Ihr hättet euch die Testfahrt auch sparen können. Aber Menschen glauben einer Welle offenbar mehr als der eigenen Erfahrung. Gut, dass ich quasi auf dem Teller drehen kann.“
Schließlich finden wir unseren Platz in der benachbarten Woburn Bay. Zweiseitig geschützt vom Riff. Tolle Aussicht und trotzdem ruhig genug. Eine frische Brise pfeift durch das Schiff. Genau richtig für das nächste Bauprojekt. Und der Bonus: Blick auf die private Luxusinsel Calivigny. Die kann man samt aller Gebäude und Personal für sich – und seine Gäste – mieten! Diskretion garantiert wie ich lese. Natürlich schauen wir hinüber. Mich interessiert dabei mehr die Architektur als der Luxus. Gelungen. Finde ich. Ein paarmal beobachten wir, wie weitergebaut wird. Arbeitssicherheit scheint hier nicht so ein großes Thema zu sein. Gäste sehen wir keine. Nur die stimmungsvolle Beleuchtung.
Versuchslabor Fuchur
Unser nächstes Bauprojekt beginnt zu Pfingsten. Feiertage. Während die meisten den Anlass feiern und vielleicht grillen oder einen Ausflug machen, verwandeln wir Fuchur mal wieder in ein Versuchslabor. Unser Forschungsauftrag lautet diesmal: Wie kann man in den Tropen besonders nachts möglichst viel Luftzug ins Boot bekommen, ohne bei jedem Regenschauer senkrecht im Bett zu stehen und im Halbschlaf „Luke auf! Luke zu!“ zu spielen? Nach ein paar Tagen Messen, Fluchen, Schneiden, Nähen, Verwerfen, Repeat überspannt schließlich ein ziemlich seltsam aussehendes Gebilde unsere Dachluken. Von außen erinnert es entfernt an eine Kreuzung aus Briefkasten, Schnabeltier und mittelmäßig erfolgreichem Drachen.
Der Regen muss erst einen kleinen Irrgarten überwinden, bevor er überhaupt eine Chance hat, ins Boot zu gelangen. Ein kleiner Steg oben hält den waagerecht anfliegenden Regen ab, ein zweiter unten fängt das Spritzwasser. Dazwischen findet die Luft ihren Weg. Sie tanzt hindurch, der Regen bleibt draußen. Einen Designpreis gewinnt das Teil wohl nicht, aber innen bedeutet es: Luft auf verschwitzter Haut=kühl.Sobald wir vernünftigen Stoff finden, bekommt Version 2.0 ihre Chance. Im Moment haben wir die marode Dinghyverpackungstasche umgearbeitet.
Fuchur: „Mir war gar nicht klar, dass Menschen ihre Häuser freiwillig mit Anbauten versehen. Ich dachte immer, das machen nur Seepocken. Solange ich darunter noch segeln kann, dürft ihr oben bauen, was ihr wollt.“
Kleine Siege
Nicht alles spielt sich an Bord ab. Natürlich zieht es uns immer wieder an Land. Zuerst Le Phare Bleu rechts rum, dann Grande Anse – diesmal linksrum.
Grenadas Süden ist hügelig. Von fern und auf der Karte sieht das immer so harmlos aus.
Auf einer besonders steilen Straße begegnet uns eine Henne mit ihrem Nachwuchs. Die Küken hüpfen über ein Entwässerungsgitter. Bis auf eines. Es rutscht durch das Gitter und bleibt kopfüber zwischen den Stahlrohren stecken. Die Mutter schaut einen Moment hinunter. Dann marschiert sie mit den anderen weiter. Nicht herzlos. Realistisch. Mit zwei Stöckchen angeln wir den kleinen Pechvogel wieder nach oben und beobachten erleichtert, wie er seiner Familie hinterher spurtet. Ich muss an Calimero denken und schmunzle.
Bergauf kommt uns ein alter Mann mit Stock und Einkaufstüte entgegen. Schritt für Schritt. Wir erzählen ihm, dass das die steilste asphaltierte Straße ist, die wir je gegangen sind. „Das hält mich fit!“
Zwischen all den Spaziergängen feiern wir noch einen kleinen persönlichen Triumph. Wir finden einen neuen Wasserkocher. Aus Kunststoff. Mit deutschem Stecker und wechselrichtertauglicher Leistung. Jackpot!
In der salzigen Luft rostet inzwischen alles, was nicht ausdrücklich dagegen entwickelt wurde. Wasserhähne. Reißverschlüsse. Schuhschnallen. Schrauben. Knöpfe. Unser alter Wasserkocher hatte längst beschlossen, nur noch als Roststudie zu dienen. Edelstahl, seit 25 Jahren in Ostseegebrauch. Ja, wir haben das gewusst. Aber wir konnten und wollten vor Abfahrt nicht alles prophylaktisch neu kaufen.
Außerdem finden wir endlich zwei ordentlich große, hübsche Kunststoffbecher. Ja, eigentlich ein Widerspruch. Fast einen halben Liter gibt es nun pro Ladung. Die bisherigen 300 Milliliter waren ungefähr so sinnvoll wie ein Fingerhut beim Waldbrand.
Nicht ganz so erfolgreich verläuft dagegen unser Versuch, im Supermarkt den sagenumwobenen Seglerrabatt zu bekommen. Den gibt es tatsächlich. Allerdings erst nach einem Antrag, einer Woche Bearbeitungszeit und persönlicher Abholung. Für unsere geplante Online-Bestellung gilt er natürlich nicht. Für Menschen, die gerade mit ihrem Zuhause durchs Meer fahren, wirkt dieses System … sagen wir: optimistisch.
Immerhin nimmt sich der ausgesprochen geduldige IT-Mitarbeiter des Onlineshops unseres Problems an. Ohne Rabatt. Ohne grenadische Telefonnummer. Irgendwie schafft er es trotzdem, unsere Bestellung auf den Weg zu bringen.
Ein paar Tage später hält tatsächlich ein Lieferwagen am Dinghysteg. Die Kiste enthält Gemüse mit sehr unterschiedlichem Lebenswillen. Das Risiko war einkalkuliert. Außerdem Käse und Fleisch – ungekühlt. Nun ja. Andererseits hätten wir dieselben Einkäufe auch mehrere Kilometer durch tropische Hitze schleppen müssen. Kälter wäre es dabei vermutlich auch nicht geworden.
Ein Eindruck, der bleibt
Nach dem langen Hin und Her im Supermarkt wollen wir noch kurz zum Park am Strand. Ausruhen vor dem langen Heimweg mit Gepäck. An der Straße pflückt ein älterer Mann kleine Früchte/Samenkapseln von einem Baum. Ich frage spontan, bevor ich nachgedacht habe, ob er die essen möchte. Er lacht. Nein. Ich brauche die Samen.
So kommen wir ins Gespräch. Der Mann heißt Dario. Geboren in Italien. Zwischendurch hat er mal in Hamburg gewohnt. Wir unterhalten uns auf Englisch und Deutsch. Er ist auch Segler. Ist mehrfach um die Welt gesegelt. Wurde vom indischen Ozean mal fast verschluckt, war schlimm. Das verändert, erzählt er. Er stellt Fragen, die man ansonsten vielleicht erst nach drei Stunden stellt statt nach drei Minuten. Grundsatzfragen. Ausweichen, relativieren? Fehlanzeige. Ich fühle mich zum Teil ertappt. Es hallt heute noch nach. Heute lebt er auf Carriacou.
Er und seine Mitstreiter von der KIDO Foundation sammeln unter anderem lokale Samen für Wiederaufforstungsprojekte, kümmern sich um Meeresschildkröten, päppeln sie auf und setzen sie wieder aus. Vor allem aber arbeitet er mit Kindern. Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sondern indem er sie mitnimmt, ihnen die Umwelt und den menschlichen Einfluss darauf zeigt, ihnen erklärt, warum ihre Insel und unsere Natur etwas Besonderes sind und warum sie es wert sind, geschützt zu werden. Und was sie dazu tun können.
Leider muss er sich beeilen, die Fähre zurück nach Carriacou wartet nicht. Wir wären gerne noch geblieben.
Einen Tag später schauen wir uns an. Haben die gleiche Idee. Unsere Erinnerungen an Carriacou glühen im Hinterkopf. Am liebsten würden wir sofort wieder dorthin zurücksegeln. Ein paar Tage helfen. Lernen. Mitmachen. Vervielfältigen.
Wir wünschen wir hätten ihn früher getroffen.
Auch der Rückweg wird wieder zu einer kleinen Reise. Überall sitzen Menschen an der ramponierten schmalen Straße ohne Bürgersteige vor improvisierten, windschiefen, beinahe zusammenfallenden Bretterbuden. Feierabend. Ein kaltes Bier. Ein paar Plastikstühle. Musik. Gelächter. Immer wieder ruft uns jemand zu. Zeigt uns eine Abkürzung. Fragt, wo wir hinwollen.
Ja, wir sehen vermutlich seltsam aus: völlig fertig, mit Salzkrusten von überkommenden Wellen von der morgendlichen Dinghyfahrt und einem Tag Laufen in der sengenden Sonne, einen Rucksack hinten, einen vorne. Mit Wasserkocher, Bechern und Co schleppen wir uns die Straße entlang. Und natürlich ist die Hauptstraße gerade gesperrt und daher geht der ganze Verkehr über unsere Straße. Es ist: mutig. Aber die Einheimischen machen es auch, also weiter.
An solche Tage erinnern wir uns länger als an viele Sehenswürdigkeiten.
Fuchur:„Menschen freuen sich über erstaunlich kleine Dinge. Ich tue das auch.“
Aufbruch nach Westen
Traditionell wird am nächsten Tag der vorherige erst einmal… verdaut.
Fuchur bekommt Aufmerksamkeit. Diesel und Benzin finden ihren Weg durchs Dinghy an Bord.
Und dann verabschieden wir uns von Grenada. Nicht, weil wir alles gesehen hätten. Sondern weil das Wetter zu schnell mitspielt. Carriacou fällt schweren Herzens aus. Der Westen ruft.
Vor der Abfahrt kontrollieren wir noch einmal das Rigg. Kochen ein paar Mahlzeiten vor. Das macht das Leben auf dem Meer viel leichter. Kochen unterwegs bei viel Welle ist einfach nur anstrengend. Besonders in den ersten Tagen, wenn die Seebeine noch nicht wieder da sind. Dann fahren wir mit einem klapprigen Minibus nach St. George, um auszuklarieren.
Die Busfahrt ist ein Erlebnis für sich. Eng. Laut. Rasant. An jeder Ecke scheint noch ein weiterer Fahrgast in den sehr in die Jahre gekommenen Minivan zu passen. Steht jemand auf, wird umgerückt, geschoben, nachgerückt. Das System kennen wir schon von anderen Inseln. Eine paar Schüler fahren auch mit. Frisch geschniegelt in ihren Schuluniformen, bis in die Schuhspitzen. Einer der Jungen klopft zum Zeichen, dass er aussteigen will eifrig ans Seitenfenster. (Natürlich wusste der Fahrer sowieso wo er aussteigen wollte.) Alle klettern raus. Der Junge streckt dem Fahrer ganz ernst seine kleine Hand mit dem Fahrgeld entgegen. Der Busfahrer schaut ihn an, lächelt, schließt seine Finger sanft wieder um die Münzen und schiebt die kleine Faust zurück. Der Junge soll sein Geld behalten. Der Bus fährt weiter, als wäre nichts Besonderes passiert.
Wieder auf See
Zurück an Bord verholen wir noch einmal nach Prickly Bay und kaufen neues Antifouling für den irgendwann anstehenden Unterwasseranstrich. Das Dinghy wird endgültig verstaut. Sechs Monate hing das Dinghy ständig im Einsatz am Heck. Jetzt beginnt wieder Seefahrt. Wir lassen die Luft ab und rollen es zusammen. Zurren es an der Reling fest. Der Windpilot kommt wieder an seinen Platz. Der Optimismus hält exakt bis zum ersten Büschel Seegras. Sobald sich etwas am Hilfsruder verfängt, verwandelt sich die ganze Konstruktion in ein ausgesprochen dekoratives, aber wirkungsloses Anhängsel. Also nutzen wir den elektrischen Autopiloten, der aber längst nicht so geschmeidig die Wellen wuppt.
Am Morgen richten wir noch die Passagekoje mit Leesegel im Salon ein, verstauen alles was im Salon überflüssig ist in der Vorschiffskoje und lichten den Anker. Der Bug zeigt nach Westen. Die ABC-Inseln warten.
Im Urlaub fährt man los, um anzukommen. Wir fahren weiter, um zu entdecken und oft noch nicht zu wissen, wo wir ankommen werden. Irgendwo hinter dem Horizont beginnt das nächste Kapitel.
Dies ist nach langer Zeit die erste mehrtägige Offshorepassage. 400 Seemeilen, in gebührendem Abstand von der venezolanischen Küste. Wir rechnen mit 3-4 Tagen.
Bonaire ist heiß – wir werden nicht warm
Vier Tage später liegen wir in Bonaire. Kein Materialversagen. Keine Überraschungen.
Wir wollten die Insel eigentlich auslassen, weil zu teuer. Für alles muss man als Segler hohe Gebühren zahlen. Aber viele Mitsegler schüttelten den Kopf: da müsst ihr hin. Vielleicht war genau das das Problem. Vor Kralendijk hängen wir uns an eine der Bojen. Ankern ist hier zum Schutz der Korallen tabu. Das finden wir eigentlich gut, aber der tägliche Preis ist aus unserer Sicht total überzogen, dazu die Touristensteuer und die Wassersportabgabe…. Der erste Eindruck: Türkis. Unglaublich klares Wasser. Pelikane. Wir schnorcheln direkt durch unser Bojenfeld am Riffhang. Ausgerechnet heute wirkt das Wasser erstaunlich „leer.“ Das hatten wir uns anders vorgestellt. Es ist ziemlich windig, was den Reiz, für ein paar Stunden abzulegen und die ein oder andere Boje an Tauchspots zu benutzen, drastisch reduziert. Wir lassen es am Ende.
Wir gehen an Land. Laufen durch den Ort und weiter hinaus. Bunte Gebäude im Kontrast zur wüstenähnlichen Landschaft. Trocken. Heiß. Endlich sehen wir wilde Papageien – auf riesigen Kakteen vor ausgetrockneten Tümpeln. Dazwischen Esel. Viele.
