Stadtleben an der Kette. Dschungel dank Busfahrkarte. Agent abgehängt.
Das Wetterfenster kam.
Und diesmal hielt es tatsächlich, was es versprochen hatte. Nach all den Tagen des Wartens wurde aus Curaçao Richtung Cartagena plötzlich genau das, wofür man sich das ganze Wetterkartenstudium überhaupt antut: raumschots, kleine Welle, angenehmer Wind, Schönwettersegeln. Keine bösen Überraschungen.
Nach vier Tagen und Nächten tauchte Cartagena vor uns auf. Und als wir um zwei Uhr nachts in die Lagune liefen, begrüßte uns: ein Feuerwerk.
Also ein echtes. Klar. Gute Zeit dafür.
Um drei Uhr fiel der Anker vor dem Club Náutico. Wir tranken noch ein kaltes Wasser, betrachteten die Hochhausskyline vor uns – die erste richtige Großstadt seit Ewigkeiten – und kletterten in die Vorschiffskoje.
Gut, dass Chris auf den letzten Meilen bereits angefangen hatte, Salon und Vorschiff wieder vom Langfahrt- in den Landmodus umzubauen. Also Vorschiff ausräumen, Salonkoje zurückbauen. Woanders Chaos schaffen. Hauptsache das Bett ist frei.
Wir waren müde. Wir waren angekommen. Wir schliefen. Ganze drei Stunden.
Willkommen in den Tropen
Um sechs Uhr morgens war es mit der Nachtruhe vorbei.
Die ersten Motorbusse donnerten an uns vorbei und brachten Menschen aus dem Umland zur Arbeit. Eine Stunde später kamen die Touristenboote dazu. In ungefähr tausend verschiedenen Formen und Größen sammelten sie sich am Touristenkai, um ab acht Uhr die Touristenhorden zu den vorgelagerten Inseln zu transportieren.
Das Ganze zurück zwischen drei und fünf am Nachmittag. Danach fahren die gleichen Boote als Barboote mit lauter Musik bis ungefähr zehn (wochentags) durch die Lagune.
Eine mehrspurige Autobahn. Und Fuchur auf dem Streifen in der Mitte. Nur ohne Leitplanken.
Wir hatten davon gehört und atmeten gleichmäßig.
Und es war heiß. Sehr heiß. Ich dachte an mein morgendliches Cockpit-Workout in den „Spanish Waters“ auf Curaçao. Ein bisschen Sport am Morgen, ein paar Übungen, frische Luft – herrlich. Hier? Nicht machbar. Nicht um sechs Uhr. Nicht um sieben. Erst recht nicht um acht.
Der Agent und die große Welt der Interpretation
Als Nächstes stand die Einklarierung auf dem Programm. Und damit betraten wir eine Welt, in der wir als Segler plötzlich nicht mehr selbst mit den Behörden sprechen. Dafür gibt es Agenten.
Wir hatten gemeinsam mit anderen Crews verschiedene Angebote eingeholt. Sagen wir es diplomatisch: Die Bandbreite war bemerkenswert. Transparenz ist in diesem Zusammenhang offenbar ein überschätztes Konzept.
Letztlich haben wir uns für jemanden entschieden, den andere Crews empfohlen hatten. Und bisher sind wir damit gut gefahren. Trotzdem bleibt vieles kompliziert und erstaunlich „interpretierbar“.
Wir wussten schon, warum wir sofort nach Cartagena gefahren waren und nicht noch einen Zwischenstopp in Santa Marta eingelegt hatten. Sonst hätten wir zweimal Agentenkosten in ungefähr derselben Größenordnung gehabt – plus die entsprechenden, nicht gerade seglerfreundlichen Hafengebühren.
Also Einklarieren in Cartagena. Mit viel Wartezeit. Am Ende dauerte es zwei Wochen, bis wir legal waren.
Cartagena: wunderschön, faszinierend und bitte einmal rechts abbiegen
Natürlich erkundeten wir Cartagena.
Wir liefen stundenlang durch Manga und Getsemaní, bestaunten die Architektur, sogen die Geschichte auf und genossen den Vibe dieser völlig anderen Welt.
Also zumindest dort, wo wir nicht gerade von Touristenströmen mitgerissen wurden.
Wir machten also das, was wir inzwischen zuverlässig können: Wir bogen ab. In die Nebengasse. In den Hinterhof. In die Straße, die auf den ersten Blick nicht so aussah, als müsste man da unbedingt hin.
Und dann ertönte über unseren Köpfen plötzlich Operngesang. Wir sahen nach oben. Aus einem großen offenen Fenster grinsten uns zwei Gestalten an, die auf Verstärkern hockten. Wir waren offenbar von hinten in eine Probe des Theaters geraten.
Chris versuchte von der anderen Straßenseite aus, ein Foto von den Kronleuchtern zu machen. Eine der Gestalten winkte uns heran, schnappte sich Chris‘ Handy und sagte, er komme gleich zurück. Wir schluckten. Zwei Minuten später stand er wieder vor uns und reichte uns strahlend das Handy. Ein paar ziemlich tolle Videoschnappschüsse von der Theaterprobe von Backstage.
Eine Architektin geht spazieren
Natürlich hatte ich mich intensiv mit der hiesigen Stadtplanung und Architektur beschäftigt.
„Guck mal da! Das ist das und das. Und die haben das so gemacht, weil …“ Ich bin ziemlich sicher, dass Chris und ein teilweise mitlaufender Mitsegler irgendwann darüber nachgedacht haben, ob man mich nicht irgendwo unauffällig aus den Augen verlieren könnte. Dabei ist Cartagena architektonisch (wie die meisten Orte) spannend. Man findet überall Geschichte, Umbauten, Improvisation und städtebauliche Entscheidungen.
Ich konnte also beim besten Willen mal wieder nicht einfach nur durch die Straßen laufen.
Der lange Weg zum Ventilator
Und dann war da noch unser kleines, wiederkehrendes praktisches Problem:
Wir brauchten Dinge. Unsere Suche nach brauchbaren Läden führte uns irgendwann durch die sengende Hitze in ein Baumarktzentrum und eine Mall. Erfolg? Überschaubar.
Nach diversen Versuchen landeten wir schließlich doch bei Amazon USA. Unter 200 Dollar pro Bestellung, damit der Zoll uns möglichst wenig kennenlernen möchte. Die erste Gelegenheit zum Nachbestellen seit Nordspanien – und wahrscheinlich die letzte bis kurz vor dem Panamakanal und dem Pazifik.
Was bestellt man nach anderthalb Jahren Langfahrt?
Besondere Ventilatoren. Konservierungsmittel für den Wassermacher. Mückenspray für die Klamotten. Bestimmte, erprobte Reinigungswerkzeuge für das Unterwasserschiff. Vakuumbeutel. Lichtquellen.
Und mehr große, dünne türkische Handtücher.
Wir haben zwar einige, aber längst nicht genug. Denn Handtücher sind inzwischen ein logistisches Thema. Sie dienen als persönlicher Sitzbezug, Decke, Kleidung, Sonnenschutz. Hier ist immer alles schwitzig und voller Sonnencreme. Ohne mobiles Distanzgewirk würde sich jede Oberfläche bei Berührung mit einem Menschen in ein Feuchtbiotop verwandeln.
Hier gibt es vor allem wunderbar dicke Frotteetücher. Herrlich weich. Herrlich kuschelig. Und völlig ungeeignet für uns. Sowas können wir nicht vernünftig waschen, kaum trocknen und schon gar nicht irgendwo verstauen.
Kolumbien, wir müssen reden
Vieles hätten wir lieber direkt hier gekauft. Wenn wir nur gekonnt hätten.
Nach etlichen Versuchen gaben wir irgendwann auf. Kundenkonten lassen sich ohne kolumbianische ID-Nummer, kolumbianische Telefonnummer und – Überraschung – kolumbianische Kreditkarte gar nicht erst eröffnen.
Die Lieferadresse war dabei ausnahmsweise das geringste Problem.
Wir dürfen als wöchentlich zahlende Gäste am einzigen hiesigen Dinghydock unsere Hafenadresse sogar als Lieferort nutzen und dort Kanister mit Wasser vom Steg holen.
Das ist ziemlich praktisch.
Denn den Wassermacher wollten wir hier definitiv nicht betreiben.
Die Lagune ist nicht unbedingt eine Einladung zum Trinken. Nach einem Regenguss schwimmt überall sichtbarer Müll. Das Regenwasser überflutet die Straßen, die Abwasserkanäle kommen mit den Wassermassen nicht hinterher und irgendwo muss das Ganze schließlich hin. Dazu tausende Speedbootmotoren, der Containerhafen direkt in der Nähe und nur wenig Wasseraustausch mit dem offenen Meer.
Unser Wassermacher und diese Brühe? Nein. Einfach nein.
Zwei Wochen später: Flucht nach draußen
Nach zwei Wochen war die Einklarierung tatsächlich abgeschlossen. Wir waren legal.
Wir durften also endlich offiziell das tun, was Segler am liebsten tun:
wegfahren.
Wir flohen nach draußen. Zu den Rosario-Inseln. Natürlich wussten wir, dass dort die ganzen Touristenboote hinfahren. Aber immerhin kommen die erst gegen zehn Uhr und verschwinden normalerweise gegen vier wieder. Nun ja. Bis auf diejenigen, die direkt neben uns ankern und die Nacht zur Party machen.
45 Liter Glück
Die Regenzeit soll bald kommen. Die Gewitterfronten zogen bisher zuverlässig an uns vorbei.
Unser gemäß Wettervorhersage sorgfältig aufgebauter experimenteller Versuchsaufbau zur Steigerung des Regenwasserertrages pro Schauer drohte zum Erfolg der angewandten Nutzlosigkeit zu werden.
Dann sahen wir die Regenfront. Sie kam. Über dem Wasser. Auf uns zu.
Jetzt aber schnell.
Zuerst gönnten wir Fuchur eine Süßwasserdusche mit dem Hochdruckreiniger. Dann sammelten wir tatsächlich rund 45 Liter Regenwasser in kürzester Zeit.
Genug für eine Waschmaschinenladung.
Glück.
Brot bei die Fische
Davon gab es dann gleich noch mehr:
Unser Sauerteigansatz gelang. Nach einigen Fehlversuchen endlich mal wieder. Es gab das gefühlt beste Brot seit zu Hause.
Wir probieren wirklich alles, was als Brot verkauft wird. Aber irgendwann möchte man nicht mehr überlegen, ob das, was man gerade isst, Brot oder ein süßes Gebäck mit Identitätsproblemen ist.
Unser Sauerteig hat geliefert. Deftig. Salzig. Brot.
Das merkwürdige Leben hinter den Balkonen
Ich sitze im Cockpit und schaue mit dem Fernglas auf die Hochhäuser.
Ja. Ich weiß. Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber ich wollte meinen Eindruck überprüfen.
Die Hochhäuser haben unzählige Balkone. Nur wirken sie erstaunlich leblos.
Hier ein Monoblock-Sessel. Dort ein Wäscheständer. Irgendwo eine einsame kolumbianische Flagge. Ansonsten: nichts. Kaum Pflanzen. Keine Menschen. Kein erkennbares Leben.
Ich denke an Balkone in Berlin, im Ruhrpott, in Hamburg….
Wir verstehen inzwischen erstaunlich viel. Lesen funktioniert immer besser. Über WhatsApp kommunizieren wir durchaus auf Spanisch – mit Übersetzungshilfe, aber wir verstehen, was wir da schreiben, und können nachvollziehen, was zurückkommt.
Nur das Sprechen. Das ist noch eine andere Baustelle.
Wir haben diverse klassische Spanischkurse aus der Onleihe ziemlich schnell frustriert beiseitegelegt. Restaurantbesuche. Hotelreservierungen. Dates. Also wirklich. Nicht unsere Welt. Gut, Dates haben wir miteinander natürlich auch. Aber dafür brauchen wir keinen Spanischkurs.
Schließlich sind wir auf verständlichen Input umgestiegen: langsam gesprochene, einfache Geschichten, bebildert und teilweise ausgesprochen lustig gemacht. Durch die Wiederholungen bleiben Wörter und Strukturen ganz nebenbei hängen. Und dann habe ich Geschichten über uns selber erst auf Deutsch geschrieben und auf Spanisch übersetzt. Besser als fremde Texte. Und mit dem richtigen Vokabular gespickt.
Nur wenn plötzlich ein echter Mensch vor uns steht und in Originalgeschwindigkeit redet und tatsächlich eine Antwort erwartet?
Nada.
Auch die Gitarre hat es geschafft
Unsere Gitarre ist wieder heil! Die neuen Gitarrenwirbel kamen – von Amazon. Nicht, weil wir es nicht auf dem lokalen Weg versucht hätten. Nur: Auf Mails oder WhatsApp-Anfragen bei lokalen Geschäften kam einfach keine Antwort. Und auf gut Glück wollten wir nicht bis ans andere Ende der Stadt fahren. Nicht nochmal.
Ich denke an meine geliebte, offensiv dienstleistungsorientierte Haltung bei der Arbeit in Deutschland und weiß es erstmal nicht einzuordnen.
