Chapter 15 – Am Rand der Europakarte – Tiny Me
Seit dem 7. September treiben wir uns nun zwischen den Kanaren herum – einem Vulkanarchipel, das wirkt, als hätte jemand Europa kurz geschüttelt, dann die Fenster offen gelassen und ein paar afrikanische Farben wären hereingeweht.
Die Inseln liegen da wie eine verstreute Sammlung von Lava-Entwürfen: kantig, stolz, ein bisschen verrußt – aber mit Herz.
Die Überfahrt hierher war fast beleidigend gut. Wir flogen mit 5–8 Knoten bei mäßiger Welle dahin, Sonnenschein, ein erster Mahi-Mahi am Haken und rundherum Crews wie Figuren in einem Buch: Man blättert weiter, und plötzlich tauchen sie wieder auf. Mitsamt ihren eigenen Geschichten. Den ein oder anderen hat man vielleicht einmal irgendwo in einer Ankerbucht in Nordspanien getroffen, und bei allem was beide zwischendurch erlebt haben, segelt man plötzlich nebeneinander her oder trifft sich vor Anker oder im selben Hafen. Manchmal ist die Welt auch sehr klein.
La Graciosa empfing uns wie eine Mischung aus Mondoberfläche und Buntfilm. Gelb, karg, schön. Eine Insel, die so wenig tut, dass sie unfassbar viel macht. Hier roch es ein bisschen nach Afrika, ein bisschen nach Abenteuer, und ein bisschen nach: Warum gibt es eigentlich so wenig Schatten?
Aber das gehört dazu. Wir wollten ja kein Spa-Resort.
Dann ging es weiter, eine Insel nach der anderen – Perlen auf einer windzerzausten Kette. Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria.
In Arrecife auf Lanzarote brachten wir eine komplette Woche damit zu, Dinge zu organisieren, zu reparieren, zu suchen, zu finden oder nicht zu finden.
Währenddessen puderte der Saharastaub Fuchur so ungeniert ein, dass unser Boot irgendwann empört wirkte. Fuchur mochte das gar nicht – und kommentierte es mit jeder Menge Quietschen.
Wer einmal versucht hat, Sand loszuwerden, weiß: Man verliert nicht – man verhandelt. Und der Sand hat den besseren Anwalt.
Die Kanaren sind offiziell Europa, aber praktisch ein logistisches Experiment. Zoll? Lieferbarkeit? Oft wohl eine Lotterie mit Formularen – vorausgesetzt, man findet überhaupt jemanden, der bereit ist, hierher zu liefern, und man selber den Aufpreis zu zahlen. Wir trafen unterwegs Segler, deren Bestellungen inzwischen fast ein eigenes Jubiläum feiern könnten.
Auf Teneriffa bekamen wir dann einen Mietwagen. Und plötzlich ging alles schnell: hoch, runter, kurvig, steil, schmal, unfassbar weit. Die Insel hat so viele Gesichter, dass man das Gefühl bekommt, alle fünf Minuten in eine neue Welt zu treten. Ein echtes Phantasien. Für den Gipfel des fast 4000 Meter hohen Teide fand sich die Gelegenheit nicht – aber er ragte dafür über mancher Bucht wie ein stiller Wächter. Wir haben uns damit begnügt, ihn aus der Ferne so intensiv anzustarren, dass er es bestimmt gemerkt hat.
Und jetzt: La Gomera. Endstation Europa. Startpunkt Atlantik.
Wir bunkern Gemüse – möglichst ungekühlt, möglichst unverdächtig – und waschen alles ab, was auch nur im Entferntesten nach „Kakerlakenhotel“ aussieht. Wir reparieren das Vorsegel, waschen Wäsche, bergen verirrte Schrauben, und suchen weiter nach dem letzten Saharastaub in der Bilge.
(Möglicherweise wohnt er jetzt dort. Möglicherweise zahlt er Miete. Wir wissen es nicht.)
Und dann fiel tatsächlich Regen. Nach Monaten.
Ein kurzer Moment, der die Insel riechen ließ wie die Version von sich selbst, die sie im Herzen gerne wieder wäre. Die Stauseen hier sind quasi leer.
Europa liegt hinter uns. Vor uns liegt: eine Entscheidung des Wetters. Kapverden als Zwischenstation? Oder doch nonstop in die Karibik? Oder das mysteriöse Dazwischen, das es nur in der Seefahrt gibt. Die Vorhersagen sagen Montag oder Dienstag könnte es losgehen. Wir sagen: Mal schauen.
Seit Beginn unserer Reise hat sich unser innerer Maßstab nochmal verschoben – oder eher: zurechtgeruckelt.
Wir sind klein.
Das Meer ist gewaltig.
Die Berge sind riesig.
Die Klippen unerklimmbar.
Die Schluchten unbegehbar.
Und die Sterne strahlen ohne Konkurrenz, weil außer ihnen hier draußen nichts leuchtet.
Die Wellen entscheiden jeden Abend, wie viel Schlaf sie uns gönnen.
Die Natur bestimmt, was sie erlaubt – und was nicht.
Genau dieses Gefühl — dieses „tiny me“, dieses stille Staunen darüber, wie wenig wir im Gesamtplan der Dinge bedeuten und wie schön das gleichzeitig ist — steckt in unserem neuen Song.
Nachts tanzen die Fische ums Boot, als hätten sie einen geheimen Rave Club entdeckt.
Im Morgengrauen krabbeln winzige Wanderer über die Grate wie Ameisen in Funktionskleidung.
Und manchmal verwandeln der Schwell, plötzliche heftige Fallböen oder unerwartete Winddreher einen eben noch perfekten Ankerplatz in ein schnelles, gar nicht poetisches „Nichts wie weg“. Plan B oder C aus der Tasche zaubern? Wäre schön. Die Wahrheit: Das gehört zur Ankerroutine – jedes Mal.
Der Atlantik entscheidet, wo wir schlafen dürfen und ob wir das Dinghy heute benutzen oder lieber direkt losschwimmen, um an Land zu kommen. (Also das Dinghy hat hier nicht viele Ausflüge gemacht.)
Wie weit wir auf den Kanaren gekommen sind?
Bis zu dem Punkt, an dem Demut und Dankbarkeit lauter geworden sind als jede To-Do-Liste.
In der Galerie findet ihr keine dramatischen Abenteuerbilder – weil es diesmal einfach keine gab.
Dafür aber unseren Alltag hier in den letzten Wochen:
Ankern. Schwimmen. Reparieren. Besorgen. Staunen, immer wieder.
Und Momente, in denen das Herz größer wird, weil die Welt ringsum so herrlich groß bleibt und man selbst klein sein darf.
Wir melden uns wieder, von den Kapverden oder so.
Helga und Chris



























































