Insgesamt wirkt Bonaire auf uns wie eine Mischung aus holländischer Pittoreske und karibischem Laissez-faire. An einer Stelle bleibe ich stehen. Eine strahlend blau-weiße Häuserzeile trifft beinahe unvermittelt auf verblasste, leicht schief wirkende Holzhäuser. Ich denke: Genau hier beginnt das Ortszentrum. Ganz ohne Stadtplan erkannt. Wir kommen näher. Es beherbergt ein Architekturbüro. Am Abend sitzen wir wieder im Cockpit. „So richtig hat es noch nicht gefunkt, oder?“ „Nö.“ Nicht jede Insel muss einen sofort umarmen. Vielleicht hätten wir länger bleiben sollen. Vielleicht waren wir einfach zur falschen Zeit dort. Vielleicht war unsere Erwartungshaltung zu groß. Wir wissen es nicht. Also beschließen wir, weiterzufahren.
Fußball verbindet
Aber vorher: Fußball-Weltmeisterschaft. Genauer gesagt: Curaçao gegen Deutschland. Schon tagsüber werden wir mehrfach angesprochen:„Germany?“„Tonight! Soccer!“ „Come!“ Die Einladungen kommen völlig selbstverständlich.
Abends macht Chris sich schließlich auf den Weg zum Public Viewing. Als er später zurückkommt, erzählt er mit einem Grinsen von einer Stimmung, die wir so nicht erwartet hätten. Natürlich freuten sich alle über jede gelungene Aktion Curaçaos. Aber genauso freuten sie sich darüber, überhaupt bei einer Weltmeisterschaft dabei zu sein. Da wurde gejubelt, gelacht, diskutiert und gefachsimpelt. Nicht gegen Deutschland. Einfach für die eigene Mannschaft.
Also Leinen los. Nächster Versuch.
Spanish Waters
Die Strecke nach Curaçao ist kurz. Schon beim Einlaufen merken wir, dass hier etwas anders ist. Größer. Lebendiger. Ein bisschen wuseliger. Vor allem aber erstaunlich entspannt.
Wir hangeln uns in ein verzweigtes, geschütztes Binnenwasser – die Spanish Waters – und finden gleich einen guten Ankerspot. Am nächsten Morgen klarieren wir problemlos ein. Früh am darauffolgenden Tag fahren wir mit dem Bus nach Willemstad, um unsere Ankererlaubnis zu beantragen und zu bezahlen.
Willemstad begrüßt uns mit seinen bunten Häusern, Grachten und Klappbrücken. Die Fassaden erinnern stellenweise eher an Amsterdam als an die Karibik. Wir laufen den Tag lang Slalom durch die verschiedenen Stadtteile und kaufen auf dem Markt noch etwas Obst und Gemüse. Ein rundum gelungener Tag. Gut, dass wir früh unterwegs waren – ab zehn Uhr spuckten gleich drei Kreuzfahrtschiffe ihre Passagiere aus.
Die nächsten Tage verbringen wir zu Fuß, mit dem Bus über die Insel, auf Fuchur und im Gespräch mit Nachbarbooten. Wir feiern einen Geburtstag auf einem Katamaran, deren Eigner uns spontan eingeladen hatten – Mitglieder im Verein Transocean wie wir, die wir bisher nur aus einer WhatsApp-Gruppe kannten. Gute Gespräche, ein herrliches BBQ. Wir lernen auf unserer Reise so viele neue Menschen kennen wie sonst in Jahrzehnten nicht.
Auch Fuchur bekommt wieder Streicheleinheiten. Irgendetwas gibt es immer. Eine Leine hier. Eine Kleinigkeit dort. Ein paar Ideen, die man „nur eben schnell“ ausprobieren möchte.
Fuchur: „Fertig? Ich? Ihr kennt mich doch inzwischen besser.“
Am Abend schaukelt Fuchur unruhig an der Boje. Er möchte schon wieder weiter, nach Westen.
Weiterbauen. Weiterfahren
Im Moment verbringen wir viel Zeit damit, Wettervorhersagen zu studieren und sie anschließend wieder zuzuklappen. Für die Passage nach Kolumbien möchten wir ein vernünftiges Wetterfenster erwischen. Die Strecke hat unter Seglern einen gewissen Ruf – und den würden wir lieber nicht unnötig bestätigen. Starke Kapeffekte, Bergwinde, massive Wellen. Wir haben mindestens Respekt, ein wenig Muffensausen auch.
Das Wetter lässt sich Zeit. Also überlegen wir jeden Tag neu: hierbleiben, nach Aruba, noch warten, weiterarbeiten. Irgendwann wird es sich schon entscheiden. Bis dahin tun wir so, als hätten wir einen Plan.
Und selbst wenn das Wetter irgendwann Ja sagt, bleibt noch die Frage: wohin eigentlich zuerst? Kolumbien ist riesig. Je mehr wir lesen, desto länger wird die Liste und desto kürzer scheint die Planungszeit. Wir möchten das Land entdecken, ohne zu Flugtouristen zu werden, schließlich ist unser Motto „umweltfreundlich reisen unter Segeln“, da kommt Fliegen eigentlich nicht in Frage. Sehenswürdigkeiten abhaken mögen wir per se nicht. Außerdem wollen wir uns nicht in Agentenkosten und Organisation, Formalitäten und Gebühren zu verlieren. Also planen wir jeden Tag ein kleines bisschen weiter – und verwerfen am nächsten Tag oft schon wieder die Hälfte.
Ein langes Kapitel für eine relativ kurze Strecke. Auf allen Ebenen gilt: Nichts ist fertig. Alles geht weiter.
Überall wächst und gedeiht es: Auf Carriacou wachsen neue Dächer. In Windward wächst ein Holzboot. Dario pflanzt Bäume. Wir nähen Regenhauben, tauschen Ankerketten und schrauben an Fuchur. Und zwischendurch fahren wir immer wieder ein Stück weiter.
Nicht besonders weit. Aber weit genug. Bis zur nächsten Insel. Oder zur nächsten Idee. Oder zum nächsten kleinen Abenteuer.
P.S. Ein paar Tage nach unserem Treffen schickte uns Dario noch eine Mail. Darunter stand dieses Zitat:
„The one who plants trees, knowing that he will never sit in their shade, has at least started to understand the meaning of life.“ — Rabindranath Tagore
Fuchur: „Ich hätte da übrigens noch ein paar Baustellen.“
Ankommen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Nach einem nassen, ziemlich sportlichen Ritt von Marie-Galante nach Martinique (heftige Schauerböen von der Südspitze von Dominica an) landen wir schließlich in St. Pierre an der Nordwestseite der Insel. Der Anker fällt – und wir gleich mit, allerdings nicht ins Wasser, sondern in den Entdeckermodus. Wir paddeln an Land, schließen das Dinghy unter fallenden Kokosnüssen an (leicht erhöhtes Restrisiko) und zu Fuß erkunden wir den Ort, der irgendwie gleichzeitig zwei Leben führt: In unserem Kopf läuft noch das alte St. Pierre – „Paris der Karibik“, Boulevards, Theater, elegante Steinhäuser. Und direkt davor das heutige: improvisiert, bunt, leicht schief, karibisch-pragmatisch. Dazwischen schiebt sich immer wieder der Gedanke an den Vulkanausbruch, der hier einmal alles beendet hat. Ein merkwürdiger Kontrast, der bleibt. Und mein Architektenherz macht kleine, aufgeregte Hüpfer.
Brot, Busse und Begegnungen Doch, da war doch was, richtig, Karneval, kein Brot mehr, nirgends, bevor die kleinen Läden schließen ist bereits alles ausverkauft. Irgendwann quatsche ich einen nett aussehenden Mann vor seinem Haus an und frage nach einer Möglichkeit, noch ein Brot zu bekommen. Es folgt eine Unterhaltung über die hiesigen Gebräuche und das bevorstehende Fest. Dann verschwindet seine Mutter im Haus – und überreicht uns strahlend: ein Baguette aus ihrer Küche. Das nenne ich Gastfreundschaft! Der Ort wächst uns ans Herz. Wir spähen die Bushaltestelle aus, es gibt sogar einen Fahrplan, sowas haben wir lange nicht gesehen! Und: es funktioniert – nach unseren Maßstäben hervorragend – danke Frankreich! Wir nehmen den Bus quer über die Insel – durch Regenwald, vorbei am Vulkan Mont Pelée (nein, den Aufstieg traue ich mir nicht zu – Silvi und Hendrik hingegen wedeln Tage später mal kurz hoch. Aber jeder nach seinen Möglichkeiten und Ambitionen.), hinüber zur Atlantikseite. Riesige Farne, Bambus, Zuckerrohrfelder. Alles wirkt ein bisschen überdimensioniert, als hätte jemand beim Maßstab großzügig aufgedreht. Und der Bus? Richtig sauber und luxuriös, mit Klimaanlage, billig. Aber in Antigua war es auch toll, eben anders.
Atlantikseite: Phantasien zum Durchlaufen Auf der Atlantikseite laufen wir weiter, finden unseren angeblichen „Weg“ mitten durch Zuckerrohrfelder, teilweise eher sportlich als geplant. Dann eine Hängebrücke über einen Fluss, Dschungel ringsum. Und vorne wie im Fokus: die Brandung des Atlantiks an der Flussmündung. Einer dieser Momente, die sich ganz leise festsetzen. Auf der ganzen Tour treffen wir nur ein britisches Paar. Sie wissen gar nicht wovon wir reden, sie kommen vom Parkplatz direkt neben der Brücke. Und später begegnet uns eine einheimische Großfamilie in Flipflops, die fischen wollen – na dann, ich wüsste nicht wie das gehen sollte. Vielleicht fehlt mir die Phantasie. Aber dieser Trip war …. truly phantasia!
Motorstreik und Improvisation Zurück am Boot dann der Klassiker: Wir wollen los – der Motor nicht. Also Fehlersuche statt Anker auf. Relativ schnell wird klar: Die Starterbatterie hat beschlossen, dass ein Jahr Dauereinsatz wirklich genug Beitrag ihrerseits war, zumal sie ja schon etwas betagter war, als es losging. Gleichzeitig finden wir auch noch (ein wenig) Salzwasser in der Bilge der Batteriebank, das die Servicebank gleich mit irritiert hat. Also erstmal alles trocknen, sauber machen, sortieren. Dann geht es eben erst morgen weiter – Bordleben in Reinform.
Enge Buchten und weite Begegnungen Die Starterbatterie überbrücken wir provisorisch über die Servicebank. Funktioniert erstmal. Reicht für die nächsten paar Hüpfer. Zumal wir inzwischen recht gut im Ablegen unter Segeln sind. Wir segeln weiter nach Petit Anse d’Arlet – und treffen dort Silvi und Hendrik wieder. Seit La Gomera kreuzen sich unsere Wege immer wieder, wir sind sogar die ersten zwei Tage von den Kapverden gemeinsam losgesegelt, bevor sich unsere Routen getrennt haben. Entsprechend viel gibt es auszutauschen: Erfahrungen, Tipps, Geschichten – und Kokosnüsse. Die Bucht selbst hat es allerdings in sich. Die engste Ankersituation, die wir je hatten. Und während wir noch versuchen, uns halbwegs entspannt einzurichten, schwojen um uns herum große Charterkatamarane, deren Crews offensichtlich gerade ihre ersten praktischen Erfahrungen sammeln. Wenn so ein Teil dann bis auf zwei Meter herankommt, wird es… sagen wir mal: aufmerksamkeitsfördernd. Vor allem, nachdem uns in St. Pierre tatsächlich zum ersten Mal jemand leicht „angedetscht“ hat. Wir waren zum Glück an Deck und konnten abfendern – aber seitdem schauen wir nochmal genauer hin.
Le Lamentin – Lost Place mit Mangrovenmagie Dann ruft der Besorgungsmarathon. Wir verholen uns in die Bucht vor dem Gewerbegebiet von Le Lamentin, östlich von Fort-de-France. Der erste Eindruck ist… speziell. Wracks überall. Masten ragen aus dem Wasser, Boote liegen halb auf der Seite am Ufer, andere hängen offensichtlich seit Jahren unbewegt an Moorings. Kaputte Stege neben kaputten Gebäuden mit kaputten Booten davor. Dahinter die brennenden Schornsteine einer Ölraffinerie. So eine Art maritimer Endzeitfilm, nur ohne Musik und Abspann.
Mangroven, Serien und ein bisschen Glück Willkommen fühlen wir uns erstmal nicht. Kein klarer Anlandeplatz, vieles privat, vieles kaputt, und die Bewertungen auf den üblichen Cruising-Seiten sind… sagen wir mal zurückhaltend begeistert und berichten von Ablehnung. Also machen wir das, was wir immer machen: Dinghy ins Wasser und selbst schauen. Im letzten Abendlicht fahren wir durch die Bucht. Einen guten Anlandeplatz finden wir zunächst nicht – dafür etwas Anderes: die Mangroven. Sobald man ein paar Meter hineinfährt, ist man in einer komplett anderen Welt. Still, dicht, voller Leben. Vögel, Fische, Pflanzen – alles irgendwie näher, intensiver. So haben wir das noch nicht erlebt. Die Stille der Bucht ergibt plötzlich Sinn – und fühlt sich nicht mehr falsch an. Abends, leicht frustriert wegen der Anlandesituation, suche ich nach einer Serie, um unser Französisch etwas aufzubessern und einfach mal abzuschalten vom Ankeralltag. Unsere Technik: kombiniere Spaß mit Lernen, Originalton und Untertitel, alle paar Minuten zurückspulen und Revision. Das funktioniert erstaunlich gut – zumindest bis die Handlung spannender wird als die Grammatik. Ich lande bei Deadly Tropics. Und während wir da so reinschauen, dämmert es langsam: Diese Mangroven… diese Stege… das kommt uns alles verdächtig bekannt vor. Da waren wir vorhin! Also: genau da! Am nächsten Tag fahren wir genau zu diesem kleinen Steg – und tatsächlich: perfekter Dinghy-Zugang, versteckt zwischen den Stegen eines privaten Yachthafens, eindeutig legal für uns zu nutzen. Glück muss man manchmal einfach erkennen, wenn es zufällig im (diesmal per VPN deutschen) Fernsehen läuft.