Der weiße Fleck
Auf Isla Grande, einer der Inseln vor Cartagena, gibt es ein Dorf. Keine asphaltierten Straßen. Aber funktionierende Sandwege und Pfade. Auf Google Maps sah das Ganze entsprechend lustig aus: ein weißer Fleck.
Also haben wir uns fast gar nicht verlaufen. Das passiert uns demnächst wohl öfter.
Seglerparadies?
Uns begegnen an der kolumbianischen Küste nur eine Handvoll Yachten. Hier und da taucht mal eine andere Langfahrtcrew auf. So richtig viele Möglichkeiten zum Ankern gibt es nicht.
Das macht das Segeln hier etwas anders, als wir es bisher erlebt haben. Es ist weniger ein stetiges Weiterziehen. Eher ein Hin und Her zwischen den wenigen schönen (nicht spektakulären) Ankerplätzen und der Lagune von Cartagena, wo man sich mit dem versorgt, was man eben so braucht. Und das Unterwasserschiff möglichst bald wieder aus dem Pocken- und Algendschungel erlöst, um vor Anker mit dem Schrubben von vorne anzufangen.
Armer Fuchur!
Santa Marta, Minca und der Dschungel
Unser einwöchiger Landausflug nach Santa Marta und weiter nach oberhalb vom Bergdorf Minca war dafür ein echtes Abenteuer.
Und – zumindest für unsere Verhältnisse – geradezu luxuriös.
Wir hatten eines von nur drei Zimmern in einer Villa gebucht und freuten uns auf vier Nächte im Dschungel.
Auf Aussicht. Flora und Fauna. Wandern.
Und vor allem auf ein richtiges Bett. Eines, um das man herumgehen kann. Eines, in das man sich einfach hineinfallen lässt.
Eine Gemeinschaftsküche mit einer quasi unendlichen Arbeitsfläche.
Eine richtige Dusche. Und angeblich sogar warmes Wasser. Nunja, es war weder warm noch hatte es Wasserdruck. Aber die Aussicht aus der Dusche war toll. Zum Stehenbleiben.
Die engen Busfahrten, verschmutzten Klimaanlagen und diverse ungewohnte Keime waren keine besonders gute Kombination. Allergische Reaktionen, eine ordentliche Erkältung und zum Schluss noch ein eingeklemmter Nerv sorgten dafür, dass aus unseren ambitionierten Wanderplänen eine ziemlich abgespeckte Dschungelversion wurde.
Aber trotzdem: Die Sierra Nevada war großartig. Dschungel, Berge, fremde Tiere und Pflanzen….
Und jetzt?
Wir liegen wieder vor Anker bei Rosario und erholen uns. Wir schniefen noch ordentlich und mein Bein tut schon fast nicht mehr weh.
Auf diesem Abschnitt unserer Route haben wir uns zunächst nicht weit vom Fleck bewegt. Und trotzdem fühlt es sich an, als hätten wir für uns neue Welten entdeckt.
Zwischen Carriacou und Grenada lagen nicht einfach nur ein paar Ankerbuchten. Dazwischen lagen Menschen, die ihr Zuhause wieder aufbauen. Ein Boot, das geduldig immer neue Ideen seiner Eigner über sich ergehen lassen muss. Und die Bestätigung, dass Langfahrt wirklich wenig mit ständigem Segeln zu tun hat. Stattdessen erkunden wir das Land und reparieren unser Zuhause an den schönsten Orten der Welt. Gut. Das alte Sprichwort stimmt offenbar.
Carriacou – Zwei Jahre später
Unser erster Stopp nach der kurzen Strecke nach Carriacou ist Tyrell Bay. Einklarieren, ein kleiner Spaziergang, Schauen, was hier für uns geht und was nicht. Carriacou sieht noch immer so aus, als hätte der Hurrikan beschlossen, sowieso nochmal wiederzukommen. Neben Häusern mit frisch gedeckten Dächern stehen Ruinen, in denen noch das Geschirr neben der Spüle auf dem Abtropfgestell wartet. Direkt an der Hauptstraße. Rechts und links, vorne und hinten: alltägliches Leben. Als wäre die Familie nur eben kurz weggegangen. Zwei Jahre später.
Im kleinen Supermarkt finden wir ausgerechnet Sauerkraut und Roggenmehl. Brauchen wir aber tatsächlich gerade nicht. An der Straße kaufen wir noch Obst und Gemüse an einem kleinen Stand, bekommen reichlich überreife Bananen dazu geschenkt, laden alles ins Dinghy und machen einen Schnorchelstop an einer Tonne vor der winzigen unbewohnten Insel Jack Adan. Dort bewundern wir neben einem im Wiederaufbau befindlichen Korallenriff den Unterwasser-Skulpturenpark, der schon beginnt, Teil des Riffs zu werden, bevor Fuchurs Anker vor dem Dorf Bogles im Sand verschwindet.
Fuchur: „Ich finde Unterwasserskulpturen grundsätzlich gut. Sie beschweren sich nicht, wenn ich vor ihrer Haustür an einer Tonne parke.“
Von Freunden hatten wir schon von T. gehört. Also freuen wir uns, ihn kennenzulernen.
Es bleibt aber irgendwie schwierig. Wir finden keinen richtigen Draht zueinander. Vielleicht verstehen wir ihn nicht. Vielleicht versteht er uns nicht. Vielleicht sprach das Bier auch ein wenig mit.
Als wir erfahren, wie knapp Trinkwasser auf der Insel noch immer ist, bieten wir ihm Wasser aus unserem Watermaker an. Er fragt nach Bier. Ein paar Tage später taucht er im Dunkeln wieder auf. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auf dem Bug seines kleinen Bootes balanciert er erstaunlich mutig über die Wellen und möchte uns Fisch verkaufen. Morgen könne er auch einen Lobster besorgen. Wir bedanken uns freundlich und lehnen ab. Nicht nur, weil unser Kühlschrank schon protestiert, sondern auch, weil gerade Schonzeit ist. Nachdem er noch unter unser am Davit hängendes Dinghy gerät verschwindet sein Boot langsam in der Dunkelheit. Wir hoffen, dass er heil nach Hause kommt.
Zu Fuß über die Insel
Mit dem Dinghy landen wir am Strand von Bogles. Eine kleine Siedlung direkt vor uns am Hang. Eine freundliche Anwohnerin hält ihre Hunde fest, damit wir über ihr Grundstück zur Straße laufen können. Wir kämpfen uns zwischen Gestrüpp und Müll hindurch.
An der Dorfkreuzung sitzen Männer im Schatten und reden. Kein Handy sichtbar. Wir laufen weiter. Nach Windward, dem Dorf auf der dem Atlantik zugewandten Seite. Eigentlich ist es gar nicht weit. Eigentlich. In der karibischen Mittagssonne bekommt das Wort „eigentlich“ für uns mal wieder eine ganz neue Bedeutung. Aber es deswegen nicht zu tun scheidet aus.
Unterwegs begegnen wir Menschen, die bereitwillig erzählen. Über die Trockenheit. Über den fehlenden Regen. Über Wasser. Ein Mann schneidet die letzten grünen Zweige einer Hecke ab, damit seine Ziegen überhaupt noch etwas Frisches zu fressen haben.
Wir treffen eine ältere Frau die Wasserkanister die Straße entlang schleppt. Wir fragen ob wir helfen können. Nein danke. Aber sie erzählt uns, dass sie nur Regenwasser auffängt und kein anderes Wasser hat. Wir fragen nach ihrer Aufbereitung, bekommen aber nicht wirklich eine Antwort. Sie spricht auch davon, wie wichtig früher die großen Dächer der Fabrik/en waren, auf denen Regenwasser gesammelt wurde. Zerstört und/oder aufgegeben. Leider haben wir sie nicht hundertprozentig verstanden. Die neue Entsalzungsanlage funktioniert wohl noch im Betabetrieb und läuft nur zeitweise. Wer Wasser braucht, bringt Kanister dorthin. Manche bekommen es geliefert. Andere weniger, hören wir am Rande.
Wir wundern uns zunehmend über die hohen Zäune überall. Meist aus Schrott improvisiert, Hauptsache zu. Wir fragen, warum das so ist und erfahren: „Nein, nicht wegen der Menschen. Das ist wegen der wild laufenden Ziegen und Kühe, die sonst alles plattmachen und auffressen.“
Je länger wir laufen, desto öfter sehen wir Gegensätze. Zwischen einer komplett renovierten Villa und einem Haus ohne Dach – ein Zelt. Alle bewohnt. Warum? Später lesen wir über Materialmangel, schleppende Hilfen, fehlende Grundbucheinträge und Grundstücke, die unter Wert verkauft werden müssen. Es gab Stimmen, die von Immobilienspekulationen aus dem Ausland sprachen. Vieles erklärt plötzlich ein wenig mehr. Nicht alles.
Und dann ist da noch der Müll. Er liegt überall. Warum räumt den eigentlich niemand weg? Aber je länger wir unterwegs sind, desto vorsichtiger werden wir mit solchen Fragen. Vielleicht sind viele Menschen einfach erschöpft. Vielleicht fehlt Material, Geld oder Personal. Vielleicht trägt der Wind jeden Tag wieder ein Stück zurück. Vielleicht spielt auch Gewohnheit eine Rolle, entstanden in einer Zeit, als weggeworfene Dinge einfach verrotteten. Vielleicht ist auch die Zukunftsperspektive die Motivation, ihn liegenzulassen. Wir wissen es nicht.
Inzwischen wissen wir, dass es dieses Problem auf allen Karibikinseln, die wir besucht haben, mehr oder weniger ausgeprägt gibt. Warum haben wir immer noch nicht herausbekommen. Wir forschen weiter.
Als wir Windward erreichen, strömen gerade die Menschen aus der Kirche. Alle geschniegelt. Sonntagsfein. Und mittendrin wir. Zwei verschwitzte Gestalten, deren Kleidung eher nach „Überlebende einer Wüstenexpedition“ aussieht. Niemand scheint sich daran zu stören. Es wird gelächelt, gegrüßt.
Ein junger Künstler versteht, dass wir Schatten suchen und weit und breit keinen finden. Er geht mit uns zum begehrten Platz vor der hiesigen Disco und weiht die Leute dort kurz ein: „Die beiden brauchen mal ne Pause“. Nett, so fühlen wir uns nicht so sehr als Eindringlinge. Dort sitzen Jung und Alt zusammen, trinken ein Bier, malen die Fassade frisch an, reparieren etwas oder beobachten einfach das Dorf. Selbstverständlich. Besonders. Ich frage mich, wie diese Szene in einem deutschen Dorf gewirkt hätte.
Der Mann mit den Ziegen von der Bogles-Seite der Insel hatte uns von einer Bootsbaustelle erzählt. Natürlich müssen wir da hin. Zufällig ist sie direkt am Strand hinter der Disco. Der Zugang sieht sehr privat aus, aber wir fragen höflich und werden durchgewunken. Zwischen einfachen Buden wächst dort langsam eine große Holzyacht heran. Nicht in einer Werft. Nicht mit computergesteuerten Maschinen. Sondern Stück für Stück. Brett für Brett. Der Rumpf wird gerade beplankt. Massiv. Wir stehen eine ganze Weile einfach nur da.
Architektur kann schwimmen.
Der Rückweg hat es in sich. Schatten gibt es wieder keinen. Die meisten Bäume sind verschwunden. Zum Schluss rutschen wir eine unglaublich steile, bucklige, ausgewaschene Sandpiste abwärts, an der ganz selbstverständlich Häuser stehen. Auf dem Hinweg waren wir in deren Anblick von unten nach kurzer Bedenkzeit einen anderen, gnädigeren Weg außen herum gegangen. Jetzt sind wir irgendwie doch hier oben gelandet. Bergab. Langsam. Schritt für Schritt.
Die Menschen müssen hier wirklich alles hoch und runter tragen! Kleinkinder, Lebensmittel, Baumaterial, alles. Was machen die, die das nicht oder nicht mehr können? Was, wenn die Regenzeit kommt? Wir glauben nicht, dass hier Drohnen helfen.
Fuchur: „Menschen wählen manchmal erstaunlich steile Orte zum Leben. Ich hätte da eher eine Bucht gewählt. Wenn ich Beine hätte würde ich das reklamieren.“ Anmerkung der Redaktion: Ja, wenn man eine Wahl hat.
Inselalltag
Zurück an Bord passiert erst einmal … erstaunlich wenig. Wir räumen auf. Reparieren. Schreiben am Blog. Erledigen Papierkram. Backen Pizza. Ich übe weiter Ukulele. Gitarre geht ja nicht.
Den Großbaum parken wir inzwischen auf der Steuerbordseite, um die Solarpaneele möglichst wenig zu verschatten. Ungewohnt. Dass die Sonne hier inzwischen über den Norden wandert, fühlt sich anfangs ungefähr so falsch an wie Weihnachten im Bikini.
Und dann setzen wir zum ersten Mal unser selbst installiertes Stagsegel – ein zweites, kleineres Vorsegel. Es funktioniert. Sogar gut. Im Nachhinein sind wir ziemlich froh, dass wir die etwas spinnerte Idee trotz fehlender Decksbeschläge umgesetzt haben. Ja, wir haben uns heimlich auf die Schulter geklopft. Natürlich nur ganz kurz. Sonst hört Fuchur das noch.
Fuchur: „Ich habe das selbstverständlich gehört. Und wenn wir schon ehrlich sind: Den Großteil der Umsetzung habe ohnehin ich mit meiner tollen Struktur möglich gemacht.“
Mit dem Dinghy fahren wir in die Mangroven bei Tyrell Bay. Sie galten als sicherer Zufluchtsort für Hurrikans. Das dachten sich bei Beryl allerdings viele. Die Bilder der in- und übereinander geschobenen Boote hatten wir schon vor unserer Ankunft gesehen. Die Wracks sind inzwischen verschwunden. Die Natur erzählt die Geschichte trotzdem weiter. Es wird lange dauern, bis das Ökosystem sich erholt hat. Sehr lange.
Ankerkette für Fortgeschrittene
Schließlich geht es weiter nach Grenada. Mit einem Zwischenstopp vor der kleinen, unbewohnten Insel Ronde. Idyllisch. Dann laufen wir in Prickly Bay/Grenada ein. Spazieren durch die Gegend, versuchen Dinge zu besorgen, die es wieder mal nicht gibt. Eigentlich wichtig ist nur eine neue Nuss für die Ankerwinsch. Lange Geschichte von Schusseligkeit bei der Bestellung in Deutschland vor ein paar Jahren, die erst jetzt ihre Konsequenzen offenbart. Nuss und Kette passen um einen ISO/DIN 2mm-Unterschied nicht zusammen. Nuss inklusive super teurer und langer Lieferzeit bestellen und bleiben? Alternative? Eine komplett neue Ankerkette. Vorrätig. Fast gleich teuer. Entscheidung liegt nahe.
Wer schon einmal versucht hat, fünfzig Meter Ankerkette ins und mit dem Dinghy zu transportieren, anschließend auf ein Segelboot zu bugsieren, die alte Kette unabhängig von der neuen im engen Ankerkasten nebeneinander bedienbar zu parken, beide umzuschäkeln bei aufgeholtem Anker in einer windigen, engen Ankerbucht, möglichst weder Finger noch Füße einzuklemmen, niemanden zu rammen und den Anker anschließend wieder zum Halten auf den Grund zu bekommen, weiß: Das ist kein Einkauf. Das ist Mannschaftssport. Und natürlich hatten wir Publikum. In einer Ankerbucht wie Prickly Bay bleibt ein Segelboot, das eine solche Aktion am Laufen hat, ungefähr so unauffällig wie ein Elefant im Freibad. Am Ende liegt die neue Kette dort, wo sie hingehört. Wir auch. Mehr oder weniger. Wir hören weder Gelächter noch Applaus. Einen Abnehmer für unsere eigentlich noch gute Kette suchen wir noch. Solange fährt sie mit. Die beiden vertragen sich aktuell wie Geschwister im einzigen Kinderzimmer.
Weniger erfolgreich verläuft unsere Idee, für den kurzen Schlag in die Nachbarbucht das Dinghy mit Motor einfach am Davit hängen zu lassen. Bequem. Eigentlich wussten wir es besser. Schon nach wenigen Minuten stampft Fuchur so heftig gegen die Wellen und alles gerät dermaßen in Schwingung, dass wir eine 180 Grad Kehrtwende machen. Also alles wieder zurück. Anker runter. Dinghy ins Wasser. Motor umhängen an den Heckkorb. Dinghy wieder hoch. Anker wieder hoch. Diesmal richtig.
Fuchur: „Ihr hättet euch die Testfahrt auch sparen können. Aber Menschen glauben einer Welle offenbar mehr als der eigenen Erfahrung. Gut, dass ich quasi auf dem Teller drehen kann.“
Schließlich finden wir unseren Platz in der benachbarten Woburn Bay. Zweiseitig geschützt vom Riff. Tolle Aussicht und trotzdem ruhig genug. Eine frische Brise pfeift durch das Schiff. Genau richtig für das nächste Bauprojekt. Und der Bonus: Blick auf die private Luxusinsel Calivigny. Die kann man samt aller Gebäude und Personal für sich – und seine Gäste – mieten! Diskretion garantiert wie ich lese. Natürlich schauen wir hinüber. Mich interessiert dabei mehr die Architektur als der Luxus. Gelungen. Finde ich. Ein paarmal beobachten wir, wie weitergebaut wird. Arbeitssicherheit scheint hier nicht so ein großes Thema zu sein. Gäste sehen wir keine. Nur die stimmungsvolle Beleuchtung.
Versuchslabor Fuchur
Unser nächstes Bauprojekt beginnt zu Pfingsten. Feiertage. Während die meisten den Anlass feiern und vielleicht grillen oder einen Ausflug machen, verwandeln wir Fuchur mal wieder in ein Versuchslabor. Unser Forschungsauftrag lautet diesmal: Wie kann man in den Tropen besonders nachts möglichst viel Luftzug ins Boot bekommen, ohne bei jedem Regenschauer senkrecht im Bett zu stehen und im Halbschlaf „Luke auf! Luke zu!“ zu spielen? Nach ein paar Tagen Messen, Fluchen, Schneiden, Nähen, Verwerfen, Repeat überspannt schließlich ein ziemlich seltsam aussehendes Gebilde unsere Dachluken. Von außen erinnert es entfernt an eine Kreuzung aus Briefkasten, Schnabeltier und mittelmäßig erfolgreichem Drachen.
Der Regen muss erst einen kleinen Irrgarten überwinden, bevor er überhaupt eine Chance hat, ins Boot zu gelangen. Ein kleiner Steg oben hält den waagerecht anfliegenden Regen ab, ein zweiter unten fängt das Spritzwasser. Dazwischen findet die Luft ihren Weg. Sie tanzt hindurch, der Regen bleibt draußen. Einen Designpreis gewinnt das Teil wohl nicht, aber innen bedeutet es: Luft auf verschwitzter Haut=kühl.Sobald wir vernünftigen Stoff finden, bekommt Version 2.0 ihre Chance. Im Moment haben wir die marode Dinghyverpackungstasche umgearbeitet.
Fuchur: „Mir war gar nicht klar, dass Menschen ihre Häuser freiwillig mit Anbauten versehen. Ich dachte immer, das machen nur Seepocken. Solange ich darunter noch segeln kann, dürft ihr oben bauen, was ihr wollt.“
Kleine Siege
Nicht alles spielt sich an Bord ab. Natürlich zieht es uns immer wieder an Land. Zuerst Le Phare Bleu rechts rum, dann Grande Anse – diesmal linksrum.
Grenadas Süden ist hügelig. Von fern und auf der Karte sieht das immer so harmlos aus.
Auf einer besonders steilen Straße begegnet uns eine Henne mit ihrem Nachwuchs. Die Küken hüpfen über ein Entwässerungsgitter. Bis auf eines. Es rutscht durch das Gitter und bleibt kopfüber zwischen den Stahlrohren stecken. Die Mutter schaut einen Moment hinunter. Dann marschiert sie mit den anderen weiter. Nicht herzlos. Realistisch. Mit zwei Stöckchen angeln wir den kleinen Pechvogel wieder nach oben und beobachten erleichtert, wie er seiner Familie hinterher spurtet. Ich muss an Calimero denken und schmunzle.
Bergauf kommt uns ein alter Mann mit Stock und Einkaufstüte entgegen. Schritt für Schritt. Wir erzählen ihm, dass das die steilste asphaltierte Straße ist, die wir je gegangen sind. „Das hält mich fit!“
Zwischen all den Spaziergängen feiern wir noch einen kleinen persönlichen Triumph. Wir finden einen neuen Wasserkocher. Aus Kunststoff. Mit deutschem Stecker und wechselrichtertauglicher Leistung. Jackpot!
In der salzigen Luft rostet inzwischen alles, was nicht ausdrücklich dagegen entwickelt wurde. Wasserhähne. Reißverschlüsse. Schuhschnallen. Schrauben. Knöpfe. Unser alter Wasserkocher hatte längst beschlossen, nur noch als Roststudie zu dienen. Edelstahl, seit 25 Jahren in Ostseegebrauch. Ja, wir haben das gewusst. Aber wir konnten und wollten vor Abfahrt nicht alles prophylaktisch neu kaufen.
Außerdem finden wir endlich zwei ordentlich große, hübsche Kunststoffbecher. Ja, eigentlich ein Widerspruch. Fast einen halben Liter gibt es nun pro Ladung. Die bisherigen 300 Milliliter waren ungefähr so sinnvoll wie ein Fingerhut beim Waldbrand.
Nicht ganz so erfolgreich verläuft dagegen unser Versuch, im Supermarkt den sagenumwobenen Seglerrabatt zu bekommen. Den gibt es tatsächlich. Allerdings erst nach einem Antrag, einer Woche Bearbeitungszeit und persönlicher Abholung. Für unsere geplante Online-Bestellung gilt er natürlich nicht. Für Menschen, die gerade mit ihrem Zuhause durchs Meer fahren, wirkt dieses System … sagen wir: optimistisch.
Immerhin nimmt sich der ausgesprochen geduldige IT-Mitarbeiter des Onlineshops unseres Problems an. Ohne Rabatt. Ohne grenadische Telefonnummer. Irgendwie schafft er es trotzdem, unsere Bestellung auf den Weg zu bringen.
Ein paar Tage später hält tatsächlich ein Lieferwagen am Dinghysteg. Die Kiste enthält Gemüse mit sehr unterschiedlichem Lebenswillen. Das Risiko war einkalkuliert. Außerdem Käse und Fleisch – ungekühlt. Nun ja. Andererseits hätten wir dieselben Einkäufe auch mehrere Kilometer durch tropische Hitze schleppen müssen. Kälter wäre es dabei vermutlich auch nicht geworden.
Ein Eindruck, der bleibt
Nach dem langen Hin und Her im Supermarkt wollen wir noch kurz zum Park am Strand. Ausruhen vor dem langen Heimweg mit Gepäck. An der Straße pflückt ein älterer Mann kleine Früchte/Samenkapseln von einem Baum. Ich frage spontan, bevor ich nachgedacht habe, ob er die essen möchte. Er lacht. Nein. Ich brauche die Samen.
So kommen wir ins Gespräch. Der Mann heißt Dario. Geboren in Italien. Zwischendurch hat er mal in Hamburg gewohnt. Wir unterhalten uns auf Englisch und Deutsch. Er ist auch Segler. Ist mehrfach um die Welt gesegelt. Wurde vom indischen Ozean mal fast verschluckt, war schlimm. Das verändert, erzählt er. Er stellt Fragen, die man ansonsten vielleicht erst nach drei Stunden stellt statt nach drei Minuten. Grundsatzfragen. Ausweichen, relativieren? Fehlanzeige. Ich fühle mich zum Teil ertappt. Es hallt heute noch nach. Heute lebt er auf Carriacou.
Er und seine Mitstreiter von der KIDO Foundation sammeln unter anderem lokale Samen für Wiederaufforstungsprojekte, kümmern sich um Meeresschildkröten, päppeln sie auf und setzen sie wieder aus. Vor allem aber arbeitet er mit Kindern. Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sondern indem er sie mitnimmt, ihnen die Umwelt und den menschlichen Einfluss darauf zeigt, ihnen erklärt, warum ihre Insel und unsere Natur etwas Besonderes sind und warum sie es wert sind, geschützt zu werden. Und was sie dazu tun können.
Leider muss er sich beeilen, die Fähre zurück nach Carriacou wartet nicht. Wir wären gerne noch geblieben.
Einen Tag später schauen wir uns an. Haben die gleiche Idee. Unsere Erinnerungen an Carriacou glühen im Hinterkopf. Am liebsten würden wir sofort wieder dorthin zurücksegeln. Ein paar Tage helfen. Lernen. Mitmachen. Vervielfältigen.
Wir wünschen wir hätten ihn früher getroffen.
Auch der Rückweg wird wieder zu einer kleinen Reise. Überall sitzen Menschen an der ramponierten schmalen Straße ohne Bürgersteige vor improvisierten, windschiefen, beinahe zusammenfallenden Bretterbuden. Feierabend. Ein kaltes Bier. Ein paar Plastikstühle. Musik. Gelächter. Immer wieder ruft uns jemand zu. Zeigt uns eine Abkürzung. Fragt, wo wir hinwollen.
Ja, wir sehen vermutlich seltsam aus: völlig fertig, mit Salzkrusten von überkommenden Wellen von der morgendlichen Dinghyfahrt und einem Tag Laufen in der sengenden Sonne, einen Rucksack hinten, einen vorne. Mit Wasserkocher, Bechern und Co schleppen wir uns die Straße entlang. Und natürlich ist die Hauptstraße gerade gesperrt und daher geht der ganze Verkehr über unsere Straße. Es ist: mutig. Aber die Einheimischen machen es auch, also weiter.