Kulturschock im Einkaufsparadies
Von dort aus laufen wir los – und merken schnell: Das große Gewerbegebiet von Le Lamentin ist zu Fuß praktisch unerreichbar. Die Autobahn führt schnurgerade durch die Mangroven, da kann man aber nicht laufen. Der Fußweg macht einen riesigen Umweg außen herum. Google kennt nur den Weg über die Autobahn, auch zu Fuß. Die Einheimischen schütteln nur die Köpfe, als wir fragen. Also Bus. Kein Problem. Der Fahrkartenautomat ist kaputt, also machen wir was alle machen: einfach mitfahren und möglichst so tun, als wüsste man genau, dass das so gehört. Und dann trifft uns der Kulturschock. Nach fast einem Jahr ohne Autobahnen, große Einkaufszentren und Industriegebiete laufen wir uns einen ganzen Tag lang die Füße platt: ein riesiger Decathlon, mehrere (teure) Stoffläden, Baumarkt, alles einmal sichten, Preise vergleichen, Möglichkeiten abklopfen. Zum Schluss der „Super“markt in der „Mall“. Riesig. Überwältigend. Das letzte Mal so etwas gesehen? Vermutlich Teneriffa. Davor Hamburg. Nein, nichtmal da. Alles was ein französisches Herz begehrt!!! Käse, Fleisch, Gemüse, einfach ALLES. Naja, wer braucht schon Roggenmehl. Wir stehen zwischen Regalen voller Optionen – und gehen am Ende mit zwei einfachen Baguettes und zwei Stück heimischen Gemüses raus. Entscheidungsunfähig vor lauter Auswahl. Sonst kaufen und essen wir, was es am Straßenrand gibt, bemühen uns, es lokal typisch zuzubereiten.
Zurück durch die Mangroven – und ins echte Bordleben Der Rückbus lässt sich Zeit. Viel Zeit. Die Einheimischen beruhigen uns uns geben uns unverständliche Ratschläge. Es ist eben nicht so, dass hier Schulfranzösisch gesprochen wird. Alle sind hilfsbereit, aber wir verstehen fast nichts. Danke trotzdem! Das Wesentliche haben wir mitbekommen – wo wir besser nicht einsteigen. Am Ende laufen wir im Stockdunkeln zurück durch die Mangroven – mückig (Stirnlampe war eine sehr doofe Idee!), holprig, voll beladen, leicht genervt und ziemlich müde und mit wachsender Wertschätzung für jede funktionierende Straßenlaterne dieser Welt. Ins Dinghy klettern, durch unmarkierte Wracks und treibende Mooringleinen navigieren und unseren Fuchur wiederfinden. Gut, dass wir das Ankerlicht angelassen hatten. Wirklich gut. Machen wir inzwischen öfter. Gerne auch mit etwas lila Licht im Cockpit, um Fuchur von anderen Booten zu unterscheiden.
Alltag, der keiner ist Der nächste Tag gehört der Verarbeitung all dieser Eindrücke – und der Listenpflege und Entscheidungsfindung, was wir letztendlich wo kaufen wollen. Zwischendurch baut Chris das WC einmal komplett auseinander und wieder zusammen. Ganz normale Urlaubsaktivität. Nebenbei beobachten wir Jugendliche beim Training mit traditionellen Segelbooten. Schulsport deluxe. Unglaublich sportlich, viel Teamarbeit, viel Gefühl fürs Boot. Wir schauen zu, staunen und grüßen uns gegenseitig auf Deutsch, Englisch und Französisch. Endlich fühlen wir uns dort willkommen. Silvi und Hendrik kommen dazu, und gemeinsam machen wir noch einen weiteren Busausflug ins Gewerbegebiet – diesmal mit klarer Mission: kaufen, nicht gucken. Das Wichtigste: neue Noise-Cancelling-Kopfhörer. Meine sind im Atlantik über Bord gegangen, Christians lösen sich nach Jahren intensiver Nutzung einfach auf.
Le Marin – Chaos, Chancen und nasse Wege Die paar Meilen gegenan nach Le Marin fahren wir zähneknirschend unter Motor. Wind, Welle, Strömung! Unsere Dinghydavits müssen wir definitiv noch verstärken. Zugkräfte unterschätzt! Und dann dieser Anblick: die größte, vollste Ankerbucht, die wir je gesehen haben. Ein kurzer „Oh“-Moment, gefolgt von der praktischen Frage: Wo bitte sollen wir hier noch hin?Mit etwas Geduld finden wir einen Platz – stressig, aber machbar. Viel Wind hat die Suche und das Ankermanöver in der vollen Bucht nicht gerade entspannt. Am nächsten Tag startet Teil zwei des Besorgungsmarathons. Erstmal alles sondieren, vergleichen, planen. Ohs, Ahs und Oh-Nooes inklusive. Und natürlich streikt genau jetzt das Dinghy. Vermutlich weil es das kann. Der Propeller dreht durch. Ersatz? Haben wir nicht. Und welche Marke führt hier keiner? Genau, unsere. Also wieder in den Bus, den es ja hier gibt, halleluja, zurück nach Le Lamentin, reparieren, organisieren, weitermachen. Danach fügt sich erstaunlich viel: neue Starterbatterie, endlich passende Solarpanels (seit Galizien gesucht!), neue Unterwanten beauftragt. Und dann fahren wir zu einem echten Luxus: einem Supermarkt mit eigenem Dinghy-Dock, bei dem man mit dem Einkaufswagen direkt bis ans Boot fahren kann. Nach Monaten des Schleppens über Kilometer durch Hitze fühlt sich das fast dekadent an.
Luxus, Pudel und Dinghy-Realität Das Leben bleibt trotzdem nass. Es pustet immer ordentlich und es baut sich in der Bucht eine lästige, steile Windwelle auf. Beim Einsteigen ins Dinghy wird man grundsätzlich mindestens halb geduscht – erst ein Eimer voll von der Seite, dann von vorne, dann sicherheitshalber nochmal von rechts. An Land sieht man entsprechend aus: erst wie ein nasser Pudel, dann wie ein salzverkrusteter Pudel mit verstrubbelten, verklebten Haaren und weißen Rändern auf den (sowieso schon spärlichen) Klamotten. Aber hier sind viele so unterwegs, also passt das schon. In Deutschland würde ich mich so nirgends hintrauen. Hier haben wir keine Wahl.
Fundstücke und fliegende Dinghys Zwischendurch treibt ein halb kaputtes Schlauchboot an uns vorbei. Chris springt ins unser Dinghy, fängt das Treibende ein. Kein Name dran. Wir überlegen, was wir damit tun sollen, fragen herum – keiner fühlt sich zuständig. Nicht mal die Hafenbehörde. Abends dann die Erlösung: „Hellooo – thank you for saving my dinghy!“ Die Besitzerin hatte schon gesucht. Wir sind es wieder los. Win-win. Wir waren nicht scharf darauf, es zu adoptieren.
Die Bucht lebt
Von den ungewöhnlich kreativen Wohnformen aus Päckchen von gestrandeten Booten, teils mit Gemüsegärten drauf, haben wir aus Respekt vor den Bewohnern, wie auch sonst so oft an Land, keine Fotos gemacht. In dieser Bucht gibt es einfach alles von klein bis riesengroß, von ganz kaputt und gesunken bis unter Wasser beleuchteter Superyacht. Und wir mit unserem Glücksdrachen mittendrin. Menschen auf der Durchreise, Menschen auf dem Absprung. Menschen die hier hängenbleiben oder hängengeblieben sind. Ein bunter Mix aus vielen Nationen. Allerdings deutlich geprägt von weißer Hautfarbe, wie bisher überall in Seglerkreisen, die wir getroffen haben. Warum ist das so?
Rigg, Rechnungen und Realität Für die neuen Wanten werden wir übrigens zweimal (bzw. viermal, zweimal hin und zurück) unnötig nass – sie sind einfach noch nicht fertig, obwohl anders angekündigt. Aber gut, das gehört hier offenbar dazu. Für meine Verhältnisse habe ich mich fast gar nicht darüber aufgeregt. Am Ende steht das Rigg wieder, Chris optimiert gerade noch die Spannung über meinem Kopf, während ich schreibe.
Die ganzen Aktionen waren allerdings so kostspielig, dass wir erstmal auf den nächsten Kreditkarten-Monatswechsel warten müssen. Das ist noch nie passiert! Also Pause in St. Anne, der Ankerbucht direkt um die Ecke.
St. Anne – Pause, die keine ist
Und plötzlich ist alles wieder entspannter. Mehr Platz, mehr Horizont, baden gehen, durchatmen. Kostet gar nichts. Wir nähen einen UV-Schutz fürs Dinghy aus Stoffresten, waschen mit gesammeltem Regenwasser, machen einen Ölwechsel (danke an Anja und Hakan für den Support und die geliehene Pumpe – inzwischen haben wir selbst eine) und montieren die neuen Solarpanels.
Kleine Welt, große Zufälle Dann plötzlich eine Stimme von achtern. Es dauert ein paar Sekunden – dann fällt der Groschen: Ulf. Früherer Stegnachbar aus Deutschland, Ostsee, zuhause. Jetzt in der Karibik. Er hat uns bzw. Fuchur beim Ankern seines Charterbootes erkannt, ist ins Dinghy gestiegen und einfach mal vorbeigekommen. Was sonst. So geht das hier. Kurz darauf sind auch Kira und Turan in der Bucht. Ein paar Boote weiter. Wir freuen uns. Seit Mindelo treffen wir uns immer mal wieder. Natürlich verabreden wir uns später auf einen Sundowner bei uns. Es wird ein sehr schöner Abend – inspirierend, musikalisch, nicht trivial. Zwischendurch schleppen wir eine riesige Ladung Wäsche zur Wäscherei, erkunden währenddessen die Umgebung – und dann kommt auch noch Laura Dekker mit ihrem Jugendsegelprojekt (Guppy) in die Bucht. Mit Ulfs und Sandras Tochter als Crewmitglied. Auch die zweite Tochter ist schon mitgesegelt. Kleine Welt, mal wieder.
Letzte Besorgungen, große Schiffe, Stammtisch mit Currywurst Für die letzten Besorgungen müssen wir doch nochmal rein nach Le Marin. Das Ankerfeld ist noch voller als zuvor, also ankern wir weit draußen im tiefen Wasser. Carla und Rene, die wir aus Antigua kennen, gesellen sich dazu. Wir verbringen zusammen zwei nette Sundowner auf unseren sehr unterschiedlichen Booten und stauben nebenbei günstig deren alten Plotter ab, den wir als Tochtergerät im Niedergang montieren wollen. Das muss aber, wie so viele Installationen besorgter Dinge, erstmal warten. Im Zuge des „Besorgens“ gehen wir erst alle Fächer unter unseren Bodenbrettern durch, dann im Zuge der großen Motorwartung die vollgestopfte Achterkabine. Kai und Tina nennen ihre liebevoll „die Kammer des Schreckens“. Alles einmal raus und sauber sortiert wieder rein, puh, aber fühlt sich gut an. Abends besuchen wir dann noch Ulf und Sandra und Harald und Christine auf ihrem großen Charter-Katamaran. Möchten wir tauschen? (Noch) nicht wirklich. Doppelte Sorgen! Beim Einkauf der Motorersatzteile fragt uns der Werkstattleiter, ob wir den Motor neu bauen wollen. Wetten dass wir das EINE Teil das wir nach langen Diskussionen weggelassen haben in der blödesten Situation brauchen werden? Nach einem letzten Lebensmittelgroßeinkauf geht es schließlich zum Ausklarieren. Toitoitoi, bisher hat die vorab gefürchtete Bürokratie überall problemlos geklappt, ist nur lästig. Aber wir fühlen uns grundsätzlich willkommen.
Dann eine weitere spannende Nachbarschaft: ich erwähnte, dass wir weit draußen im tiefen Wasser ankern. Das mag auch der niederländische alte Dreimaster Oosterschelde. Der nutzt den Raum hinter uns, was bedeutet, dass er förmlich unsere Seite streift, um den Anker zu platzieren. Sehr eindrucksvoll. Aber der Skipper hat alles im Griff! Chapeau! Wir machen Fuchur abfahrbereit für den nächsten Morgen und Carla und Rene sind so nett, uns in ihrem Dinghy mit zum Seglerstammtisch an Land zu nehmen. Currywurst-Happy-Hour bei einer deutschen Wirtin, gibt es jeden Donnerstag. Kann man machen. Viele kennen sich offensichtlich schon länger. Und natürlich trifft man wieder Leute, die man irgendwo schon einmal getroffen hat. Karibik eben. In diesem Fall freuen wir uns, Kai und Tina wiederzusehen. Mit ihnen waren wir zuletzt zum Karnevalsumzug in Grand Bourg.
Abschied und Aufbruch
Am nächsten Tag geht es nach Rodney Bay, St. Lucia. Endlich wieder dieses Gefühl: Leinen los im Kopf. Fuchur schaukelt und stampft vor Freude. Segel hoch! Endlich wieder unterwegs. Endlich wieder dieser kleine Kribbelmoment: Neues vor uns. Phantasien voraus! Ich sollte mich vielleicht doch nochmal auf „Fluch der Karibik“ einlassen. Bisher habe ich mich dafür nicht begeistern können. Ich habe immer die Messer und Säbel gesehen, nicht den Hintergrund. Jedenfalls reisen wir mal wieder durch Kulissen….
Warum das alles?
Falls ihr euch fragt, warum wir so viel besorgen mussten:
Wir sind nun schon ein ganzes Jahr unterwegs. Das sind mindestens zwei intensive Saisons. Mehrere Passagen und eine Atlantiküberquerung liegen hinter uns. Viel Wind, viel Welle, sehr viel UV. Das zehrt. Fuchur muss sich wohlfühlen und wir sicher.
Und wir wollen weiter. Erstmal weiter nach Süden für die Hurrikansaison, also nach den Grenadinen nach Grenada. Orte, an denen vieles nicht verfügbar oder deutlich teurer sein wird.
Also lieber jetzt.
Und natürlich…
Was passiert als erstes, was wir nicht bedacht haben? Wir erreichen Bequia und die Stimmwirbel der Westerngitarre brechen reihenweise. Natürlich. Ok, ja, wir haben noch andere Instrumente, aber unsere Westerngitarre „Cognac“, wie wir sie liebevoll nennen, ist DIE stabile Säule unserer Kreativität und fehlt!