An solche Tage erinnern wir uns länger als an viele Sehenswürdigkeiten.
Fuchur:„Menschen freuen sich über erstaunlich kleine Dinge. Ich tue das auch.“
Aufbruch nach Westen
Traditionell wird am nächsten Tag der vorherige erst einmal… verdaut.
Fuchur bekommt Aufmerksamkeit. Diesel und Benzin finden ihren Weg durchs Dinghy an Bord.
Und dann verabschieden wir uns von Grenada. Nicht, weil wir alles gesehen hätten. Sondern weil das Wetter zu schnell mitspielt. Carriacou fällt schweren Herzens aus. Der Westen ruft.
Vor der Abfahrt kontrollieren wir noch einmal das Rigg. Kochen ein paar Mahlzeiten vor. Das macht das Leben auf dem Meer viel leichter. Kochen unterwegs bei viel Welle ist einfach nur anstrengend. Besonders in den ersten Tagen, wenn die Seebeine noch nicht wieder da sind. Dann fahren wir mit einem klapprigen Minibus nach St. George, um auszuklarieren.
Die Busfahrt ist ein Erlebnis für sich. Eng. Laut. Rasant. An jeder Ecke scheint noch ein weiterer Fahrgast in den sehr in die Jahre gekommenen Minivan zu passen. Steht jemand auf, wird umgerückt, geschoben, nachgerückt. Das System kennen wir schon von anderen Inseln. Eine paar Schüler fahren auch mit. Frisch geschniegelt in ihren Schuluniformen, bis in die Schuhspitzen. Einer der Jungen klopft zum Zeichen, dass er aussteigen will eifrig ans Seitenfenster. (Natürlich wusste der Fahrer sowieso wo er aussteigen wollte.) Alle klettern raus. Der Junge streckt dem Fahrer ganz ernst seine kleine Hand mit dem Fahrgeld entgegen. Der Busfahrer schaut ihn an, lächelt, schließt seine Finger sanft wieder um die Münzen und schiebt die kleine Faust zurück. Der Junge soll sein Geld behalten. Der Bus fährt weiter, als wäre nichts Besonderes passiert.
Wieder auf See
Zurück an Bord verholen wir noch einmal nach Prickly Bay und kaufen neues Antifouling für den irgendwann anstehenden Unterwasseranstrich. Das Dinghy wird endgültig verstaut. Sechs Monate hing das Dinghy ständig im Einsatz am Heck. Jetzt beginnt wieder Seefahrt. Wir lassen die Luft ab und rollen es zusammen. Zurren es an der Reling fest. Der Windpilot kommt wieder an seinen Platz. Der Optimismus hält exakt bis zum ersten Büschel Seegras. Sobald sich etwas am Hilfsruder verfängt, verwandelt sich die ganze Konstruktion in ein ausgesprochen dekoratives, aber wirkungsloses Anhängsel. Also nutzen wir den elektrischen Autopiloten, der aber längst nicht so geschmeidig die Wellen wuppt.
Am Morgen richten wir noch die Passagekoje mit Leesegel im Salon ein, verstauen alles was im Salon überflüssig ist in der Vorschiffskoje und lichten den Anker. Der Bug zeigt nach Westen. Die ABC-Inseln warten.
Im Urlaub fährt man los, um anzukommen. Wir fahren weiter, um zu entdecken und oft noch nicht zu wissen, wo wir ankommen werden. Irgendwo hinter dem Horizont beginnt das nächste Kapitel.
Dies ist nach langer Zeit die erste mehrtägige Offshorepassage. 400 Seemeilen, in gebührendem Abstand von der venezolanischen Küste. Wir rechnen mit 3-4 Tagen.
Bonaire ist heiß – wir werden nicht warm
Vier Tage später liegen wir in Bonaire. Kein Materialversagen. Keine Überraschungen.
Wir wollten die Insel eigentlich auslassen, weil zu teuer. Für alles muss man als Segler hohe Gebühren zahlen. Aber viele Mitsegler schüttelten den Kopf: da müsst ihr hin. Vielleicht war genau das das Problem. Vor Kralendijk hängen wir uns an eine der Bojen. Ankern ist hier zum Schutz der Korallen tabu. Das finden wir eigentlich gut, aber der tägliche Preis ist aus unserer Sicht total überzogen, dazu die Touristensteuer und die Wassersportabgabe…. Der erste Eindruck: Türkis. Unglaublich klares Wasser. Pelikane. Wir schnorcheln direkt durch unser Bojenfeld am Riffhang. Ausgerechnet heute wirkt das Wasser erstaunlich „leer.“ Das hatten wir uns anders vorgestellt. Es ist ziemlich windig, was den Reiz, für ein paar Stunden abzulegen und die ein oder andere Boje an Tauchspots zu benutzen, drastisch reduziert. Wir lassen es am Ende.
Wir gehen an Land. Laufen durch den Ort und weiter hinaus. Bunte Gebäude im Kontrast zur wüstenähnlichen Landschaft. Trocken. Heiß. Endlich sehen wir wilde Papageien – auf riesigen Kakteen vor ausgetrockneten Tümpeln. Dazwischen Esel. Viele.
Insgesamt wirkt Bonaire auf uns wie eine Mischung aus holländischer Pittoreske und karibischem Laissez-faire. An einer Stelle bleibe ich stehen. Eine strahlend blau-weiße Häuserzeile trifft beinahe unvermittelt auf verblasste, leicht schief wirkende Holzhäuser. Ich denke: Genau hier beginnt das Ortszentrum. Ganz ohne Stadtplan erkannt. Wir kommen näher. Es beherbergt ein Architekturbüro. Am Abend sitzen wir wieder im Cockpit. „So richtig hat es noch nicht gefunkt, oder?“ „Nö.“ Nicht jede Insel muss einen sofort umarmen. Vielleicht hätten wir länger bleiben sollen. Vielleicht waren wir einfach zur falschen Zeit dort. Vielleicht war unsere Erwartungshaltung zu groß. Wir wissen es nicht. Also beschließen wir, weiterzufahren.
Fußball verbindet
Aber vorher: Fußball-Weltmeisterschaft. Genauer gesagt: Curaçao gegen Deutschland. Schon tagsüber werden wir mehrfach angesprochen:„Germany?“„Tonight! Soccer!“ „Come!“ Die Einladungen kommen völlig selbstverständlich.
Abends macht Chris sich schließlich auf den Weg zum Public Viewing. Als er später zurückkommt, erzählt er mit einem Grinsen von einer Stimmung, die wir so nicht erwartet hätten. Natürlich freuten sich alle über jede gelungene Aktion Curaçaos. Aber genauso freuten sie sich darüber, überhaupt bei einer Weltmeisterschaft dabei zu sein. Da wurde gejubelt, gelacht, diskutiert und gefachsimpelt. Nicht gegen Deutschland. Einfach für die eigene Mannschaft.
Also Leinen los. Nächster Versuch.
Spanish Waters
Die Strecke nach Curaçao ist kurz. Schon beim Einlaufen merken wir, dass hier etwas anders ist. Größer. Lebendiger. Ein bisschen wuseliger. Vor allem aber erstaunlich entspannt.
Wir hangeln uns in ein verzweigtes, geschütztes Binnenwasser – die Spanish Waters – und finden gleich einen guten Ankerspot. Am nächsten Morgen klarieren wir problemlos ein. Früh am darauffolgenden Tag fahren wir mit dem Bus nach Willemstad, um unsere Ankererlaubnis zu beantragen und zu bezahlen.
Willemstad begrüßt uns mit seinen bunten Häusern, Grachten und Klappbrücken. Die Fassaden erinnern stellenweise eher an Amsterdam als an die Karibik. Wir laufen den Tag lang Slalom durch die verschiedenen Stadtteile und kaufen auf dem Markt noch etwas Obst und Gemüse. Ein rundum gelungener Tag. Gut, dass wir früh unterwegs waren – ab zehn Uhr spuckten gleich drei Kreuzfahrtschiffe ihre Passagiere aus.
Die nächsten Tage verbringen wir zu Fuß, mit dem Bus über die Insel, auf Fuchur und im Gespräch mit Nachbarbooten. Wir feiern einen Geburtstag auf einem Katamaran, deren Eigner uns spontan eingeladen hatten – Mitglieder im Verein Transocean wie wir, die wir bisher nur aus einer WhatsApp-Gruppe kannten. Gute Gespräche, ein herrliches BBQ. Wir lernen auf unserer Reise so viele neue Menschen kennen wie sonst in Jahrzehnten nicht.
Auch Fuchur bekommt wieder Streicheleinheiten. Irgendetwas gibt es immer. Eine Leine hier. Eine Kleinigkeit dort. Ein paar Ideen, die man „nur eben schnell“ ausprobieren möchte.
Fuchur: „Fertig? Ich? Ihr kennt mich doch inzwischen besser.“
Am Abend schaukelt Fuchur unruhig an der Boje. Er möchte schon wieder weiter, nach Westen.
Weiterbauen. Weiterfahren
Im Moment verbringen wir viel Zeit damit, Wettervorhersagen zu studieren und sie anschließend wieder zuzuklappen. Für die Passage nach Kolumbien möchten wir ein vernünftiges Wetterfenster erwischen. Die Strecke hat unter Seglern einen gewissen Ruf – und den würden wir lieber nicht unnötig bestätigen. Starke Kapeffekte, Bergwinde, massive Wellen. Wir haben mindestens Respekt, ein wenig Muffensausen auch.
Das Wetter lässt sich Zeit. Also überlegen wir jeden Tag neu: hierbleiben, nach Aruba, noch warten, weiterarbeiten. Irgendwann wird es sich schon entscheiden. Bis dahin tun wir so, als hätten wir einen Plan.
Und selbst wenn das Wetter irgendwann Ja sagt, bleibt noch die Frage: wohin eigentlich zuerst? Kolumbien ist riesig. Je mehr wir lesen, desto länger wird die Liste und desto kürzer scheint die Planungszeit. Wir möchten das Land entdecken, ohne zu Flugtouristen zu werden, schließlich ist unser Motto „umweltfreundlich reisen unter Segeln“, da kommt Fliegen eigentlich nicht in Frage. Sehenswürdigkeiten abhaken mögen wir per se nicht. Außerdem wollen wir uns nicht in Agentenkosten und Organisation, Formalitäten und Gebühren zu verlieren. Also planen wir jeden Tag ein kleines bisschen weiter – und verwerfen am nächsten Tag oft schon wieder die Hälfte.
Ein langes Kapitel für eine relativ kurze Strecke. Auf allen Ebenen gilt: Nichts ist fertig. Alles geht weiter.
Überall wächst und gedeiht es: Auf Carriacou wachsen neue Dächer. In Windward wächst ein Holzboot. Dario pflanzt Bäume. Wir nähen Regenhauben, tauschen Ankerketten und schrauben an Fuchur. Und zwischendurch fahren wir immer wieder ein Stück weiter.
Nicht besonders weit. Aber weit genug. Bis zur nächsten Insel. Oder zur nächsten Idee. Oder zum nächsten kleinen Abenteuer.
P.S. Ein paar Tage nach unserem Treffen schickte uns Dario noch eine Mail. Darunter stand dieses Zitat:
„The one who plants trees, knowing that he will never sit in their shade, has at least started to understand the meaning of life.“ — Rabindranath Tagore
Fuchur: „Ich hätte da übrigens noch ein paar Baustellen.“
Es gibt diesen Moment auf Reisen, in dem man merkt, dass die eigene Vorstellung nicht mit der Wirklichkeit Schritt hält. Bei uns begann er in Rodney Bay, St. Lucia.
Wir hatten irgendwas erwartet – weniger vielleicht. Mehr Dorf. Stattdessen: schicke große Supermärkte, Dutzende Restaurants, ein großer Hardwarestore, eine Mall.
Wir laufen durch die Wohnstraßen den Hügel hoch und merken ziemlich schnell: Die Karibik hat vor, uns weiter Stück für Stück aufzuklären.
Jungs auf BMX-Rädern passieren uns. Sie üben hügelan halsbrecherisch ihre Tricks.
Ich muss kurz an „Die Vorstadtkrokodile“ denken. So ein vages Bild von früher: Gruppen, Mutproben, dazugehören oder eben nicht.
Und dann stehen wir plötzlich ziemlich allein da oben – und erstarren einmal kurz, als zwei von ihnen kehrtmachen und direkt vor uns kunstvoll aufstoppen.
Okay… was kommt jetzt?
Kommt aber nichts. Sie wollen nur wissen, ob die anderen schon an uns vorbei sind und wo sie hin sind. Kurzes Nicken, weiter geht’s.
Ein paar Tage später mal wieder Alltags-Erledigungsmodus. Klar Schiff machen. Helga näht zwei neue Kleider aus Bettwäsche, die wir in Fort de France dafür gekauft hatten. Gute Entscheidung. Unsere Klamotten lösen sich hier schneller auf als gedacht. Sonne, Salz, Bewegung – unser Kleiderschrank: eine Lumpensammlung.
Parallel futtern wir die Tiefkühlbox leer. Der Sonnenstrom folgt auch in der Karibik seiner eigenen Agenda. Er sagt: bitte essen bevor es zu spät ist. Funktioniert. Lecker. Reichlich.