Falls also jemand eine Idee hat, wie wir unterwegs an passende Mechaniken kommen: Wir sind offen für kreative Lösungen 😄 Jetzt gehen wir mal an Land und fragen uns durch. Silvi hat hier ihren „Shoeman“ gefunden, warum sollten wir nicht einen „Guitarman“ (oder woman!) finden. Leider sind die Ersatzteile relativ speziell und nicht durch Handwerkskunst zu ersetzen.
Wir melden uns!
Ach ja, da war noch was: Sonnenuntergänge, türkisblaues Wasser, barfuß durchs Paradies… Und dann gibt’s da noch die andere Seite. Dieser Song ist unser ehrlicher Blick auf das Leben an Bord von Fuchur.
Guadeloupe fühlte sich an wie ein sanfter Wiedereinstieg in Europa. Zumindest in unserem Kopf. Wir zahlten wieder in Euro. Die Autos fuhren wieder rechts.
Beides irritiert zuverlässig. Kaum hat sich das Gehirn auf „andere Welt“ eingestellt, wechselt die Realität wieder die Seite. Fuchur rollte nur leise mit dem Bug – er kennt nur Kollisionverhütungsregeln.
Wir ankerten in der Grande Anse direkt im Norden der Insel und liefen nach Deshaies. Die Serie „Death in Paradise“ kannten wir damals noch nicht. Die Begeisterung anderer Segler für diesen Ort konnten wir also nur höflich zur Kenntnis nehmen. Später haben wir das nachgeholt. Erste Staffel. Aha-Moment. Plötzlich war alles Kulisse.
Guadeloupe ist vertraut und tropisch zugleich: Baguette unter Palmen. Freilaufende Hühner zwischen Hibiskus und Bananen. Ziegen und Kühe neben den Wegen. Wir suchten und recherchierten Früchte wie Darwin und fanden das ein oder andere Essbare. In Malendure kauften wir bei Leader Price groß ein, die erste Gelegenheit seit Langem, und eine Machete. Man weiß ja nie.
Les Saintes – erst unruhig, dann schön und produktiv
Les Saintes empfingen uns erst mit Geschaukel. Der einzige bojenfreie Platz war bei viel Wind alles andere als romantisch. Also gaben wir auf. 13 € pro Nacht. Boje vor Îlet à Cabrit. Entscheidung: hervorragend. Dort fanden wir, was man nicht kaufen kann: Ruhe.
Wir spazierten, schnorchelten, liefen Terre-de-Haut kreuz und quer ab. Es gab super Baguette. Ein bisschen Gemüse. Ein bisschen Obst. Und den Pompière Beach mit Kokospalmen, die aussehen, als hätten sie Palmitektur studiert.
Das riesige Bojenfeld vor Terre-de-Haut ist ein eigenes Schauspiel. Und mittendrin gleiten regelmäßig kleine, elegante Kreuzfahrtschiffe vorbei. Manchmal sogar unter Segeln. Man fühlt sich wie ein Statist im Film. Und jedes mal zauberte uns ein Heimathafen Hamburg ein Lächeln in die Seele.
Nebenbei arbeiteten wir. Gastlandflaggen für Dominica und St. Vincent wurden genäht. Das Rigg nach der Atlantikbeanspruchung von oben bis unten systematisch gecheckt und kleinere Schäden sofort behoben und Verbesserungen vorgenommen. Der Drucker, seit Monaten beleidigt verstaut, musste überredet werden, wieder Patronen anzuerkennen. Ausklarierungsdokumente drucken ist erstaunlich nervenaufreibend, wenn ein Gerät beschließt, dass es lieber meditieren möchte.
Dominica – Schwell mit Charakter
Dann Dominica. Wind aus Ost. Wir im vermeintlichen Schutz der Insel. Und trotzdem rollt der Nord-Nordwest-Schwell von fernen Winterstürmen im Norden herbei. Quer zum Schiff. Fies. Rhythmuslos. Auf Antigua gab es immer eine Möglichkeit, sich in eine entsprechend geschützte Ankerbucht zu verholen. Diesen Luxus bietet die Westküste von Dominica nicht. Der weit gereiste Schwell trifft auf steile Strände, bricht kurz und hart – und macht Anlanden zur Mutprobe. Unsere Versuche waren … grenzwertig. Und oben sofort dichtes Gebüsch. Wo Dinghy festmachen? Und natürlich steht genau am einzig möglichen Platz eine Kokospalme. Fallende Nüsse sind kein Mythos.
In Portsmouth South beschlossen wir zunächst zu laufen. Busfahren ist hier eher eine theoretische Idee. Mietwagen teuer. Straßen mit Unterboden-Ambitionen. Also Füße. Ein Zufall führte uns genau zum Schulschluss in einen endlosen Strom uniformierter Schüler:innen. Wir reihten uns ein, liefen den Hügel hinunter, sahen, wie sich Wege trennten, Schüler abbogen, Türen aufgingen. Kein Event. Kein Highlight. Nur Alltag.
Und genau das war eines.
Später entdeckten wir Bananen in einem einfachen Verschlag. Also suchten wir den Gärtner. Ein sehr alter Mann, der uns Kochbananen und rote Bananen verkaufte – und geduldig erklärte, welche man kocht, welche man roh isst und wann sie perfekt sind. Hände, Füße, Kreolisch, Englisch. Verständigung gelingt, wenn man sie will.
Dschungel und Macheten
In Portsmouth, sagte man uns, dürfe man den Indian River keinesfalls verpassen. Schließlich eine weitere Filmkulisse, diesmal von „Pirates of the carribean“. Also fragten wir uns durch ein Wohngebiet bis durch das Gelände eines Bauhofes und fanden schließlich den Trail am Fluß entlang. Nicht dort wo die Karte ihn zeigte. Wir betraten zum ersten Mal Regenwald – beeindruckend!
Davon wollten wir natürlich mehr und schnappten uns den nächsten Fluß (Picard River) startend an seiner Mündung ins Meer. Dominica zeigte sich von seiner schönsten Seite: Kaskaden, Naturpools, flache Steine im klaren Wasser. Sonntagmorgen. Studenten mit Rum-Picknick luden uns ein. Wir lehnten ab – der Berg wartete.
Weiter oben dann die andere Seite: bellende Hunde, die ihre Reviere in verlassenen Gemäuern voller Müll verteidigten, Plastikplanenfetzen zwischen Bananenstauden, leere Flaschen Pflanzenschutzmittel am Wegesrand. Dominica spart nichts aus. Schönheit und Verfall leben hier Tür an Tür. In der Einsamkeit, wo der Weg im Fluß verschwand, trafen wir einen Mann, der dort in der Bananenplantage arbeitete. Wir fragten nach dem Weg. Er sagte nur: „I’ll bring you.“ Verschwand in einer verfallenen, vermüllten Hütte. Kam zurück. Mit Machete. Schluckmoment. Gut, dass wir an den Anblick schon gewöhnt waren. Beim letzten Spaziergang nutzte eine Zufallsbegegnung seine Machete, um uns eine Guave vom Straßenrand mundgerecht zu kredenzen. Aber hier oben am Ende der Welt? Spoiler: Wir leben noch. Er war freundlich. Erzählte von seiner Arbeit und seinem Glück, nicht in den ganz steilen Hangplantagen arbeiten zu müssen. Der Trail allerdings hatte nur noch lose Bekanntschaft mit der Karte. Steil. Steiler. Kaum noch Weg. Irgendwann drehten wir um und rutschten mehr oder weniger kontrolliert zurück ins Tal, nochmal an den Hunden vorbei..
Das Picard-Viertel klang harmlos.Viele Studierende der American Canadian School of Medicine wohnen dort. Google Maps zeigte Straßen und Wege, war optimistisch. Die Einheimischen weniger. Kopfschütteln inklusive. Am Ende standen wir wieder im Matsch. Also wieder: retoure. Und wieder ein paar echte, freundliche Begegnungen.
Strand. Brandung. Entscheidung.
Zurück am Dinghy waren die Wellen inzwischen deutlich entschlossener. Eigentlich zu viel. Also Plan B: Alles ausziehen, was beim Schwimmen stören würde. Sollte das Paddeln nicht funktionieren, könnten wir das Dinghy schwimmend bis hinter die Brandungszone ziehen. Dann erst einsteigen. Wir arbeiten an der Technik. Theorie: Trittschlaufe plus Flaschenzug-Effekt. Praxis: erster improvisierter Test erfolgreich. Optimierung folgt. Hat diesmal noch ohne geklappt. Ja, größere Wellen treten fast immer in Serien auf – also warten und dann im richtigen Moment los.
Man wächst mit seinen Aufgaben. Oder wird zumindest nasser.
Die Brandung bleibt. Gut, dann eben Boatwork.
Anlanden unmöglich? Dann bauen wir. Der Windpilot wurde demontiert – er ist Offshore-Experte, nicht Inselhopper. Und plötzlich war sie wieder da: unsere Badeplattform. Die Kuchenbude über dem Cockpit wurde reaktiviert. Endlich wieder draußen sitzen, trotz karibischem On-Off-Sonne-Regen-Theater. Unser Lebensraum wuchs spürbar.
Fast gleichzeitig montierten wir die letzten Aluprofile für die Davits. Gamechanger. Dinghy hoch, Dinghy runter, Motor dran, Motor ab – mit Lastenkran und einem Lächeln.
Dann ein Klassiker: Sicherung der Wassermacher-Impellerpumpe verrostet. Pumpe tot. Kurze Stille. Wir fahren bewusst Minimal-Rückspülstrategie, produzieren täglich kleine Mengen, um unseren Energiehaushalt und den Kärcher zu schonen. Der ist nicht für lange Betriebszeiten ausgelegt. Und ohne Rückspülen des Systems müssen wir auch weniger Wasser produzieren, nur um es wieder ins System zurück zu geben. Ohne Wasser wird es aber schnell ernst für die Membran, dann gammelt sie und wird unbrauchbar, ein sehr teurer Defekt. Und wo eine neue Membran herbekommen?
Also sofortige Reparatur alternativlos. Mc Gyver half. Konstruktion verbessert. Einkaufsliste für Martinique? Wird immer ambitionierter.
Mero – oder: Dominica spuckt uns aus
Wir segelten weiter südwärts und ankerten vor Mero. Der Schwell dort: unerträglich. Anlanden unmöglich. Es fühlte sich an, als wolle Dominica sagen: „Nicht jetzt.“ Also drehten wir um. Zurück nordwärts nach Guadeloupe. Und entdeckten die Insel Marie-Galante. Wir erwarteten nichts. Wir bekamen alles.
Schildkröten. Kristallklares Wasser. Postkartenstrand. Lange Spaziergänge durch hiesigen Mischwald direkt am Strand und durch Wohnviertel im Inselinnern. Eine historische Rumdestillerie in Aktion – eine riesige Maschine, Förderbänder, Zahnräder, Kettenriemen. Man kletterte quasi durch den Bauch der Rumherstellung.
Wir entdeckten den Ort Saint-Louis. Und verbrachten den Karnevalssonntag in Grand-Bourg, der Inselhauptstadt. Hin ergatterten wir einen Bus. Der Fahrer bot uns an, bis zu sechs Personen „privat“ für 40 € am Abend zurückzubringen. Gab uns seine Telefonnummer, wir sollten einfach anrufen wenn wir nach Hause wollen. Sonst wären es 10 km Nachtmarsch geworden. Zwei Buddycrews waren schnell eingesammelt. Manchmal fluppt es einfach.
Und dann?
Ein Wetterfenster rief. Der Nord-Nordwest-Schwell blieb. Der Wind wäre bald zu stark, um wegzukommen. Also beschlossen wir schweren Herzens, Dominica diesmal nur zu passieren und direkt nach Martinique zu segeln.
Inzwischen haben wir Nordmartinique erreicht. Haben zufällig entdeckt, dass wir wieder einmal in Kulissen ankern, diesmal von „Deadly Tropics“. Doch dazu später mehr.
Denn dann wollte der Motor nicht mehr anspringen. Die Starterbatterie hat ein Spannungsproblem. Stunden später, immer noch im elektrischen Innenleben von Fuchur, sind alle verdächtigen Fehlerquellen systematisch ausgeschlossen: eine neue Starterbatterie muss her. Jetzt starten wir den Motor notdürftig per Servicebank und warten auf ein Wetterfenster, um nach Le Marin, dem Segelzentrum der Karibik, zu segeln, wo wir hoffentlich alles bekommen und reparieren können, was auf unser immer länger werdenden Liste steht: Einkäufe, Bootsarbeiten und die Vorbereitung auf St. Vincent und die Grenadinen.
Fuchur schaukelt geduldig vor Anker. Als wüsste er, dass jede Reise nicht aus perfekten Etappen besteht, sondern aus Entscheidungen, Improvisationen und dem Mut, umzudrehen.
Exploring Phantasia heißt nicht: immer weiter. Sondern: weiter denken. Weiter fühlen. Weiter segeln.
Man sagt, der Atlantik beginne in Mindelo. Fuchur meint: Das stimmt. „Ab hier wird nicht mehr diskutiert!“
Für uns begann er im ersten Morgenlicht, nass bis auf die Knochen – das erste Mal seit April –, mit klammen Händen und schlechter Sicht am Steuer. Das Meer schwieg. Kein gutes Zeichen? Es schweigt nur, wenn es sich etwas überlegt.
Die Etappe Kanaren (La Gomera) – Kapverden (Mindelo) lag da bereits hinter uns, ordentlich abgeheftet unter „war ok, machbar“. Schließlich haben wir ja nun schon ein paar solcher Happen geschluckt und uns an den Geschmack gewöhnt.
853 Seemeilen in sieben Tagen und Nächten – Zahlen für Menschen an Schreibtischen. Fuchur zählt lieber Wellen. Der Wind war freundlich und effektiv, zeitweise sportlich. Wir hatten Glück. Wie wir später erfuhren, hatten einige andere Boote und Crews Schaden genommen: hier ein verlorenes Segel, dort ein gebrochener Baum …
Mindelo war eng, voll, laut und lebendig. Boote, die wir kannten. Crews, die ähnlich aussahen wie wir: motiviert, leicht nervös, schwer bepackt.
Tim und Gayle von der Wild Bird lotsten uns durch das dichte Ankerfeld zu einem freien Spot und teilten Erfahrungen aus mehreren Atlantiküberquerungen. Silvi und Hendrik von By the Wind ersparten uns das Dinghy-Aufbauen und spielten Taxi – ein echter Freundschaftsdienst. Auch Kira und Turan von Gondwana II brieften uns mit Karibikerfahrung. Fuchur und wir fühlten uns gut aufgehoben.
Einklarieren, durch den Ort treiben, auch bergan, abseits der von Touristen betretenen Pfade. Der Gemüsemarkt: eigentlich toll – es gibt etwas. Aber für Luxusverwöhnte gilt: gut, dass wir schon auf La Gomera (auch schon eingeschränkt) eingekauft hatten und nur etwas nachlegen mussten. Da wurde uns wieder einmal klar, auf was für einer Wolke wir sonst schweben: immer alles, überall. Witz? Ja!!
Für unsere Geldbeutel teuer – also viel teurer als im Supermarkt in Hamburg –, übersichtlich. Erstaunlich viel Kürbis. Kohl. Atlantik-Gemüse. Hält lange. Schmeckt nach Pflicht. Okay. Wir essen, was günstig und lokal ist. Mit dieser Prämisse sind wir losgefahren. Wir haben uns also arrangiert und dann angefreundet.
Das Ambiente: freundlich, authentisch? Viel offensichtliche Armut, auch in weiter entfernten Stadtteilen, die vermutlich kein Tourist betritt. Viel nervendes Umwerben offensichtlicher Ausländer hingegen downtown. Wir hätten uns gewünscht, als anders als die Hotellies wahrgenommen zu werden – hat wohl nicht funktioniert. Komisches Gefühl, in eine Schublade gesteckt zu werden.
Am 28.11. gingen wir mit By the Wind gemeinsam ankerauf. Wir entschieden uns für 100 Seemeilen Kurs fast Süd und dann erst gen Westen, um den Windschatten der Nachbarinsel zu umgehen.
Zwei Boote, ein Horizont. Zwei Tage und Nächte liefen wir nebeneinander, wie Kinder, die noch gemeinsam loslaufen, bevor klar wird: Jetzt geht’s wirklich raus.
Die Wellen wurden größer, unordentlicher, persönlicher. Und es zeigten sich die unterschiedlichen Segeleigenschaften und Vorlieben der Boote. Fuchur fand gerefftes Dauerlaufen unerquicklich. Unbalanciert. Undrachig.
Das Meer beobachtete uns aufmerksam, nickte dann kurz: Reicht jetzt. Da habt ihr eure verschiedenen Aufgaben.
Also entschieden wir uns für eine Brieffreundschaft für den Rest der Reise: Fuchur direkter Kurs Antigua. By the Wind leicht südlicher nach Grenada.
Was blieb, war Verbindung – auch zu anderen lieb gewonnenen Teams.
Manche Crews schrieben per Starlink WhatsApp-Nachrichten aus dem Nichts, mit Emojis und guter Laune. Andere über Garmin inReach. Kurze Texte, ohne Schnörkel. Zweimal täglich meldete sich der Ozean-Zirkus: Position, Wetter, „alles gut“. Digitale Lagerfeuer über 4.000 Metern Wasser: WhatsApp-Gruppen mit Namen wie Trans Ocean oder Finding Dorians.
Dazwischen meist Funkstille – es sei denn, ein anderes Boot näherte sich auf etwa acht Seemeilen. Dann wurde natürlich ein wenig über Funk geschnackt. Welch Enttäuschung wenn mal keine Antwort auf unseren „all ships -call“ kam.
Der Wind kam aus Ost. 15 bis 30 Knoten, in Schauern auch mal 35. Segelbar. Hätten wir früher als unbequem abgezeichnet – aber absolut, dann geht es wenigstens vorwärts, wenn auch in leichtem Zickzackkurs nur unter Genua und Windpilot..
Die Wellen waren der eigentliche Job.
Unter Deck wurde jeder Handgriff zum Vorschlag ans Schicksal. Schlaf gab es nur eingekeilt, mit Leesegel, auf der Salonbank. Zwölf Stunden Dunkelheit, Wachwechsel nach Gefühl, meist drei Stunden. Dazu der ständige Kampf gegen zufallende Augen. Schlaf in Häppchen. Müdigkeit am Stück.
Und zusätzlich hatten wir von Tim und Gayle auch noch ein paar Haustiere geerbt, die versorgt werden wollten: frisches Ginger Ale, Kefir und Kombucha – zusätzlich zu unserer Sauerteig-Suse. Alle wollen gehegt, gepflegt und täglich gefüttert werden, und nicht alle kommen gut mit Seegang klar. Uns hat die Seekrankheit, toi toi toi, bis heute nicht heimgesucht.
Eine Nacht. Eine Welle.
Ich saß vermeintlich „sicher“ unter dem Dodger – nur für eine Sekunde nicht korrekt verkeilt. Das Meer hob mich kommentarlos an und spuckte mich eine Sekunde später wieder aus.
Zwei Meter weiter, fast über Bord, Unterkiefer auf der Winsch. Noch da. Prellungen. Glück. Sehr viel Glück.
Der Schreck blieb. Tage lang. Dieses leise Zweifeln an sich selbst, an jeder Bewegung.
Und dann noch der Verlust eines guten Freundes: mein Noise-Cancelling-Kopfhörer. Rückzugsort. Schlafhilfe. Mobiles Musikstudio. Weg. Das Meer sammelt solche Dinge. Es gibt sie nicht zurück.
Und trotzdem ließ es zwischendurch Milde walten.
Sterne, die nicht funkeln, sondern Präsenz zeigen. Sonnenaufgänge, die leise Hoffnung machen. Vögel, die plötzlich auftauchen und alles erklären. Fliegende Fische (es gibt wirklich viele davon, aber man erwischt sie nie auf Kamera – sie landen nur nachts an Deck).
Drei gefangene, große Festessen für viele Tage: zwei Mahi-Mahi, ein Wahoo. Der Speiseplan machte einen Satz von Kürbis-Kohl zu Hochsee-Festmahl.
Kurz vor dem Ziel noch ein letzter Adrenalinschub: seltsam verschnürte, treibende Pakete. Knapp vorbei. Zu knapp. Gedanken an Schraube, Saildrive, Totalausfall. Gedanken, die man sofort wieder wegschiebt, wenn nichts passiert. Das Meer sah kurz interessiert aus – dann nicht mehr.
Nach weiteren 2.182 Seemeilen, 16 Tagen und 15 Nächten fiel der Anker um 22:30 Uhr in Jolly Harbour. Antigua.
Ruhe. Kein Schaukeln. Fester Schlaf. Und das gute Gefühl, nur 2 Stunden den Motor bemüht zu haben.
Fuchur lag still. Er hatte geliefert. Das Meer wandte sich ab. Auftrag erledigt.
Und irgendwo zwischen Atlantik und Ankerplatz war mal wieder klar: Exploring Phantasia heißt nicht, dass alles leicht und magisch ist. Sondern dass man losfährt. Dass man bleibt, wenn das Meer prüft. Und dass man weiterfährt, wenn es einen durchlässt.
In diesem Fall hat das Meer es gut mit uns gemeint. Und wir haben richtig Lust, weiter zu segeln.
Das Video zeigt keine Ankunft. Keine Gesichter. Kein Heldentum.
Nur Meer. Segel. Bewegung. Zeitlupe. Ein Atlantik, der atmet. Ein Boot, das antwortet. Und ein Instrumentalstück, das für unterwegs entstanden ist: symphonischer progressive Rock, ohne Worte – für das, was sich auf See nicht erklären lässt.
Für alle, die den Ozean schon einmal gequert haben. Und für die, die es noch vorhaben. Oder davon träumen.
Die Bordwände fühlen sich zu nah an, die Luft steht still, und unser Herz kribbelt, unruhig, voller Vorfreude. Die Seekarten liegen auf dem Tisch, die Listen des noch Unerledigten schrumpfen – und wir sind hier, mitten in diesem Dazwischen, bevor das große Abenteuer Atlantiküberquerung beginnt. Das werden vermutlich drei Wochen auf See, unsere längste Überfahrt bisher auf dem gewaltigen Ozean an dessen Rand wir gerade erst gekratzt haben.
Es sind die Tage zwischen „Jetzt“ und „Bald“. Die Wellen rollen noch sanft, die Segel liegen noch unter ihren Abdeckungen, und der Ozean wartet geduldig. In diesen Momenten spüren wir, wie wichtig es ist, nicht nur nach vorne zu denken, nicht nur an den Aufbruch und das, was kommt, sondern auch das Heute zu leben.
Ein Lachen am Steg, ein kurzer Plausch mit den Seglern nebenan, das Salz auf der Haut, der Duft der Insel – all das darf nicht untergehen im Trubel der Vorbereitungen. Diese Begegnungen, die kleinen Details, die stillen Augenblicke, sind genauso kostbar wie das Meer, das bald unsere Routine bestimmen wird.
Unser Song Moment beschreibt die Zerbrechlichkeit dieser Tage, das leise Staunen, das Kribbeln im Bauch, das Bewusstsein, dass wir Teil von etwas Großem sind – und trotzdem mitten im Jetzt stehen.
Seit dem 7. September treiben wir uns nun zwischen den Kanaren herum – einem Vulkanarchipel, das wirkt, als hätte jemand Europa kurz geschüttelt, dann die Fenster offen gelassen und ein paar afrikanische Farben wären hereingeweht. Die Inseln liegen da wie eine verstreute Sammlung von Lava-Entwürfen: kantig, stolz, ein bisschen verrußt – aber mit Herz.
Die Überfahrt hierher war fast beleidigend gut. Wir flogen mit 5–8 Knoten bei mäßiger Welle dahin, Sonnenschein, ein erster Mahi-Mahi am Haken und rundherum Crews wie Figuren in einem Buch: Man blättert weiter, und plötzlich tauchen sie wieder auf. Mitsamt ihren eigenen Geschichten. Den ein oder anderen hat man vielleicht einmal irgendwo in einer Ankerbucht in Nordspanien getroffen, und bei allem was beide zwischendurch erlebt haben, segelt man plötzlich nebeneinander her oder trifft sich vor Anker oder im selben Hafen. Manchmal ist die Welt auch sehr klein.
La Graciosa empfing uns wie eine Mischung aus Mondoberfläche und Buntfilm. Gelb, karg, schön. Eine Insel, die so wenig tut, dass sie unfassbar viel macht. Hier roch es ein bisschen nach Afrika, ein bisschen nach Abenteuer, und ein bisschen nach: Warum gibt es eigentlich so wenig Schatten? Aber das gehört dazu. Wir wollten ja kein Spa-Resort.
Dann ging es weiter, eine Insel nach der anderen – Perlen auf einer windzerzausten Kette. Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria. In Arrecife auf Lanzarote brachten wir eine komplette Woche damit zu, Dinge zu organisieren, zu reparieren, zu suchen, zu finden oder nicht zu finden. Währenddessen puderte der Saharastaub Fuchur so ungeniert ein, dass unser Boot irgendwann empört wirkte. Fuchur mochte das gar nicht – und kommentierte es mit jeder Menge Quietschen. Wer einmal versucht hat, Sand loszuwerden, weiß: Man verliert nicht – man verhandelt. Und der Sand hat den besseren Anwalt.
Die Kanaren sind offiziell Europa, aber praktisch ein logistisches Experiment. Zoll? Lieferbarkeit? Oft wohl eine Lotterie mit Formularen – vorausgesetzt, man findet überhaupt jemanden, der bereit ist, hierher zu liefern, und man selber den Aufpreis zu zahlen. Wir trafen unterwegs Segler, deren Bestellungen inzwischen fast ein eigenes Jubiläum feiern könnten.
Auf Teneriffa bekamen wir dann einen Mietwagen. Und plötzlich ging alles schnell: hoch, runter, kurvig, steil, schmal, unfassbar weit. Die Insel hat so viele Gesichter, dass man das Gefühl bekommt, alle fünf Minuten in eine neue Welt zu treten. Ein echtes Phantasien. Für den Gipfel des fast 4000 Meter hohen Teide fand sich die Gelegenheit nicht – aber er ragte dafür über mancher Bucht wie ein stiller Wächter. Wir haben uns damit begnügt, ihn aus der Ferne so intensiv anzustarren, dass er es bestimmt gemerkt hat.
Und jetzt: La Gomera. Endstation Europa. Startpunkt Atlantik.
Wir bunkern Gemüse – möglichst ungekühlt, möglichst unverdächtig – und waschen alles ab, was auch nur im Entferntesten nach „Kakerlakenhotel“ aussieht. Wir reparieren das Vorsegel, waschen Wäsche, bergen verirrte Schrauben, und suchen weiter nach dem letzten Saharastaub in der Bilge. (Möglicherweise wohnt er jetzt dort. Möglicherweise zahlt er Miete. Wir wissen es nicht.)
Und dann fiel tatsächlich Regen. Nach Monaten. Ein kurzer Moment, der die Insel riechen ließ wie die Version von sich selbst, die sie im Herzen gerne wieder wäre. Die Stauseen hier sind quasi leer.
Europa liegt hinter uns. Vor uns liegt: eine Entscheidung des Wetters. Kapverden als Zwischenstation? Oder doch nonstop in die Karibik? Oder das mysteriöse Dazwischen, das es nur in der Seefahrt gibt. Die Vorhersagen sagen Montag oder Dienstag könnte es losgehen. Wir sagen: Mal schauen.
Seit Beginn unserer Reise hat sich unser innerer Maßstab nochmal verschoben – oder eher: zurechtgeruckelt. Wir sind klein. Das Meer ist gewaltig. Die Berge sind riesig. Die Klippen unerklimmbar. Die Schluchten unbegehbar. Und die Sterne strahlen ohne Konkurrenz, weil außer ihnen hier draußen nichts leuchtet. Die Wellen entscheiden jeden Abend, wie viel Schlaf sie uns gönnen. Die Natur bestimmt, was sie erlaubt – und was nicht.
Genau dieses Gefühl — dieses „tiny me“, dieses stille Staunen darüber, wie wenig wir im Gesamtplan der Dinge bedeuten und wie schön das gleichzeitig ist — steckt in unserem neuen Song.