Die Gasflasche bekommen wir auch gefüllt – hier tatsächlich nicht selbstverständlich. Propan, deutsches System, zu Fuß erreichbar. Hinterhof-Outdoor-Wäscherei mit Gasfüllaparat. Alles ist ziemlich runtergekommen und die Geschäftsführerin sagen wir mal kurz angebunden. Eine Quittung für unsere Flasche gibt es – natürlich – nicht. Warum auch? Am Ende passt es.
Während wir warten, laufen wir durch ein Viertel, das freitagabends wohl voller Leben ist. Jetzt ist es ruhig. Einfach. Ungewohnt ruhig.
Müll brennt am Strand, daneben Bootswracks und unter Bretterkonstruktionen liegen Menschen. Wir merken es erst, als wir fast ein Foto machen wollen, und gehen weiter.
Die Gebäude: architektonisch spannend. Kreativ. Von dilettantisch über gewollt und bemüht bis genial. Fotografisch… nicht angesagt.
Ein Bild mache ich trotzdem. Beton, Bewehrungsstahl, Bambusgerüst.
„Paparazzi!!!“
Wir drehen uns um, erklären der Frau, warum. Hamburg, Architektur, echtes Interesse.
Sie lacht. Und wir sind kurz darauf in einem Gespräch über alles Mögliche – inklusive der Information, dass sie Fan vom FC Bayern München ist.
So kippen Momente.
Saint Vincent
Saint Vincent bleibt für uns eine Nacht ohne Landgang. Zu viele Geschichten, zu viele Gebühren, zu viel „Yachties sind Goldesel“. Verstehen können wir das – aber für uns funktioniert es so nicht.
Die Kulisse von „Pirates of the Caribbean“ ist beeindruckend, klar.
Und die Boatboys (nie girls bisher, hm) sind sofort da. Trotz des bereits schwindenden Tageslichts. Kajaks, Motorboote.
Angebote, Hinweise, Forderungen. Der Konkurrenzdruck untereinander ist deutlich spürbar. Für uns im Ankermanöver eher hinderlich als hilfreich. Keine gute Geschäftsgrundlage. Wir fragen uns, wann ihnen das bewusst wird.
Wir versuchen, möglichst freundlich abzulehnen. Das macht es nicht einfacher.
Unsere neuen Headsets sind ein echter Unterschied im Manöveralltag. Ein Upgrade unserer alten WalkieTalkies. Beim Ankern, in engen Passagen, beim Anlegen: einfach reden statt Windrauschen, abgebrochener Wechselübertragung, am Ende doch Brüllen.
Andere nennen sie „marriage saver“. Yep.
Bequia
Bequia empfängt uns weitläufig. Luft, Raum, Platz zum Schwojen. Wir ankern bewusst etwas weiter draußen. Mehr Wind, mehr Abstand, mehr Horizont.
Turan würde jetzt sagen: „Warum nicht einfach vorne am Strand?“ Und er hat recht – für ihn. Für uns ist es genau hier richtig. Wir fühlen uns sofort wohl.
Die „Black Pearl“, die im Moment drittgrößte Segelyacht der Welt, liegt in Sichtweite und sorgt einmal mehr kurz für Perspektivverschiebung. Nein, Jack Sparrow war nicht an Bord;.)
Fuchur schnaubt und dreht sich weg.
Wir laufen durch den Ort, rüber zur Atlantikseite. Sammeln Eindrücke, Ausblicke und eine Kokusnuss. Ein Hund begleitet uns den ganzen Weg zurück. Kurz vor dem Ort hält ein Auto, Tür auf, Hund rein, fertig. Offenbar Routine.
Die Tage verschwimmen. Bordtage. Schreiben. Musik. Planungen.
Chris setzt das Rigg weiter durch. Nicht zum ersten Mal Thema – aber diesmal konsequenter. Sagen wir: ein fortlaufender Optimierungsprozess mit wachsender Einigkeit.
Nebenbei: Gitarrenreparatur-Mission
Die Spur führt zurück nach Mindelo. Silvis Sandalen: erst mit Bändseln geflickt, dann mit Sika, schließlich von „Shoeman Ally“ in Bequia gerettet. Den suchen wir jetzt.
Wir finden ihn sofort. Grüße ausrichten, kurze Freude, dann unsere Frage: Gibt’s hier jemanden für Gitarren?
Er dreht sich zum Gemüsehändler nebenan, kurzer Austausch, ein paar Ideen.
Wir gehen schon weiter. Dann ruft er uns zurück. Zeigt auf einen Mann, der gerade den Hügel herunter schlendert: „Er da spielt Gitarre, fragt ihn!“
So funktioniert das hier.
Wir geben unsere Karte weiter, er schreibt noch jemandem… am Ende bringt es uns nicht weiter. Aber der Weg dahin war besser als jede Adresse.
Die eigentliche Werkstattadresse bekommen wir später am Abend bei der Open Stage im Green Boley. Spoiler: Auch eine sehr nette Begegnung in der Werkstatt. Schenkt uns einen übriggebliebenen Ukulelenwirbel. Und die Bitte, seinem Lieferanten in Trinidad mal Beine zu machen.
Chris spielt mit – auf einer wie selbstverständlich anvertrauten Gitarre.
Wir treffen Segler, die eigentlich nur kurz bleiben wollten. Jetzt sind sie seit Monaten oder gar Jahren hier. Manche bauen Häuser. Selber.
Wir gönnen uns ein Beef Roti: Fladenbrot, Rind, Igname, braune Soße. Einfach. Gut.
Ein Jahr unterwegs
Viel erlebt, viel gesehen – und kein bisschen reisemüde.
Am selben Tag zufällig ein Online-Seminar vom Trans-Ocean e.V. über Partnerschaft an Bord. Und unser Song „Fuchur Titanic“ ist fertig.
Timing? Passt.
Menschen trifft man hier auf dem Wasser immer wieder. Oder neu. Oder wieder neu. Man verliert sich aus den Augen und lässt irgendwann den Anker wieder in der gleichen Bucht fallen. Abendessen im Cockpit, Geschichten, Pläne. Unkompliziert.
Zwischendurch nähen wir unser neues Sonnendach. Nicht nur Schatten – jetzt auch regenfest, dank unserer bis jetzt gehüteten Sunbrella-Stoff-Reserve. Ein gutes Gefühl, wenn man merkt: Wir sind vorbereitet. Und wir können das selbst machen. Meistens.
Baliceaux
Baliceaux ist still. Unbewohnt.
Wir wissen, was hier passiert ist. Deportationen. Tod. Geschichte ohne Schild. Die lokalen Landschildkröten zeigen sich uns nicht.
Wir gehen hügelan, sagen wenig.
Die Bucht ist schön, das Schnorcheln gut, der Sonnenuntergang phänomenal. Und trotzdem fehlt etwas. Leichtigkeit.
Auf der Atlantikseite: Müll. Viel Müll. Seegras.
Wir denken automatisch weiter.
Canouan
Canouan wirkt anders.
Hurrikan Beryl hat hier 2024 fast alles zerstört.
In der Touristeninfo zeigt man uns Bilder vom Danach – und vom Wiederaufbau.
Und der ging hier schnell. Sehr schnell.
Ein Investor hinter dem Resort im Nordwesten hat offenbar massiv in Infrastruktur investiert: Straßen, Strom, Häuser, Jobs, Regenwasserzisternen…
Viele erzählen uns ähnliche Geschichten, loben den „Wohltäter“.
Auf der Karte sah es für uns erst so aus, als würde ein Großteil der Insel von den Resorts dominiert. Vor Ort merkt man: Es ist komplizierter. Vielschichtig. Ein Würfel mit mehr als sechs Seiten.
Wir laufen durch den Ort, schauen jetzt anders hin.
Material wird wiederverwendet: Wellblech, Holz, Container. Ein Eisenbahnwagen als Pizzeria. Auf einer Insel mit zwei Bergen ohne Eisenbahnverkehr.
Auf der anderen Seite der Insel treffen wir Alfy.
Er baut Moskitorahmen für das Resort – in seinem „Homeoffice“, einem schiefen Unterstand neben seinem notdürftig zusammengeflickten Haus direkt am Strand.
Wir fragen, ob wir über sein Grundstück zur Straße laufen dürfen.
Und dann erzählt er.
Vom Sturm. Von seiner Mutter. Vom Badezimmer ohne Fenster, das sie rettete. Und davon, dass sie zwei Wochen später am Trauma starb. Von Zerstörung. Von Verlust. Vom Überleben. Vom Danach. Vom 50 Fuß Katamaran mit dem passenden Namen „Genesis 2“, den er mit seinen Brüdern geborgen hat. Der steht jetzt nebenan bei den Fischern aufgebockt. Klar dürfen wir uns den ansehen. Geht einfach dorthin und sagt ihr kommt von mir.
Gesagt getan. Auch hier hinter einem eigentlich geschlossenen Tor fühlen wir uns willkommen.
Wir erklären woher wir kommen und was wir wollen. Es herrscht eine ruhige Stimmung.
Manche putzen am Strand hockend kleine Fische, andere machen Krebse küchenfertig. Wieder andere ruhen sich in Hängematten aus.
Ein Schild erzählt von japanischen Investitionen und Freundschaft.
Später lachen wir mit zwei Frauen, die die Vegetation an der Straße zurückschneiden.
„Passt auf die Rochen auf“, sagen sie. „Die umarmen euch und brechen euch das Genick.“
Grinsen.
Später beim Schnorcheln muss ich wieder daran denken.
Auf Google Maps sollte man sich hier übrigens lieber nicht verlassen. Fake-Einträge, absurde Orte. Wir kriegen irgendwann raus: sie haben ihren Ursprung im Onlinespiel „El Rubio“. Irgendwas mit einem Drogenboss auf Grundlage der Karte von Canouan. Also: Back to basics. Einfach loslaufen und fragen.
Tobago Cays
Die Tobago Cays sind dann tatsächlich Postkarte.
Wir ankern im Horseshoe-Riff. Weitgehend unbehelligt von Angeboten durch Boatboys, die uns Lobsterbarbecues und Fisch anbieten. Neben den Preisen sorgt uns auch die Nachhaltigkeit des Angebots.
Wir schnorcheln mit Schildkröten, die einfach mit uns ruhig weiterschwimmen oder grasen. Rochen gleiten unter uns hindurch.
Wenig andere Fische. Auch die Riffe erzählen leise, was Beryll hier hinterlassen hat.
Das Mehl aus Le Marin entpuppt sich als Mottenprojekt.
Pizza fällt aus. Kommentar überflüssig.
Mayreau
Mayreau wirkt zunächst ruhig.
Bis es brennt.
Ein Müllfeuer wird innerhalb kürzester Zeit zum lodernden Buschfeuer direkt neben unserem Ankerplatz.
Keine Feuerwehr, keine Löschflugzeuge, keine Hektik. Die Boatboys checken die Lage vom Wasser aus. Der Wind steht günstig.
Also wird die Musik aufgedreht.
Und gewartet.
Zwei Tage später glimmt es noch.
Wir gehen an Land. Schwieriges Anlegen, Wellen, kein guter Steg. Kletterpartie. Alltag.
Die Insel ist schön. Und ebenfalls gezeichnet.
Die Kirche oben auf dem Hügel: halb zerstört, halb wieder aufgebaut. Aber in Nutzung. Ein junger Mann schickt uns hin. „Macht Fotos“, sagt er. „Kostet nichts.“
Der Blick durch die offenen Fenster auf die Cays ist… besonders.
Im kleinen Laden gibt es genau das, was es gibt und was wir gerade brauchen: Brot, Mehl, Zwiebeln. Die ursprüngliche Bäckerin ist letzte Woche gestorben. Jetzt backt eine andere Frau „drüben im Haus“ erstmal Brot.
Am Ende sitzen wir erschöpft im Schatten am Strand unter Palmen und schauen den Inselkindern bei kleinen Segelregatten und beim Fußballspielen zu.
„Fun Days“, erklärt jemand. Für die Kinder. Nach allem.
Union Island
Weiter nach Süden: Union Island, Chatham Bay.
Heftige Fallböen schütteln Fuchur von Zeit zu Zeit kräftig und wir fahren Karussell um unseren Anker, aber kein Schwell. Ein Geschenk.
Das Wasser lebt. Schwärme, Jäger, Sprünge. Nahrungskette live. Von Zeit zu Zeit schaut eine Schildkröte vorbei. Wir warten und staunen.
Dazwischen Bordalltag. Helga bekommt einen praktisch motivierten Haarschnitt.
Und dann verabschiedet sich die Hochdruckpumpe unseres Watermakers. Ein Kärcher K2 hält in dieser Funktion ca. 50 Betriebsstunden? Exakt.
Und natürlich liegt die Ersatzpumpe ganz unter und hinter allem, was in die Achterkabine gestapelt wurde. Also: alles raus. Das ganze Schiff einmal auf links. Es ist heiß. Es ist anstrengend.
Aber abends läuft er wieder.
Unter der Oberfläche
Später stehen wir in der Pantry und überlegen, welchen Rest Eintopf wir warm machen. Wir löffeln zufrieden und stellen fest: Ein Jahr auf See hat verändert, wie wir die Welt unter der Oberfläche wahrnehmen.
Wir sehen nicht mehr nur — wir atmen mit.
Und wir hören Fuchur leise flüstern: „Ihr kommt ganz schön rum. Aber angekommen seid ihr immer genau da, wo ihr gerade seid.“
Der Soundtrack zu diesen Eindrücken entstand im Kopf unter Wasser – zwischen Korallen, Wracks und langsam verblassenden Farben. In Erinnerung an unseren Aufbruch zu dieser Reise.
hier der Songtext in Englisch und Deutsch, auch zum Download
Ankommen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Nach einem nassen, ziemlich sportlichen Ritt von Marie-Galante nach Martinique (heftige Schauerböen von der Südspitze von Dominica an) landen wir schließlich in St. Pierre an der Nordwestseite der Insel. Der Anker fällt – und wir gleich mit, allerdings nicht ins Wasser, sondern in den Entdeckermodus. Wir paddeln an Land, schließen das Dinghy unter fallenden Kokosnüssen an (leicht erhöhtes Restrisiko) und zu Fuß erkunden wir den Ort, der irgendwie gleichzeitig zwei Leben führt: In unserem Kopf läuft noch das alte St. Pierre – „Paris der Karibik“, Boulevards, Theater, elegante Steinhäuser. Und direkt davor das heutige: improvisiert, bunt, leicht schief, karibisch-pragmatisch. Dazwischen schiebt sich immer wieder der Gedanke an den Vulkanausbruch, der hier einmal alles beendet hat. Ein merkwürdiger Kontrast, der bleibt. Und mein Architektenherz macht kleine, aufgeregte Hüpfer.
Brot, Busse und Begegnungen Doch, da war doch was, richtig, Karneval, kein Brot mehr, nirgends, bevor die kleinen Läden schließen ist bereits alles ausverkauft. Irgendwann quatsche ich einen nett aussehenden Mann vor seinem Haus an und frage nach einer Möglichkeit, noch ein Brot zu bekommen. Es folgt eine Unterhaltung über die hiesigen Gebräuche und das bevorstehende Fest. Dann verschwindet seine Mutter im Haus – und überreicht uns strahlend: ein Baguette aus ihrer Küche. Das nenne ich Gastfreundschaft! Der Ort wächst uns ans Herz. Wir spähen die Bushaltestelle aus, es gibt sogar einen Fahrplan, sowas haben wir lange nicht gesehen! Und: es funktioniert – nach unseren Maßstäben hervorragend – danke Frankreich! Wir nehmen den Bus quer über die Insel – durch Regenwald, vorbei am Vulkan Mont Pelée (nein, den Aufstieg traue ich mir nicht zu – Silvi und Hendrik hingegen wedeln Tage später mal kurz hoch. Aber jeder nach seinen Möglichkeiten und Ambitionen.), hinüber zur Atlantikseite. Riesige Farne, Bambus, Zuckerrohrfelder. Alles wirkt ein bisschen überdimensioniert, als hätte jemand beim Maßstab großzügig aufgedreht. Und der Bus? Richtig sauber und luxuriös, mit Klimaanlage, billig. Aber in Antigua war es auch toll, eben anders.
Atlantikseite: Phantasien zum Durchlaufen Auf der Atlantikseite laufen wir weiter, finden unseren angeblichen „Weg“ mitten durch Zuckerrohrfelder, teilweise eher sportlich als geplant. Dann eine Hängebrücke über einen Fluss, Dschungel ringsum. Und vorne wie im Fokus: die Brandung des Atlantiks an der Flussmündung. Einer dieser Momente, die sich ganz leise festsetzen. Auf der ganzen Tour treffen wir nur ein britisches Paar. Sie wissen gar nicht wovon wir reden, sie kommen vom Parkplatz direkt neben der Brücke. Und später begegnet uns eine einheimische Großfamilie in Flipflops, die fischen wollen – na dann, ich wüsste nicht wie das gehen sollte. Vielleicht fehlt mir die Phantasie. Aber dieser Trip war …. truly phantasia!
Motorstreik und Improvisation Zurück am Boot dann der Klassiker: Wir wollen los – der Motor nicht. Also Fehlersuche statt Anker auf. Relativ schnell wird klar: Die Starterbatterie hat beschlossen, dass ein Jahr Dauereinsatz wirklich genug Beitrag ihrerseits war, zumal sie ja schon etwas betagter war, als es losging. Gleichzeitig finden wir auch noch (ein wenig) Salzwasser in der Bilge der Batteriebank, das die Servicebank gleich mit irritiert hat. Also erstmal alles trocknen, sauber machen, sortieren. Dann geht es eben erst morgen weiter – Bordleben in Reinform.
Enge Buchten und weite Begegnungen Die Starterbatterie überbrücken wir provisorisch über die Servicebank. Funktioniert erstmal. Reicht für die nächsten paar Hüpfer. Zumal wir inzwischen recht gut im Ablegen unter Segeln sind. Wir segeln weiter nach Petit Anse d’Arlet – und treffen dort Silvi und Hendrik wieder. Seit La Gomera kreuzen sich unsere Wege immer wieder, wir sind sogar die ersten zwei Tage von den Kapverden gemeinsam losgesegelt, bevor sich unsere Routen getrennt haben. Entsprechend viel gibt es auszutauschen: Erfahrungen, Tipps, Geschichten – und Kokosnüsse. Die Bucht selbst hat es allerdings in sich. Die engste Ankersituation, die wir je hatten. Und während wir noch versuchen, uns halbwegs entspannt einzurichten, schwojen um uns herum große Charterkatamarane, deren Crews offensichtlich gerade ihre ersten praktischen Erfahrungen sammeln. Wenn so ein Teil dann bis auf zwei Meter herankommt, wird es… sagen wir mal: aufmerksamkeitsfördernd. Vor allem, nachdem uns in St. Pierre tatsächlich zum ersten Mal jemand leicht „angedetscht“ hat. Wir waren zum Glück an Deck und konnten abfendern – aber seitdem schauen wir nochmal genauer hin.
Le Lamentin – Lost Place mit Mangrovenmagie Dann ruft der Besorgungsmarathon. Wir verholen uns in die Bucht vor dem Gewerbegebiet von Le Lamentin, östlich von Fort-de-France. Der erste Eindruck ist… speziell. Wracks überall. Masten ragen aus dem Wasser, Boote liegen halb auf der Seite am Ufer, andere hängen offensichtlich seit Jahren unbewegt an Moorings. Kaputte Stege neben kaputten Gebäuden mit kaputten Booten davor. Dahinter die brennenden Schornsteine einer Ölraffinerie. So eine Art maritimer Endzeitfilm, nur ohne Musik und Abspann.
Mangroven, Serien und ein bisschen Glück Willkommen fühlen wir uns erstmal nicht. Kein klarer Anlandeplatz, vieles privat, vieles kaputt, und die Bewertungen auf den üblichen Cruising-Seiten sind… sagen wir mal zurückhaltend begeistert und berichten von Ablehnung. Also machen wir das, was wir immer machen: Dinghy ins Wasser und selbst schauen. Im letzten Abendlicht fahren wir durch die Bucht. Einen guten Anlandeplatz finden wir zunächst nicht – dafür etwas Anderes: die Mangroven. Sobald man ein paar Meter hineinfährt, ist man in einer komplett anderen Welt. Still, dicht, voller Leben. Vögel, Fische, Pflanzen – alles irgendwie näher, intensiver. So haben wir das noch nicht erlebt. Die Stille der Bucht ergibt plötzlich Sinn – und fühlt sich nicht mehr falsch an. Abends, leicht frustriert wegen der Anlandesituation, suche ich nach einer Serie, um unser Französisch etwas aufzubessern und einfach mal abzuschalten vom Ankeralltag. Unsere Technik: kombiniere Spaß mit Lernen, Originalton und Untertitel, alle paar Minuten zurückspulen und Revision. Das funktioniert erstaunlich gut – zumindest bis die Handlung spannender wird als die Grammatik. Ich lande bei Deadly Tropics. Und während wir da so reinschauen, dämmert es langsam: Diese Mangroven… diese Stege… das kommt uns alles verdächtig bekannt vor. Da waren wir vorhin! Also: genau da! Am nächsten Tag fahren wir genau zu diesem kleinen Steg – und tatsächlich: perfekter Dinghy-Zugang, versteckt zwischen den Stegen eines privaten Yachthafens, eindeutig legal für uns zu nutzen. Glück muss man manchmal einfach erkennen, wenn es zufällig im (diesmal per VPN deutschen) Fernsehen läuft.
Kulturschock im Einkaufsparadies
Von dort aus laufen wir los – und merken schnell: Das große Gewerbegebiet von Le Lamentin ist zu Fuß praktisch unerreichbar. Die Autobahn führt schnurgerade durch die Mangroven, da kann man aber nicht laufen. Der Fußweg macht einen riesigen Umweg außen herum. Google kennt nur den Weg über die Autobahn, auch zu Fuß. Die Einheimischen schütteln nur die Köpfe, als wir fragen. Also Bus. Kein Problem. Der Fahrkartenautomat ist kaputt, also machen wir was alle machen: einfach mitfahren und möglichst so tun, als wüsste man genau, dass das so gehört. Und dann trifft uns der Kulturschock. Nach fast einem Jahr ohne Autobahnen, große Einkaufszentren und Industriegebiete laufen wir uns einen ganzen Tag lang die Füße platt: ein riesiger Decathlon, mehrere (teure) Stoffläden, Baumarkt, alles einmal sichten, Preise vergleichen, Möglichkeiten abklopfen. Zum Schluss der „Super“markt in der „Mall“. Riesig. Überwältigend. Das letzte Mal so etwas gesehen? Vermutlich Teneriffa. Davor Hamburg. Nein, nichtmal da. Alles was ein französisches Herz begehrt!!! Käse, Fleisch, Gemüse, einfach ALLES. Naja, wer braucht schon Roggenmehl. Wir stehen zwischen Regalen voller Optionen – und gehen am Ende mit zwei einfachen Baguettes und zwei Stück heimischen Gemüses raus. Entscheidungsunfähig vor lauter Auswahl. Sonst kaufen und essen wir, was es am Straßenrand gibt, bemühen uns, es lokal typisch zuzubereiten.
Zurück durch die Mangroven – und ins echte Bordleben Der Rückbus lässt sich Zeit. Viel Zeit. Die Einheimischen beruhigen uns uns geben uns unverständliche Ratschläge. Es ist eben nicht so, dass hier Schulfranzösisch gesprochen wird. Alle sind hilfsbereit, aber wir verstehen fast nichts. Danke trotzdem! Das Wesentliche haben wir mitbekommen – wo wir besser nicht einsteigen. Am Ende laufen wir im Stockdunkeln zurück durch die Mangroven – mückig (Stirnlampe war eine sehr doofe Idee!), holprig, voll beladen, leicht genervt und ziemlich müde und mit wachsender Wertschätzung für jede funktionierende Straßenlaterne dieser Welt. Ins Dinghy klettern, durch unmarkierte Wracks und treibende Mooringleinen navigieren und unseren Fuchur wiederfinden. Gut, dass wir das Ankerlicht angelassen hatten. Wirklich gut. Machen wir inzwischen öfter. Gerne auch mit etwas lila Licht im Cockpit, um Fuchur von anderen Booten zu unterscheiden.
Alltag, der keiner ist Der nächste Tag gehört der Verarbeitung all dieser Eindrücke – und der Listenpflege und Entscheidungsfindung, was wir letztendlich wo kaufen wollen. Zwischendurch baut Chris das WC einmal komplett auseinander und wieder zusammen. Ganz normale Urlaubsaktivität. Nebenbei beobachten wir Jugendliche beim Training mit traditionellen Segelbooten. Schulsport deluxe. Unglaublich sportlich, viel Teamarbeit, viel Gefühl fürs Boot. Wir schauen zu, staunen und grüßen uns gegenseitig auf Deutsch, Englisch und Französisch. Endlich fühlen wir uns dort willkommen. Silvi und Hendrik kommen dazu, und gemeinsam machen wir noch einen weiteren Busausflug ins Gewerbegebiet – diesmal mit klarer Mission: kaufen, nicht gucken. Das Wichtigste: neue Noise-Cancelling-Kopfhörer. Meine sind im Atlantik über Bord gegangen, Christians lösen sich nach Jahren intensiver Nutzung einfach auf.