Nachts tanzen die Fische ums Boot, als hätten sie einen geheimen Rave Club entdeckt. Im Morgengrauen krabbeln winzige Wanderer über die Grate wie Ameisen in Funktionskleidung. Und manchmal verwandeln der Schwell, plötzliche heftige Fallböen oder unerwartete Winddreher einen eben noch perfekten Ankerplatz in ein schnelles, gar nicht poetisches „Nichts wie weg“. Plan B oder C aus der Tasche zaubern? Wäre schön. Die Wahrheit: Das gehört zur Ankerroutine – jedes Mal.
Der Atlantik entscheidet, wo wir schlafen dürfen und ob wir das Dinghy heute benutzen oder lieber direkt losschwimmen, um an Land zu kommen. (Also das Dinghy hat hier nicht viele Ausflüge gemacht.)
Wie weit wir auf den Kanaren gekommen sind? Bis zu dem Punkt, an dem Demut und Dankbarkeit lauter geworden sind als jede To-Do-Liste.
In der Galerie findet ihr keine dramatischen Abenteuerbilder – weil es diesmal einfach keine gab. Dafür aber unseren Alltag hier in den letzten Wochen: Ankern. Schwimmen. Reparieren. Besorgen. Staunen, immer wieder. Und Momente, in denen das Herz größer wird, weil die Welt ringsum so herrlich groß bleibt und man selbst klein sein darf.
Ein Aufbruch ins Ungewisse. Gerade sind wir von Porto aus losgesegelt – Kurs Madeira. Über 600 Seemeilen liegen vor uns. Unsere bisher längste Überfahrt. Alles ist vorbereitet, alles seefest verstaut, alle Systeme gecheckt – und doch bleibt der Nervenkitzel: Wir wissen nicht, wie wir das meistern und verkraften werden.
Wenn es ganz gut läuft und wir zwischen Wind, Wellen und eventueller Seekrankheit ein bisschen Muße finden, wollen wir unterwegs an neuer Musik arbeiten.
Jetzt rollen wir in sich langsam lichtendem Nebel bei noch zu wenig Wind in der moderaten Atlantikdünung vor uns hin und warten auf den angekündigten guten Wind, um raumschots loszuzischen. Die Augen ständig auf der Suche nach der nächsten Fischerboje. Und wir hoffen sehr, keine Orcas zu sichten – in letzter Zeit interagieren sie hier gerne mit Segelbooten, und das leider nicht immer sanft.
Toitoitoi, wir melden uns!
Von den Blauen Bergen kommen wir – der Atlantik zwischen Porto und Porto Santo
650 Meilen Wasser, sechs Tage, fünf Nächte, wir zwei, unser Fuchur und ein Haufen Wellen, die eigentlich nur eins wollten: uns durcheinanderwirbeln.
Nachdem wir uns das bunte Porto ausführlich erlaufen und mit dem Linienbus erfahren hatten. Eine Stadt, die uns begeistert hat – wären da nicht die unzähligen Touristen, zu denen wir ja letztendlich auch gehören. Wir hielten uns möglichst abseits in den Seitengassen und genossen!
Dann blinkt uns Porto Santo, die kleine Insel direkt neben Madeira, an wie ein Schatz, ein Juwel, als wollte es sagen: „Willkommen, Überlebende der Wellen!“ und wir denken nur: „Ja, wir haben das wirklich durchgezogen. Und wir argwöhnten mal, es vielleicht nur bis Helgoland zu schaffen. Nun, schwupsdiewups finden wir uns auf Höhe Afrika wieder.“
Die See unterwegs? Ein wilder aber nicht hochprozentiger Cocktail: Nordwind 10–30 Knoten, Wellen von gemütlich wie Badewannenplätschern bis zu stolzen 3 Metern, ein bisschen Regen für Würze, sonst Sonne satt. Vor Mondaufgang alles pechschwarz, nur das Rauschen der Wellen begleitet uns. Danach: Sterne wie Konfetti und gespenstische Wolkenfetzen. Die Wellen kamen von überall, brachen hinter unserem Heck oder trafen uns seitlich, und wir rasten mit 7 Knoten davor und hindurch. Schlafen blieb dabei mehr im Status „optional“. Und jeder Handgriff und jeder Schritt: ein Mini-Abenteuer mit akribischer Planung.
Die Technik wollte auch Theater spielen. Die Vorsegel-Rollanlage zickte, das Spinnakersetup machte Faxen, das Stagsegel wollte unbedingt mittanzen. Aber hey, wir haben alles gerockt, mit Schweiß auf der Stirn, einem Grinsen und ein paar kniffeligen Momenten. Fuchur hat die Aktion noch mehr gefeiert als wir. Er flog übermütig über die Wellen dahin, ganz in seinem Element.
Es war nervig. Es war herausfordernd. Es war teilweise sogar ein bisschen aggressionsfördernd. Aber es kam nicht zu Mord;-) Zwischendurch: Cockpit-Dusche bei Wellenchaos. Wellness pur! Dagegen ist ein 5 Sterne Hotel nichts, man muss nur klebrig genug sein! Ein bisschen Wasser, ein bisschen Seebrise, ein bisschen Heldengefühl. Und diese Momente, in denen man einfach nur auf die Wellen schaut, das Herz in der Hand, den Wind in den Haaren… unbezahlbar. Und der Spaß? Absolut inklusive. Wir haben gelacht, geflucht, gelegentlich wild getanzt, und jede Sekunde davon in uns aufgesogen.
Wer jetzt Lust hat, ein Stück von diesem verrückten Atlantik-Trip selbst nachzufühlen: Song hören, Video gucken. Da rauschen die Wellen, fliegt der Wind, und ihr spürt ein bisschen von dem Chaos, der Magie und der Gänsehaut, die wir sechs Tage und fünf Nächte lang getankt haben. Spoiler: Fuchur lacht leise über unsere Menschensachen. Wir sind inzwischen einen Hüpfer weiter gesegelt, nach Madeira, aber dazu später mehr.
Hurra, die Ankerwinsch streikt beim Aufholen – also alles auf Anfang. Dabei war Fuchur schon segelfertig: Ankerball eingeholt, Badeleiter geborgen, Segel klar, Dinghy versorgt, alles seefest verstaut und ich hatte schon die Furlerleine und die Schot für das Einhand-Anker-Auf-Unter-Segeln-Manöver in der Hand. Stattdessen kommt am Steuerstand über unsere Walkie-Talkies aus dem Bug an: „Die Ankerwinsch streikt!“ Also Fehlersuche. Lieber hier in der Bucht, wo wir auf moderater Tiefe ankern, als später von Hand aus 15 Metern Tiefe aufzuholen. Wir vermuten den Fehler in der Elektrik und haben schon durchgemessen. Chris schraubt also gerade das Relais auseinander, ich nutze die gewonnene Zwangspause – endlich Blogzeit!
Ein Blogbeitrag ist für uns mehr als ein Reisebericht. Er ist wie eine kleine Zeitkapsel: innehalten im Fluss des Erlebens, sortieren, sichten – was war bedeutsam? Was erzählenswert? Für euch Leser:innen ist es vielleicht ein Blick hinter die Kulissen des Segelns, für uns ein Spiegel, der hilft, das Erlebte zu greifen.
Aber genau das ist oft schwierig. Ich wollte schon vor gut einer Woche anfangen zu schreiben – da kam er, der Regen-Blackout. Kreativ lähmend. Immerhin: ein paar Stichworte habe ich gerettet, die ich jetzt um eine weitere Woche voller Eindrücke und Erlebnisse ergänze.
Es war eine dieser Nächte. Schwell. Mücken. Obwohl wir den Ankerplatz sorgfältig gewählt hatten, um möglichst wenig Atlantikdünung abzubekommen. Um sieben klingelt der Wecker. Wettercheck noch im Bett: Regen – war so nicht angesagt. Wenigstens stimmt der Wind.
Chris ist zuerst wach, macht Kaffee. Dann Tagesplanung: Plan A, B, C – je nachdem, was Wetter, Boot und Tagesform zulassen. Plötzlich höre ich sein zögerliches, dann dringlicheres: „Helga, hier stimmt was nicht!“ – Was denn jetzt schon wieder?! Kann man das nicht gleich genauer sagen?
Ich stürze (so schnell es eben geht) aus der Vorschiffskoje. Rieche es sofort: Verhängnis. Unsere Powerstation qualmt. Obwohl sie ausgeschaltet ist. Mit vier Händen trennen wir schnell alles vom Solarnetz und bugsieren es ins Cockpit. Schnell eine Plane drüber gespannt, denn es darf ja auch nicht nass werden. Minuten später ist das Boot gelüftet. Aber wir sind erst mal stromlos. Kein Ofen, keine Mikrowelle, keine Induktion, kein Wasserkocher – kein „Buletti“ mehr, wie wir unsere geliebte Küchenhilfe nennen, weil sie uns Buletten, Kaffee und Co. zubereitet.
Also: kühlen Kopf bewahren. Mails an Händler und Hersteller, Garantieanfrage. Ob der Support wohl funktioniert ohne feste Adresse und bei unklarer Erreichbarkeit? Einschicken? Undenkbar. Warten? Auch keine Option. Wenigstens läuft der Gaskocher noch – der Kaffee ist gerettet. Danach: aufräumen, putzen, Alltag eben.
Dann schnell noch ein paar Dinge klären: deutscher Behördenkram, Ersatzteile recherchieren – etwa die AIS-GPS-Antenne, die uns seit dem Ärmelkanal fehlt (weshalb wir auf Vesselfinder und Co noch immer bei den Needles festhängen ;-). Essenszeit. Derzeit: Schlabbertoast. Das gute „Pan Barre“ ist alle.
Vielleicht einkaufen? Mit dem Dinghy an Land paddeln? Man versucht, einen Nachmittagsplan zu fassen – und später, endlich, sitze ich im trockenen Cockpit, bereit zu schreiben. Motiviert. Und dann… brodelt das Wasser.
Riesige Schwärme kleiner Fische – Sardinen, denke ich – tanzen ums Boot. Ich MUSS hinschauen. Lange. Natürlich. Ich nenne es jetzt meditatives Sardinen-Starren – sehr entschleunigend.
Wieder hingesetzt. Nächste Naturbühne. Ich springe auf, will es sehen, festhalten – und schon ist der Schreibmoment wieder dahin. Am Abend zum Hochwasser – das hier ganz ohne Uhr funktioniert – wird’s wilder. Delfine jagen bis kurz vor den Strand. Fischer setzen ihre Reusen aus – hoffentlich nicht über unsere Ankerkette, die wir morgen bergen wollen. Morgens ganz früh holen sie die Körbe direkt neben unserem „Schlafzimmerfenster“ wieder ein.
Gestern waren da Muscheltaucher. Stundenlang. Mit langen Pressluftschläuchen, direkt neben dem Boot. Klar stören wir irgendwie. Und doch: freundlich, rücksichtsvoll. Danke!
Wir hoffen immer noch auf frische Muscheln vom Markt oder Hafen. Bisher hat’s nie geklappt – Markt schon vorbei oder Rückweg zu lang. Ohne Kühlung keine gute Idee. Essen gehen? Nicht unser Stil.
Es passiert einfach zu viel. Immer. Und das erschwert es, über Vergangenes zu schreiben. Deshalb heute – als Versuch, alles zu sammeln – in Stichworten die 30 Tage seit der Biskaya:
Cedeira: Ankunft nach der Überfahrt. Rummel (Kirmes). Spaziergang in den Hügeln – fast wie Schottland. Regenwasser gesammelt – das Auffangsystem auf Bimini und Dodger funktioniert! (Dazu später mal mehr.) Wäsche gewaschen.
Ferrol (Castell San Felipe): Vor Anker. Erste Mückenplage. Kreuzfahrtschiff zum Anfassen nah. Schlepper machen Wasser-Feuerwerk. Castellbesuch: frei zugänglich, leer, 4 Katzen und ein paar Arbeiter beim Wiederaufbau. Ein Traum von Abenteuerspielplatz!
Redes: Allein am Ende der Ría. Langer, lohnender Fußmarsch nach Pontedeume.
Mera (bei A Coruña): Busausflug. Rückfahrt fällt aus wegen Triathlon. Busfahrer ignoriert uns – Sprachbarriere. Andere Spanier helfen mit Händen, Füßen, Google Translate. Dann Rückfahrt wenigstens einen Teil der Strecke, die letzten Kilometer zu Fuß, schwer bepackt. Ein netter Spanier zeigt uns seinen „geheimen Weg“.
Camariñas: Delfine direkt neben dem Ankerplatz. Wasser in Kanistern geholt (5 Mal mit dem Dhingy zum Strand). Wanderung in die Flussmündung, Stadtspaziergang, Küstenwanderung zum Kap. Wow!
Kap Finisterre: Ums „Ende der Welt“ gesegelt und später auch gewandert. Viel Wind. Busausflug nach Fisterra. Wir fallen mit unseren schweren Einkaufsrucksäcken zwischen den Pilgern gar nicht auf und hören oft den Gruß „bon camino“. Hier ist schließlich das Kür-Ende des Jakobsweges. Hat diesmal alles geklappt. Wir haben das mit der Busfahrerkommunikation auch extra vorher nochmal geübt. Basteltag an Bord.
Ría Muros – Aguieira: Erst in Esteiros geankert, dann nach Aguieira verlegt – besserer Windschutz. Reusenfischer, Dinghy-Ausflüge, Muscheltaucher. Nächtlicher Regen. Routenplanung bei Nieselwetter. Chris montiert endlich die Scheibenverschlüsse am Dodger richtig. Dann nochmal Ankerplatz gewechselt: Abelleira – Aguieira – hin und her, wegen Wind und Böen.
Pfingsten: Heiß! Jetzt hat auch Helga angebadet. Gleichzeitig: Thema Sonnenschutz & Mückenschutz. Wir basteln weiter an Patentlösungen und improvisieren auf hohem Niveau. galizien zeigt sich landschaftlich vielfältig: Norwegen in warm, Alpenseen mit Bushaltestellen zum Atlantik. Bis gestern ankerten wir vor einem fast menschenleeren Traumstrand, aber der stürmische Südwind (knapp 30 Knoten) hielt uns an Bord. Der Anker saß gut – auch die imposante Gewitterfront mit von Dauerblitzen rot erleuchteter Atmosphäre in der Nacht hat er tapfer ausgehalten – aber allein lassen wollten wir das Schiff nicht. Andere Boote kamen dazu, deren Anker eventuell nicht so zuverlässig halten. Kollisionen? Möglich. Bis vor Kurzem waren wir fast überall allein. Jetzt kreuzen sich die Wege mit anderen Seglern – dieselbe Route, derselbe Wind. Man trifft sich wieder oder sieht sich auf dem AIS.