Le Marin – Chaos, Chancen und nasse Wege Die paar Meilen gegenan nach Le Marin fahren wir zähneknirschend unter Motor. Wind, Welle, Strömung! Unsere Dinghydavits müssen wir definitiv noch verstärken. Zugkräfte unterschätzt! Und dann dieser Anblick: die größte, vollste Ankerbucht, die wir je gesehen haben. Ein kurzer „Oh“-Moment, gefolgt von der praktischen Frage: Wo bitte sollen wir hier noch hin?Mit etwas Geduld finden wir einen Platz – stressig, aber machbar. Viel Wind hat die Suche und das Ankermanöver in der vollen Bucht nicht gerade entspannt. Am nächsten Tag startet Teil zwei des Besorgungsmarathons. Erstmal alles sondieren, vergleichen, planen. Ohs, Ahs und Oh-Nooes inklusive. Und natürlich streikt genau jetzt das Dinghy. Vermutlich weil es das kann. Der Propeller dreht durch. Ersatz? Haben wir nicht. Und welche Marke führt hier keiner? Genau, unsere. Also wieder in den Bus, den es ja hier gibt, halleluja, zurück nach Le Lamentin, reparieren, organisieren, weitermachen. Danach fügt sich erstaunlich viel: neue Starterbatterie, endlich passende Solarpanels (seit Galizien gesucht!), neue Unterwanten beauftragt. Und dann fahren wir zu einem echten Luxus: einem Supermarkt mit eigenem Dinghy-Dock, bei dem man mit dem Einkaufswagen direkt bis ans Boot fahren kann. Nach Monaten des Schleppens über Kilometer durch Hitze fühlt sich das fast dekadent an.
Luxus, Pudel und Dinghy-Realität Das Leben bleibt trotzdem nass. Es pustet immer ordentlich und es baut sich in der Bucht eine lästige, steile Windwelle auf. Beim Einsteigen ins Dinghy wird man grundsätzlich mindestens halb geduscht – erst ein Eimer voll von der Seite, dann von vorne, dann sicherheitshalber nochmal von rechts. An Land sieht man entsprechend aus: erst wie ein nasser Pudel, dann wie ein salzverkrusteter Pudel mit verstrubbelten, verklebten Haaren und weißen Rändern auf den (sowieso schon spärlichen) Klamotten. Aber hier sind viele so unterwegs, also passt das schon. In Deutschland würde ich mich so nirgends hintrauen. Hier haben wir keine Wahl.
Fundstücke und fliegende Dinghys Zwischendurch treibt ein halb kaputtes Schlauchboot an uns vorbei. Chris springt ins unser Dinghy, fängt das Treibende ein. Kein Name dran. Wir überlegen, was wir damit tun sollen, fragen herum – keiner fühlt sich zuständig. Nicht mal die Hafenbehörde. Abends dann die Erlösung: „Hellooo – thank you for saving my dinghy!“ Die Besitzerin hatte schon gesucht. Wir sind es wieder los. Win-win. Wir waren nicht scharf darauf, es zu adoptieren.
Die Bucht lebt
Von den ungewöhnlich kreativen Wohnformen aus Päckchen von gestrandeten Booten, teils mit Gemüsegärten drauf, haben wir aus Respekt vor den Bewohnern, wie auch sonst so oft an Land, keine Fotos gemacht. In dieser Bucht gibt es einfach alles von klein bis riesengroß, von ganz kaputt und gesunken bis unter Wasser beleuchteter Superyacht. Und wir mit unserem Glücksdrachen mittendrin. Menschen auf der Durchreise, Menschen auf dem Absprung. Menschen die hier hängenbleiben oder hängengeblieben sind. Ein bunter Mix aus vielen Nationen. Allerdings deutlich geprägt von weißer Hautfarbe, wie bisher überall in Seglerkreisen, die wir getroffen haben. Warum ist das so?
Rigg, Rechnungen und Realität Für die neuen Wanten werden wir übrigens zweimal (bzw. viermal, zweimal hin und zurück) unnötig nass – sie sind einfach noch nicht fertig, obwohl anders angekündigt. Aber gut, das gehört hier offenbar dazu. Für meine Verhältnisse habe ich mich fast gar nicht darüber aufgeregt. Am Ende steht das Rigg wieder, Chris optimiert gerade noch die Spannung über meinem Kopf, während ich schreibe.
Die ganzen Aktionen waren allerdings so kostspielig, dass wir erstmal auf den nächsten Kreditkarten-Monatswechsel warten müssen. Das ist noch nie passiert! Also Pause in St. Anne, der Ankerbucht direkt um die Ecke.
St. Anne – Pause, die keine ist
Und plötzlich ist alles wieder entspannter. Mehr Platz, mehr Horizont, baden gehen, durchatmen. Kostet gar nichts. Wir nähen einen UV-Schutz fürs Dinghy aus Stoffresten, waschen mit gesammeltem Regenwasser, machen einen Ölwechsel (danke an Anja und Hakan für den Support und die geliehene Pumpe – inzwischen haben wir selbst eine) und montieren die neuen Solarpanels.
Kleine Welt, große Zufälle Dann plötzlich eine Stimme von achtern. Es dauert ein paar Sekunden – dann fällt der Groschen: Ulf. Früherer Stegnachbar aus Deutschland, Ostsee, zuhause. Jetzt in der Karibik. Er hat uns bzw. Fuchur beim Ankern seines Charterbootes erkannt, ist ins Dinghy gestiegen und einfach mal vorbeigekommen. Was sonst. So geht das hier. Kurz darauf sind auch Kira und Turan in der Bucht. Ein paar Boote weiter. Wir freuen uns. Seit Mindelo treffen wir uns immer mal wieder. Natürlich verabreden wir uns später auf einen Sundowner bei uns. Es wird ein sehr schöner Abend – inspirierend, musikalisch, nicht trivial. Zwischendurch schleppen wir eine riesige Ladung Wäsche zur Wäscherei, erkunden währenddessen die Umgebung – und dann kommt auch noch Laura Dekker mit ihrem Jugendsegelprojekt (Guppy) in die Bucht. Mit Ulfs und Sandras Tochter als Crewmitglied. Auch die zweite Tochter ist schon mitgesegelt. Kleine Welt, mal wieder.
Letzte Besorgungen, große Schiffe, Stammtisch mit Currywurst Für die letzten Besorgungen müssen wir doch nochmal rein nach Le Marin. Das Ankerfeld ist noch voller als zuvor, also ankern wir weit draußen im tiefen Wasser. Carla und Rene, die wir aus Antigua kennen, gesellen sich dazu. Wir verbringen zusammen zwei nette Sundowner auf unseren sehr unterschiedlichen Booten und stauben nebenbei günstig deren alten Plotter ab, den wir als Tochtergerät im Niedergang montieren wollen. Das muss aber, wie so viele Installationen besorgter Dinge, erstmal warten. Im Zuge des „Besorgens“ gehen wir erst alle Fächer unter unseren Bodenbrettern durch, dann im Zuge der großen Motorwartung die vollgestopfte Achterkabine. Kai und Tina nennen ihre liebevoll „die Kammer des Schreckens“. Alles einmal raus und sauber sortiert wieder rein, puh, aber fühlt sich gut an. Abends besuchen wir dann noch Ulf und Sandra und Harald und Christine auf ihrem großen Charter-Katamaran. Möchten wir tauschen? (Noch) nicht wirklich. Doppelte Sorgen! Beim Einkauf der Motorersatzteile fragt uns der Werkstattleiter, ob wir den Motor neu bauen wollen. Wetten dass wir das EINE Teil das wir nach langen Diskussionen weggelassen haben in der blödesten Situation brauchen werden? Nach einem letzten Lebensmittelgroßeinkauf geht es schließlich zum Ausklarieren. Toitoitoi, bisher hat die vorab gefürchtete Bürokratie überall problemlos geklappt, ist nur lästig. Aber wir fühlen uns grundsätzlich willkommen.
Dann eine weitere spannende Nachbarschaft: ich erwähnte, dass wir weit draußen im tiefen Wasser ankern. Das mag auch der niederländische alte Dreimaster Oosterschelde. Der nutzt den Raum hinter uns, was bedeutet, dass er förmlich unsere Seite streift, um den Anker zu platzieren. Sehr eindrucksvoll. Aber der Skipper hat alles im Griff! Chapeau! Wir machen Fuchur abfahrbereit für den nächsten Morgen und Carla und Rene sind so nett, uns in ihrem Dinghy mit zum Seglerstammtisch an Land zu nehmen. Currywurst-Happy-Hour bei einer deutschen Wirtin, gibt es jeden Donnerstag. Kann man machen. Viele kennen sich offensichtlich schon länger. Und natürlich trifft man wieder Leute, die man irgendwo schon einmal getroffen hat. Karibik eben. In diesem Fall freuen wir uns, Kai und Tina wiederzusehen. Mit ihnen waren wir zuletzt zum Karnevalsumzug in Grand Bourg.
Abschied und Aufbruch
Am nächsten Tag geht es nach Rodney Bay, St. Lucia. Endlich wieder dieses Gefühl: Leinen los im Kopf. Fuchur schaukelt und stampft vor Freude. Segel hoch! Endlich wieder unterwegs. Endlich wieder dieser kleine Kribbelmoment: Neues vor uns. Phantasien voraus! Ich sollte mich vielleicht doch nochmal auf „Fluch der Karibik“ einlassen. Bisher habe ich mich dafür nicht begeistern können. Ich habe immer die Messer und Säbel gesehen, nicht den Hintergrund. Jedenfalls reisen wir mal wieder durch Kulissen….
Warum das alles?
Falls ihr euch fragt, warum wir so viel besorgen mussten:
Wir sind nun schon ein ganzes Jahr unterwegs. Das sind mindestens zwei intensive Saisons. Mehrere Passagen und eine Atlantiküberquerung liegen hinter uns. Viel Wind, viel Welle, sehr viel UV. Das zehrt. Fuchur muss sich wohlfühlen und wir sicher.
Und wir wollen weiter. Erstmal weiter nach Süden für die Hurrikansaison, also nach den Grenadinen nach Grenada. Orte, an denen vieles nicht verfügbar oder deutlich teurer sein wird.
Also lieber jetzt.
Und natürlich…
Was passiert als erstes, was wir nicht bedacht haben? Wir erreichen Bequia und die Stimmwirbel der Westerngitarre brechen reihenweise. Natürlich. Ok, ja, wir haben noch andere Instrumente, aber unsere Westerngitarre „Cognac“, wie wir sie liebevoll nennen, ist DIE stabile Säule unserer Kreativität und fehlt!
Falls also jemand eine Idee hat, wie wir unterwegs an passende Mechaniken kommen: Wir sind offen für kreative Lösungen 😄 Jetzt gehen wir mal an Land und fragen uns durch. Silvi hat hier ihren „Shoeman“ gefunden, warum sollten wir nicht einen „Guitarman“ (oder woman!) finden. Leider sind die Ersatzteile relativ speziell und nicht durch Handwerkskunst zu ersetzen.
Wir melden uns!
Ach ja, da war noch was: Sonnenuntergänge, türkisblaues Wasser, barfuß durchs Paradies… Und dann gibt’s da noch die andere Seite. Dieser Song ist unser ehrlicher Blick auf das Leben an Bord von Fuchur.
Guadeloupe fühlte sich an wie ein sanfter Wiedereinstieg in Europa. Zumindest in unserem Kopf. Wir zahlten wieder in Euro. Die Autos fuhren wieder rechts.
Beides irritiert zuverlässig. Kaum hat sich das Gehirn auf „andere Welt“ eingestellt, wechselt die Realität wieder die Seite. Fuchur rollte nur leise mit dem Bug – er kennt nur Kollisionverhütungsregeln.
Wir ankerten in der Grande Anse direkt im Norden der Insel und liefen nach Deshaies. Die Serie „Death in Paradise“ kannten wir damals noch nicht. Die Begeisterung anderer Segler für diesen Ort konnten wir also nur höflich zur Kenntnis nehmen. Später haben wir das nachgeholt. Erste Staffel. Aha-Moment. Plötzlich war alles Kulisse.
Guadeloupe ist vertraut und tropisch zugleich: Baguette unter Palmen. Freilaufende Hühner zwischen Hibiskus und Bananen. Ziegen und Kühe neben den Wegen. Wir suchten und recherchierten Früchte wie Darwin und fanden das ein oder andere Essbare. In Malendure kauften wir bei Leader Price groß ein, die erste Gelegenheit seit Langem, und eine Machete. Man weiß ja nie.
Les Saintes – erst unruhig, dann schön und produktiv
Les Saintes empfingen uns erst mit Geschaukel. Der einzige bojenfreie Platz war bei viel Wind alles andere als romantisch. Also gaben wir auf. 13 € pro Nacht. Boje vor Îlet à Cabrit. Entscheidung: hervorragend. Dort fanden wir, was man nicht kaufen kann: Ruhe.
Wir spazierten, schnorchelten, liefen Terre-de-Haut kreuz und quer ab. Es gab super Baguette. Ein bisschen Gemüse. Ein bisschen Obst. Und den Pompière Beach mit Kokospalmen, die aussehen, als hätten sie Palmitektur studiert.
Das riesige Bojenfeld vor Terre-de-Haut ist ein eigenes Schauspiel. Und mittendrin gleiten regelmäßig kleine, elegante Kreuzfahrtschiffe vorbei. Manchmal sogar unter Segeln. Man fühlt sich wie ein Statist im Film. Und jedes mal zauberte uns ein Heimathafen Hamburg ein Lächeln in die Seele.