Und dann – endlich: Angellizenz! Nach stundenlangem Recherchieren, Lesen, Verstehen, Durchklicken. Spanische Behördenwebseiten, Foren etc.. Ich fühle mit jedem, der der deutschen Sprache nicht oder nur wenig mächtig ist und z.B. versucht, in Deutschland einen Bauantrag zu stellen, um den Vergleich zu meinem alten Job zu ziehen 😉 Letztendlich war es halb Englisch, halb Spanisch über die katalonische Fischereibehörde online möglich, statt wie offiziell üblich x Kopien von x Formularen persönlich vorzulegen. Jetzt hoffen wir auf den ersten maßigen Fang. Muscheln dürfen wir nicht selbst sammeln – macht aber Sinn: Schutz der natürlichen Bänke.
Wir recherchieren viel. Beobachten, lernen, leben im Rhythmus von Wind, Wetter und Alltagsaufgaben. Und abends, wenn der Kopf einfach zu voll ist, gibt’s eine Folge Game of Thrones im abgedunkelten Schiffsinneren. Reset. Mückennetze anbringen. Jagd auf die kleinen Biester. Und dann: pure Dankbarkeit.
Mit oder ohne Strom – früher ging’s schließlich auch. Jetzt erstmal schauen, wo es Gasnachschub gibt. Gut, dass wir den Gasherd behalten haben.
Ach ja: Wir kämpfen immer noch mit der Zeitzone. Sonnenaufgang um 7 fühlt sich nicht wie kurz vor 5 Uhr an. Dieses von uns geliebte frische Frühaufstehergefühl fehlt. Aber dafür – das spüren wir in jeder Bucht – ist Galizien einfach monumental schön. Wir genießen die Tage. Die Nächte. Den Wind. Und das Leben auf Fuchur.
Wir haben den Fehler im Ankerwinsch-Relais gefunden und behoben (elektrische Kontaktschwierigkeiten). Dann kann es also jetzt weitergehen.
Wir melden uns!
Helga und Chris
So sieht der GPS-Track aus wenn wir länger ankernGanz da hinten: FuchurGanz da hinten: FuchurSardinen!Ganz da hinten: FuchurKap FinisterreWasser holen und einkaufentypischer GetreidespeicherBrücke deluxeGanz da hinten: FuchurGanz da hinten: FuchurA CorunaPontedeumeCastell St. Felipetypischer FriedhofAuch früher gab es Saunen an tollen OrtenRegen fangen
Ja, wir haben es wirklich getan. Wir haben unseren ganzen Mut zusammengenommen, den Anker aufgeholt, den Diesel mit zitternder Hand bezahlt – und sind raus. Raus auf den offenen Atlantik.
Drei Tage und Nächte, 330 Seemeilen und mindestens ebenso viele Ohs, Ahs und Autschs später hat Fuchur mit einem letzten Platscher in der Bucht von Cedeira geankert. Spanien! Festland voraus! Der Kaffeebecher steht wieder still. Halleluja.
Die Überfahrt?
Eine Mischung aus Hochseemärchen und Waschmaschinenprogramm.
Wind: gut.
Wellen: bis zu 2 Meter, aber mit Taktgefühl.
Atlantik: moderat gelaunt, aber nicht einschläfernd.
Schlaf? Haha. Dazu später mehr.
Es war, als hätte der Atlantik gesagt:
„Na gut, ich lass euch mal durch. Aber vergesst nicht, wer hier der Chef ist.“
Die große Biskaya-Vorabkalkulationsformel™
Was sich ausgezahlt hat? Unsere tagelange Vorbereitung. Und die sah ungefähr so aus:
B = (W × ΔW + T × ΔT) + (V ÷ S) + (P³ + Z²) + N ± K
Dabei gilt:
W = Wettervorhersagen (mind. 6 Apps, kein Konsens)
ΔW = Wetteränderung pro 12 Stunden
T = Tidenberechnung (kompliziert)
ΔT = Strömungsabweichung in Prozent (gefühlt, nicht gemessen)
V = geplante vs. realistische Geschwindigkeit
S = Schlafdefizit der letzten drei Nächte (in Stunden)
P = Proviantdiskussionen pro Tag („Was mögen wir essen? Werden wir seekrank?“ – Nein, wurden wir nicht.)
Z = Anzahl der Zoom-ins auf Windy/Waves/Forecast (exponentiell)
N = Nächtliches Grübeln (in Minuten)
K = Kaputtgeh-Panik (präventiv)
Ergebnis: Eine Mischung aus Seekarten-Zauberei, Schlafdefizit und staunenden Blicken über die Reling. Man nennt es auch: Abenteuer.
Was wirklich zählt
Nicht, wie oft wir versucht haben, im Salon nicht abzuheben. Nicht, wie viele Klamotten wir bei 30° Neigung im Halbdunkel über unsere Köpfe gezogen haben. Nicht einmal, wie wenig wir geschlafen haben – obwohl unsere gepolsterte Salonkoje wirklich ihr Bestes gegeben hat.
Das wahre Wunder war das, was wir gesehen haben.
Delfine. Viele. Tagsüber, nachts, leuchtend im Plankton, tanzend durch die Bugwelle. Wir haben versucht, das festzuhalten: in einem kleinen Video, untermalt von unserer neuen Fuchur-Melodie – weil Magie einen Soundtrack verdient.
Wenn ihr jemals glaubt, Delfine seien überbewertet – schaut es euch an. Und weint ein bisschen. Wir auch.
(Kleiner Hinweis: Ihr glaubt gar nicht, wie schwer es ist, die Kamera im richtigen Moment auf die richtige Stelle zu richten. Vor allem bei Seegang. Und mit salzigen Fingern.)
Angekommen. Angekommen?
Seit unserer Ankunft in Cedeira? Alltag deluxe:
Wäsche waschen mit Atlantikregenwasser und trocknen im Atlantikwind
Einkaufen mit Galiziens Charme, lecker Muscheln, Chorizo……
Wandern mit Aussicht auf endlos (manchmal ist es dann doch weiter als gedacht)
Jetzt gerade liegen wir vor Anker bei Mera, gegenüber von A Coruña. Die Sonne geht in Spanien spät unter, der Nordwind pfeift durch die Wanten. Die vorbeifahrenden Pötte erinnern uns mit plötzlichem wilden Hin- und Hergeschaukel daran, dass die Großstadt nicht weit ist. Morgen geht’s weiter. In die nächste geschützte Ankerbucht – nach Corme.
Zumindest ist das der Plan. Denn letztendlich hat immer der Wind das Sagen, wenn man auf einem Drachen reitet.
Ich glaub, es geht schon wieder los! Morgen früh noch im Sportboothafen von Douarnenez in der hintersten Ecke einparken, Wasser und Diesel tanken – dann wollen wir auch schon die Bretagne hinter uns lassen. Rund 35 Seemeilen nach Westen, um das für seine raue See berüchtigte Raz de Sein zu umfahren, dann scharf links – Kurs Süd! fast 400 Seemeilen über bis zu 4000 Meter tiefes Wasser. Die Biskaya wartet – mit Wellen, die schon viele Schiffe gefrühstückt haben. Ein großer Schritt für uns, der uns einiges an Mut abfordert.
Aber: erstmal zurückspulen.
Querung Nummer Eins Unsere erste Ärmelkanal-Querung war geschafft! Vor den majestätischen Seven Sisters verbrachten wir eine Nacht und einen Tag vor Anker – herrlich. Doch der Wind fand, wir hätten genug geguckt. Also: Anker auf und wieder ab in die Nacht.
Mit mutwillig verkleinerter Segelfläche schaukelten wir durch schwarze Dunkelheit, um zur richtigen Tide die Sandbank vor dem Naturhafen Chichester zu erreichen. Unter Deck: Hackewelle. Bewegung? Nur noch unfreiwillig. Ich (Helga) fluchte. Müde, durchgefroren, Fischerboote ohne AIS zickzackten wie betrunkene Glühwürmchen. Da wird die Seekoje im Salon zur Oase der Sehnsucht. Nur: Wenn man endlich rein darf, klappt das Einschlafen nicht – Teufelskreis deluxe.
Unsere kleine Liste der ersten Male
Erstes Watt-Ankern in Chichester: Fünf Meter neben dem Boot war plötzlich Sand zu sehen. Unsere Rechnung und Messung sagt: alles schick, also ruhig bleiben und tief durchatmen.
Durch den Solent: Tidennavigation, nächster Schritt – mit wachsender Begeisterung und einem nächtlichen Ankerplatz direkt vor den Needles.
Race (gefährliche See bei bestimmten Bedingungen) bei den Needles: Äh, ja – nicht ganz so gut abgeschätzt, aber noch im grünen Bereich. Augen auf und durch.
Statt St Albans Head (nächstes gefährliches Race): kein einschätzbarer Wind – also Kurswechsel zum 5-Freunde-Städtchen Swanage. Entgegen unserer Erwartung: hübsch, ruhig, leckeres Gemüse vom Markt.
Sturmtaktik: Versteckspiel in der hintersten Ecke von Poole Harbour – war nett, aber unnötig. Der Wind kam dann doch nicht so böse. Dafür: erstes Ankern zwischen den unzähligen Mooringbojen.
Langer Schlag nach Dartmouth (80 Seemeilen): Delfine, Wellen, 10 Knoten über Grund! Fuchur fliegt. Die Maßstäbe ändern sich – früher hätten wir uns bei den Bedingungen unwohl gefühlt, heute jauchzen wir.
Dartmouth selbst: Ankern mitten im Hafen. Seit Texel haben wir keinen Hafen mehr angelaufen – nur Ankerplätze. Herausfordernd aber befriedigend – und meist kostenlos.
Weiter den River Dart hoch bis Dittisham – dann nach Burgh Island, wieder vor Anker. Wir wären gern geblieben, aber das Wetter hatte andere Pläne.
Nächste Kanalquerung & französische Festspiele Der Wind meinte es ernst – also früh los, durch die Dämmerung. Wieder Delfine! Eine weitere durchgeschaukelte Nacht auf See, und dann: Bonjour Frankreich! Wie sind wir nur so schnell so weit gekommen?
Unser spektakulärer Ankerplatz: Pen Hir – dramatisch wie ein Piratenfilm in 3D. Camaret-sur-Mer haben wir durch das Hinterland zu Fuß erreicht (Kinderspiel, nur 3 km, wenn man sich an die Karte gehalten hätte und nicht hier und da noch schauen wollte). Supermarktdiskussionen mit Händen und Füßen und ein wenig eingerostetes Schulfranzösisch später, ein halbgarer Lieferdeal und am Ende: Brot trocken, Crew nass, Einkauf unvollständig – dafür gibt’s unerwartete Winddreher gratis, die einen am Ankerplatz schonmal nervös machen können.
Müffelklamotten & Schwell-Wecker Der Wind für die Biskaya war noch nicht ideal – also auf dem Weg zur nach Süden geschützten Ankerbucht ein erster Angelstop. Nach zwei Minuten: ein Pollack, reichlich für zwei Personen! Abends dann ein dramatischer Ankerplatz mit Gischt, Felsen und Atlantikschwell zum Anfassen – spektakulär, aber für Christian nicht besonders schlaffördernd.
Dann: Regen in Douarnenez. Historisches Flair, gute Dinghy-Landung (fast trocken) und ein paddelndes Vorbeischrammen an einer Hafenmauer, die für über 4,5 Meter Tidenhub gemacht ist – ein bisschen gruselig. Ja, wir paddeln manchmal statt zu rudern. Vorwärts zu zweit ist nämlich viel effizienter – sagt Helga.
Inzwischen ist fast alles salzwasserberührt – und trocknet nur halb. Riecht wie ein Hafen bei Ebbe, nur näher. Wir müssen dringend waschen, aber entweder es ist kein Süßwasser übrig oder zuviel davon von oben, und wo trocknen? Aber: um 2:45 Uhr wach werden, weil die gesamte Fischerflotte direkt an uns vorbeiknattert – unbezahlbar! Wer braucht schon Wecker, wenn das Meer dich persönlich anspricht?
Morgen geht’s los Christian kocht gerade Nudeln, Eier und Reis vor. Sandwichbrot liegt bereit. Morgen früh noch tanken – und dann: Biskaya, wir kommen! Wir melden uns. Hoffentlich nicht als Flaschenpost.
Ankern im WattAnkern im WattAnkerplatz NeedlesAnkerplatz NeedlesPizza!Ich mag BaugenehmigungenLeckerGo!Hallo!DartmouthDartmouthDartmouthDartmouthDartmouthDartmouthDartmouthWieder unterwegs!Burgh IslandMitten durch!Schöne AussichtPen HirPen HirDouarnenezLeckerFischereiflotte bei Nacht am Ankerplatz
Montag, 5:30 Uhr Es ist dämmrig, kalt, und wir hängen im Nord-Ostsee-Kanal schlaftrunken hinter einem Frachter wie ein Entenküken hinter Mama. Der Kanal verabschiedet uns mit einem überraschend fiesen Querstrom, ein paar garstigen Stahlpollern und – natürlich – Regen. Im NOK-Schleusenbecken von Brunsbüttel winken wir dem Nieselregen nochmal zu und drücken die Daumen: toi toi toi. Doch was folgt, ist eine Mischung aus Regendusche, Mini-Dodger-Kuscheln, Regenpause feiern und wieder von vorne. Wind, Welle und Strömung veranstalten ein außerordentliches Mitarbeitertreffen – leider ohne uns. Aber: Wir sind draußen! Auf der Nordsee!
Irgendwann, kurz nach Mitternacht Tuckern wir pantoffelheldenhaft unter Motor und mit Rückenstrom an Juist vorbei durch die rabenschwarze Nacht. Hoffentlich schwimmt da nichts, das in keiner Karte steht, kein AIS-Signal oder zumindest Positionslichter hat. Mit den Fischernetzen ist es eher wie Bingo. Unser Zickzackkurs bis Texel sieht am Ende aus wie eine Alpenüberquerung.
Mittwoch, gegen 14 Uhr Machen wir in der hintersten Ecke des Waddenhavens Texel fest. Danach folgt der ganz normale Wahnsinn: Segel klarieren, Ölzeug lüften, Wäsche aufhängen, Logbuch schreiben, Hafengeld zahlen, Dieselversorgung checken, Landstrom legen, kochen, umfallen.
Nach einem Hafentag bei Starkwind in Texel Inklusive einem sehr inspirierenden Besuch im Freilichtmuseum, geht es weiter Richtung England.
Querung Ärmelkanal
Freitag, 6:30 Uhr Erstmal Richtung Süden, und dann am Samstag kurz vor Mittag abbiegen für die Querung des Ärmelkanals auf Höhe Blankenberge (Belgien). Kein anderes Sportboot weit und breit, und uns drängt sich die Frage auf: „Sind wir hier eigentlich die einzigen Bekloppten?“
Die Querung fordert uns richtig heraus: 15–20 Knoten Wind, in unseren Augen ruppiger Seegang und eine Armada an Frachtschiffen in den Verkehrstrennungsgebieten, die uns keine Sekunde Entspannung lässt – von der Kälte selbst im dicksten Ölzeug ganz zu schweigen. Segeln bedeutet hier: ständig Kurs und Geschwindigkeit neu abwägen, unter Segeln ausweichen bei ordentlich Welle – eine Übung in Konzentration und Stehvermögen. Am Ende haben wir weiche Knie von den ständigen Ausfallschritten und schwitzen das erste Mal richtig, als wir dem letzten Frachter nur knapp ausweichen können, bevor er uns auf die Schippe nimmt.
Dank Fuchur und unserem treuen mechanischen Windpiloten meistern wir die Überfahrt sicher, auch wenn das Schlafdefizit spürbar wächst. Schließlich erreichen wir die englische Küste – erschöpft, aber stolz. Vor allem, weil wir es unter Segeln und ohne Motor geschafft haben. Ein echter Meilenstein für uns! Da ist die Straße von Dover bei 3 Knoten Gegenstrom in der Nacht doch fast ein Klacks.
Ankommen vor England
Vor Anker vor den Seven Sisters – wegen 7 Metern Tidenhub mit 50 Metern gesteckter Kette (das Manöver bei 2 Knoten Querstrom eine Sache für sich) – genießen wir endlich den Moment: England voraus, die Sonne verabschiedet sich monumental hinter dem Kliff zu unserer Rechten, und das beruhigende Gefühl, den ersten großen Sprung geschafft zu haben. Wir dachten immer: „Sowas machen doch nur Profis, nicht wir!“
Also erstmal eine Blitzdusche im Cockpit (brrr), Kartoffeln mit Solarkraft backen und ein freundliches Einklarierungsgespräch per Telefon zur Bestätigung der eingereichten Formulare. Heute stehen nur noch ein paar ernste Mitarbeitergespräche mit den ewig im Clinch liegenden Crewmitgliedern Starlink und NordVPN an, das AIS braucht Zuwendung und dem Autopiloten müssen wir hoffentlich schlicht mal die Meinung sagen und ihm eine kalte Dusche verpassen– bevor es kurz vor Sonnenuntergang weiter Richtung Westen geht. Wind, Welle und Strömung sind sich einig: Wir sind hier nur auf Zeit geduldet. Die Pläne macht letztendlich die Natur.
Fazit
Einmal Nordsee mit allem, bitte – Sturm, Regen, Schiffe, Schlafmangel, Nervenkitzel, Stolz und Sonnenaufgang inklusive. Und wenn der Weg nach Texel aussieht wie eine Gebirgswanderung und man nachts beim Frachter-Slalom das Schwitzen lernt, dann weiß man: Der Ärmelkanal hat uns nicht geschluckt. Fuchur fliegt – und wir mit ihm. Weiter geht’s!
Wir sind unterwegs – und doch irgendwie nicht. Der Regen fällt gleichmäßig auf Deck, der Wind lässt auf sich warten, und selbst die erfahrensten Segler hier im NOK zucken mit den Schultern. Kein Durchkommen, kein Schlupfloch, kein verlässlicher Plan.
Wir dachten, der Aufbruch wäre ein klarer Schnitt. Aber auf der Karte sieht es so aus, als hätten wir unser Zuhause nie wirklich verlassen. Und mitten in diesem „Nicht ganz weg, nicht ganz da“ fehlt ausgerechnet das eine kleine Kabel, um das AIS zu updaten – ausgemistet, aussortiert, abgehakt.
Dafür ist ein Song entstanden: „Still in the Wake“ – ein langsamer Klang aus Nebel, Diesel, Regen und dieser seltsamen Stille zwischen zwei Welten.
Alles ist irgendwie bzw. irgendwo verstaut und zumindest seefest verzurrt. Klar, da ist noch viel Luft nach oben, bis alles seinen endgültigen Platz gefunden hat. Aber es kann losgehen – tatsächlich weit vor dem ursprünglich gewünschten Termin. Das Projektmanagement (und sich daran halten) zahlt sich aus:-). Fuchur hat leichte Schlagseite nach Backbord (links) und man spürt seine Unruhe. Morgen in aller Frühe geht es endlich los. Fuchur wird sich mit dem ersten Licht in die Ostsee hinaus schieben, voraussichtlich mit ordentlich Wind und Welle im Rücken. Die Alternative wäre, am Mittwoch zu wenig Wind oder danach gegenan – also los! Die Pläne macht am Ende der Wind.
Unser Ziel für den ersten Tag: bis vor die Schleuse in Kiel-Holtenau. Dann weiter durch den Nord-Ostsee-Kanal – die Autobahn Richtung Nordsee.
Der eigentliche Blogbeitrag zum Start?
Der neue Song. „Here we go“, anklicken und mitsegeln:
Tatsächlich sind wir sogar bis in den Kanal gekommen.
Die wichtigsten Vorbereitungen an Bord sind erledigt. Fuchur steht gut geschützt und trocken in der Halle. Was dort bis jetzt nicht in Angriff genommen wurde, muss unterwegs erledigt werden, denn fertig ist man sowieso nie. Unsere Do-Listen neigen eher dazu, länger als kürzer zu werden. Vieles davon ist Pflicht, aber einiges auch Kür. Eine Architektin und ein Maschinenbau-Ingenieur mit viel Kreativität im Blut halt – da gehen die Ideen nie aus, was es noch zu verbessern und verschönern gibt.
Doch auch zu Hause wartet noch ein Berg an Aufgaben, bevor wir in ein paar Wochen endlich die Leinen loswerfen können. Eine davon war, diesen Blog zum Leben zu erwecken. Wenn ihr diese Zeilen lest, haben wir einen großen Schritt nach vorn gemacht 😉
Das Erdenken und Gestalten der Website war ein Abenteuer für sich. Was wollen wir mit dem Blog erreichen? Wie ausführlich darf er sein, ohne dass wir uns von Fragen wie „Was schreibe ich bloß als Nächstes?“ oder „Bis wann muss das online sein?“ unter Druck setzen lassen? Wen möchten wir ansprechen, und wer möchte mit auf die Reise? Letztendlich haben wir alles selbst gebaut und es erstmal einfach gehalten – ein guter Anfang, auch wenn wir uns manches moderner vorgestellt hätten.
Unser Testlauf in Norwegen 2021 hat uns gezeigt, wie aufwendig selbst kleine Projekte sein können: Videomaterial filmen, Daten verwalten, Filme schneiden – das kann schnell zum Vollzeitjob werden. Solche Projekte verändern den Blick auf das, was gerade geschieht – im Guten wie im Schlechten.
Was wir zukünftig öffentlich machen, wird sich unterwegs zeigen. Fest geplant ist eine Art „Postkartenmodus“ zu verschiedenen Kategorien wie:
Segeln („Was ging mal wieder schief?“)
Landgänge („Schau sich einer das an!“)
Bootsprojekte („Wieder mal länger gedauert!“)
Küchenzeilen („Lecker und so!“)
Kinderkram („Ernstes und Lustiges für alle!“)
Architektour und Baurecht („Ja, ich liebe meinen Beruf!“)
Musik („Gitarre, E-Piano und Kleininstrumente reisen mit“).
Wir wollen Euch die Reise und den Alltag auf unserem Segelboot näherbringen – von den Herausforderungen bis hin zu den magischen Momenten. Wenn ihr nichts verpassen wollt, tragt euch gerne in unsere Newsletterliste ein. (Man kann sich natürlich auch jederzeit wieder abmelden.)
Abgesehen davon gibt es noch einiges zu organisieren: Dokumente müssen beschafft, Versicherungen abgeschlossen und die Finanzen sortiert werden. Gleichzeitig bereiten wir unser Haus für die Untermieter vor – nicht nur Ordnung schaffen, sondern auch Ballast loswerden. Im Gegenzug stehen endlose Bestellungen an, die abgearbeitet werden müssen.
Und dann ist da noch der Abschied vom bisherigen Leben: ein Ausstieg aus einem geschätzten Berufsalltag und von großartigen Kollegen, die uns all die Jahre begleitet haben. Auch das will gut vorbereitet sein – ein Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge, der den Blick auf die kommenden Abenteuer frei macht.
Während unsere Bootsprojekte in der Vergangenheit zwar auch intensiv bearbeitet wurden, aber es noch ein Gefühl von „nebenher“ gab, haben wir 2024 jede freie Minute mit Werkeln und Basteln verbracht. Die Saison stand ganz im Zeichen der großen und kleinen Baustellen..
Nach einem kurzen Nachbesserungs-Zwangsaufenthalt in der Werft zum Ende des Winters war Fuchur früh wieder im Wasser – und blieb bis Anfang November im Einsatz. Dazwischen gab es Platz für große und kleine Projekte, unerwartete neue Großbaustellen und längst ad acta Gelegtes. Aus unserem ursprünglichen Plan, „es uns nur noch wohnlich zu machen und den Wassermacher einzubauen“, wurde – natürlich – nichts.
Unser Wochenend-Alltag glich einer Routine aus Improvisation und Organisation:
Morgens: Spätestens um 6 Uhr räumten wir die Achterkabine leer und stapelten alles ins Vorschiff, um Platz für die Arbeiten zu schaffen.
Tagsüber: Bohrer, Schrauben und Werkzeug, Sägespäne, Schweiß……
Abends: Nach 12 Stunden Arbeit alles zurückräumen, totmüde, aber zufrieden in die Koje fallen – immer mit dem Bewusstsein im Kopf, doch niemals „fertig“ zu werden.
Zum Glück konnten wir fast jedes Wochenende von Freitag bis Montag an Bord sein und ab und zu auch unter der Woche – schließlich ist Fuchur schon seit fast 9 Jahren unser zweites Zuhause, nur wenige Kilometer vom „großen“ Zuhause und der Arbeitsstelle entfernt.
Selbst unsere dieses Jahr sehr spärlich bemessene Reisezeit wurde von Baustellen begleitet. Innerhalb einer Woche segelten wir von Fehmarn nach Rügen, über Barth (potentielle gebrauchte Teile begutachten) rund um Hiddensee (just for fun) und wieder zurück. Unterwegs hatten wir unvergessliche Momente mit der Familie, die mit ihrem eigenen Boot dabei war. Doch selbst vor Anker gab es immer etwas zu tun. Wir waren eine Wanderbaustelle. Der Dodger wurde erst unterwegs wirklich einsatzklar. Also alles normal. Wir übten schon einmal, wie es ist, sein Boot an den schönsten Orten der Welt zu reparieren..
Die Belohnung für all die Arbeit: Mit einem traumhaften Heimatausblick vom Außensteg in Ortmühle gegenüber vom Graswarder in Heiligenhafen erlebten wir unter anderem die ersten Polarlichter unseres Lebens – ein magischer Moment, den wir nie vergessen werden. Das macht Lust auf mehr.
Projekte 2024 – ein kleiner Ausschnitt (der Rest war ja schon vorher erledigt):
Aufbau eines neuen Hard-Dodgers und Biminis mit zusätzlicher Solarfläche Neuaufbau des Decksbelags Ausbau der Pantry mit Teleskopschubladen, neuem Herd, neuer Kühlbox…. Einbau des Wassermachers. Neues Ordnungssystem in der Achterkabine Platz für das E-Piano! Ergänzung der Elektrik und Optimierung des Stauraums überall….
Können wir auf Fuchur fast ein halbes Jahr lang mit wenig Landgang den Alltag bewältigen? Ist Norwegen vom Wasser aus wirklich so monumental und beeindruckend, wie wir es von Land aus in Erinnerung hatten? Ist unser Boot für solche Reisen geeignet? Und würden wir danach vielleicht eine tiefe Sehnsucht nach mehr davon verspüren?
Die Antwort auf all diese Fragen war ein begeistertes „Ja!“.
Mit unserem Glücksdrachen haben wir die majestätischen norwegischen Fjorde und die Ausläufer des Atlantiks erkundet. Wir haben Ankerplätze mitten im Nirgendwo gefunden, die uns das Gefühl gaben, genau dort hinzugehören. Wir haben den besonderen Rhythmus des Bordalltags kennengelernt – bestimmt von Wetter, Wind, Gezeiten und Strömungen, Anpassung an unbekanntes Terrain und den äußeren Abhängigkeiten des Lebens auf See. Dabei haben wir nicht nur viel über die Grenzen und Möglichkeiten unseres Bootes gelernt, sondern auch einiges über uns selbst.
In den folgenden zwei Jahren haben wir uns weiterhin von der Faszination des Wassers leiten lassen. Im klassischen Saisonmodus – aber mit einem Fokus auf Ankern und Nachtfahrten – haben wir die dänische Südsee sowie die west- und ostschwedischen Schären erkundet. Gleichzeitig haben wir in unserer schleswig-holsteinischen Heimat kontinuierlich an der Langfahrttauglichkeit von Fuchur gearbeitet.
Der Gedanke, die gewohnte Spur für mehrere Jahre zu verlassen, um mit Fuchur auf Reisen zu gehen, hat sich bereits in Norwegen unwiderruflich in unseren Herzen festgesetzt. Die Vorbereitung darauf ist der Anfang unserer Geschichte.