Nebenbei arbeiteten wir. Gastlandflaggen für Dominica und St. Vincent wurden genäht. Das Rigg nach der Atlantikbeanspruchung von oben bis unten systematisch gecheckt und kleinere Schäden sofort behoben und Verbesserungen vorgenommen. Der Drucker, seit Monaten beleidigt verstaut, musste überredet werden, wieder Patronen anzuerkennen. Ausklarierungsdokumente drucken ist erstaunlich nervenaufreibend, wenn ein Gerät beschließt, dass es lieber meditieren möchte.
Dominica – Schwell mit Charakter
Dann Dominica. Wind aus Ost. Wir im vermeintlichen Schutz der Insel. Und trotzdem rollt der Nord-Nordwest-Schwell von fernen Winterstürmen im Norden herbei. Quer zum Schiff. Fies. Rhythmuslos. Auf Antigua gab es immer eine Möglichkeit, sich in eine entsprechend geschützte Ankerbucht zu verholen. Diesen Luxus bietet die Westküste von Dominica nicht. Der weit gereiste Schwell trifft auf steile Strände, bricht kurz und hart – und macht Anlanden zur Mutprobe. Unsere Versuche waren … grenzwertig. Und oben sofort dichtes Gebüsch. Wo Dinghy festmachen? Und natürlich steht genau am einzig möglichen Platz eine Kokospalme. Fallende Nüsse sind kein Mythos.
In Portsmouth South beschlossen wir zunächst zu laufen. Busfahren ist hier eher eine theoretische Idee. Mietwagen teuer. Straßen mit Unterboden-Ambitionen. Also Füße. Ein Zufall führte uns genau zum Schulschluss in einen endlosen Strom uniformierter Schüler:innen. Wir reihten uns ein, liefen den Hügel hinunter, sahen, wie sich Wege trennten, Schüler abbogen, Türen aufgingen. Kein Event. Kein Highlight. Nur Alltag.
Und genau das war eines.
Später entdeckten wir Bananen in einem einfachen Verschlag. Also suchten wir den Gärtner. Ein sehr alter Mann, der uns Kochbananen und rote Bananen verkaufte – und geduldig erklärte, welche man kocht, welche man roh isst und wann sie perfekt sind. Hände, Füße, Kreolisch, Englisch. Verständigung gelingt, wenn man sie will.
Dschungel und Macheten
In Portsmouth, sagte man uns, dürfe man den Indian River keinesfalls verpassen. Schließlich eine weitere Filmkulisse, diesmal von „Pirates of the carribean“. Also fragten wir uns durch ein Wohngebiet bis durch das Gelände eines Bauhofes und fanden schließlich den Trail am Fluß entlang. Nicht dort wo die Karte ihn zeigte. Wir betraten zum ersten Mal Regenwald – beeindruckend!
Davon wollten wir natürlich mehr und schnappten uns den nächsten Fluß (Picard River) startend an seiner Mündung ins Meer. Dominica zeigte sich von seiner schönsten Seite: Kaskaden, Naturpools, flache Steine im klaren Wasser. Sonntagmorgen. Studenten mit Rum-Picknick luden uns ein. Wir lehnten ab – der Berg wartete.
Weiter oben dann die andere Seite: bellende Hunde, die ihre Reviere in verlassenen Gemäuern voller Müll verteidigten, Plastikplanenfetzen zwischen Bananenstauden, leere Flaschen Pflanzenschutzmittel am Wegesrand. Dominica spart nichts aus. Schönheit und Verfall leben hier Tür an Tür. In der Einsamkeit, wo der Weg im Fluß verschwand, trafen wir einen Mann, der dort in der Bananenplantage arbeitete. Wir fragten nach dem Weg. Er sagte nur: „I’ll bring you.“ Verschwand in einer verfallenen, vermüllten Hütte. Kam zurück. Mit Machete. Schluckmoment. Gut, dass wir an den Anblick schon gewöhnt waren. Beim letzten Spaziergang nutzte eine Zufallsbegegnung seine Machete, um uns eine Guave vom Straßenrand mundgerecht zu kredenzen. Aber hier oben am Ende der Welt? Spoiler: Wir leben noch. Er war freundlich. Erzählte von seiner Arbeit und seinem Glück, nicht in den ganz steilen Hangplantagen arbeiten zu müssen. Der Trail allerdings hatte nur noch lose Bekanntschaft mit der Karte. Steil. Steiler. Kaum noch Weg. Irgendwann drehten wir um und rutschten mehr oder weniger kontrolliert zurück ins Tal, nochmal an den Hunden vorbei..
Das Picard-Viertel klang harmlos.Viele Studierende der American Canadian School of Medicine wohnen dort. Google Maps zeigte Straßen und Wege, war optimistisch. Die Einheimischen weniger. Kopfschütteln inklusive. Am Ende standen wir wieder im Matsch. Also wieder: retoure. Und wieder ein paar echte, freundliche Begegnungen.
Strand. Brandung. Entscheidung.
Zurück am Dinghy waren die Wellen inzwischen deutlich entschlossener. Eigentlich zu viel. Also Plan B: Alles ausziehen, was beim Schwimmen stören würde. Sollte das Paddeln nicht funktionieren, könnten wir das Dinghy schwimmend bis hinter die Brandungszone ziehen. Dann erst einsteigen. Wir arbeiten an der Technik. Theorie: Trittschlaufe plus Flaschenzug-Effekt. Praxis: erster improvisierter Test erfolgreich. Optimierung folgt. Hat diesmal noch ohne geklappt. Ja, größere Wellen treten fast immer in Serien auf – also warten und dann im richtigen Moment los.
Man wächst mit seinen Aufgaben. Oder wird zumindest nasser.
Die Brandung bleibt. Gut, dann eben Boatwork.
Anlanden unmöglich? Dann bauen wir. Der Windpilot wurde demontiert – er ist Offshore-Experte, nicht Inselhopper. Und plötzlich war sie wieder da: unsere Badeplattform. Die Kuchenbude über dem Cockpit wurde reaktiviert. Endlich wieder draußen sitzen, trotz karibischem On-Off-Sonne-Regen-Theater. Unser Lebensraum wuchs spürbar.
Fast gleichzeitig montierten wir die letzten Aluprofile für die Davits. Gamechanger. Dinghy hoch, Dinghy runter, Motor dran, Motor ab – mit Lastenkran und einem Lächeln.
Dann ein Klassiker: Sicherung der Wassermacher-Impellerpumpe verrostet. Pumpe tot. Kurze Stille. Wir fahren bewusst Minimal-Rückspülstrategie, produzieren täglich kleine Mengen, um unseren Energiehaushalt und den Kärcher zu schonen. Der ist nicht für lange Betriebszeiten ausgelegt. Und ohne Rückspülen des Systems müssen wir auch weniger Wasser produzieren, nur um es wieder ins System zurück zu geben. Ohne Wasser wird es aber schnell ernst für die Membran, dann gammelt sie und wird unbrauchbar, ein sehr teurer Defekt. Und wo eine neue Membran herbekommen?
Also sofortige Reparatur alternativlos. Mc Gyver half. Konstruktion verbessert. Einkaufsliste für Martinique? Wird immer ambitionierter.
Mero – oder: Dominica spuckt uns aus
Wir segelten weiter südwärts und ankerten vor Mero. Der Schwell dort: unerträglich. Anlanden unmöglich. Es fühlte sich an, als wolle Dominica sagen: „Nicht jetzt.“ Also drehten wir um. Zurück nordwärts nach Guadeloupe. Und entdeckten die Insel Marie-Galante. Wir erwarteten nichts. Wir bekamen alles.
Schildkröten. Kristallklares Wasser. Postkartenstrand. Lange Spaziergänge durch hiesigen Mischwald direkt am Strand und durch Wohnviertel im Inselinnern. Eine historische Rumdestillerie in Aktion – eine riesige Maschine, Förderbänder, Zahnräder, Kettenriemen. Man kletterte quasi durch den Bauch der Rumherstellung.
Wir entdeckten den Ort Saint-Louis. Und verbrachten den Karnevalssonntag in Grand-Bourg, der Inselhauptstadt. Hin ergatterten wir einen Bus. Der Fahrer bot uns an, bis zu sechs Personen „privat“ für 40 € am Abend zurückzubringen. Gab uns seine Telefonnummer, wir sollten einfach anrufen wenn wir nach Hause wollen. Sonst wären es 10 km Nachtmarsch geworden. Zwei Buddycrews waren schnell eingesammelt. Manchmal fluppt es einfach.
Und dann?
Ein Wetterfenster rief. Der Nord-Nordwest-Schwell blieb. Der Wind wäre bald zu stark, um wegzukommen. Also beschlossen wir schweren Herzens, Dominica diesmal nur zu passieren und direkt nach Martinique zu segeln.
Inzwischen haben wir Nordmartinique erreicht. Haben zufällig entdeckt, dass wir wieder einmal in Kulissen ankern, diesmal von „Deadly Tropics“. Doch dazu später mehr.
Denn dann wollte der Motor nicht mehr anspringen. Die Starterbatterie hat ein Spannungsproblem. Stunden später, immer noch im elektrischen Innenleben von Fuchur, sind alle verdächtigen Fehlerquellen systematisch ausgeschlossen: eine neue Starterbatterie muss her. Jetzt starten wir den Motor notdürftig per Servicebank und warten auf ein Wetterfenster, um nach Le Marin, dem Segelzentrum der Karibik, zu segeln, wo wir hoffentlich alles bekommen und reparieren können, was auf unser immer länger werdenden Liste steht: Einkäufe, Bootsarbeiten und die Vorbereitung auf St. Vincent und die Grenadinen.
Fuchur schaukelt geduldig vor Anker. Als wüsste er, dass jede Reise nicht aus perfekten Etappen besteht, sondern aus Entscheidungen, Improvisationen und dem Mut, umzudrehen.
Exploring Phantasia heißt nicht: immer weiter. Sondern: weiter denken. Weiter fühlen. Weiter segeln.
Seit dem 7. September treiben wir uns nun zwischen den Kanaren herum – einem Vulkanarchipel, das wirkt, als hätte jemand Europa kurz geschüttelt, dann die Fenster offen gelassen und ein paar afrikanische Farben wären hereingeweht. Die Inseln liegen da wie eine verstreute Sammlung von Lava-Entwürfen: kantig, stolz, ein bisschen verrußt – aber mit Herz.
Die Überfahrt hierher war fast beleidigend gut. Wir flogen mit 5–8 Knoten bei mäßiger Welle dahin, Sonnenschein, ein erster Mahi-Mahi am Haken und rundherum Crews wie Figuren in einem Buch: Man blättert weiter, und plötzlich tauchen sie wieder auf. Mitsamt ihren eigenen Geschichten. Den ein oder anderen hat man vielleicht einmal irgendwo in einer Ankerbucht in Nordspanien getroffen, und bei allem was beide zwischendurch erlebt haben, segelt man plötzlich nebeneinander her oder trifft sich vor Anker oder im selben Hafen. Manchmal ist die Welt auch sehr klein.
La Graciosa empfing uns wie eine Mischung aus Mondoberfläche und Buntfilm. Gelb, karg, schön. Eine Insel, die so wenig tut, dass sie unfassbar viel macht. Hier roch es ein bisschen nach Afrika, ein bisschen nach Abenteuer, und ein bisschen nach: Warum gibt es eigentlich so wenig Schatten? Aber das gehört dazu. Wir wollten ja kein Spa-Resort.
Dann ging es weiter, eine Insel nach der anderen – Perlen auf einer windzerzausten Kette. Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria. In Arrecife auf Lanzarote brachten wir eine komplette Woche damit zu, Dinge zu organisieren, zu reparieren, zu suchen, zu finden oder nicht zu finden. Währenddessen puderte der Saharastaub Fuchur so ungeniert ein, dass unser Boot irgendwann empört wirkte. Fuchur mochte das gar nicht – und kommentierte es mit jeder Menge Quietschen. Wer einmal versucht hat, Sand loszuwerden, weiß: Man verliert nicht – man verhandelt. Und der Sand hat den besseren Anwalt.
Die Kanaren sind offiziell Europa, aber praktisch ein logistisches Experiment. Zoll? Lieferbarkeit? Oft wohl eine Lotterie mit Formularen – vorausgesetzt, man findet überhaupt jemanden, der bereit ist, hierher zu liefern, und man selber den Aufpreis zu zahlen. Wir trafen unterwegs Segler, deren Bestellungen inzwischen fast ein eigenes Jubiläum feiern könnten.
Auf Teneriffa bekamen wir dann einen Mietwagen. Und plötzlich ging alles schnell: hoch, runter, kurvig, steil, schmal, unfassbar weit. Die Insel hat so viele Gesichter, dass man das Gefühl bekommt, alle fünf Minuten in eine neue Welt zu treten. Ein echtes Phantasien. Für den Gipfel des fast 4000 Meter hohen Teide fand sich die Gelegenheit nicht – aber er ragte dafür über mancher Bucht wie ein stiller Wächter. Wir haben uns damit begnügt, ihn aus der Ferne so intensiv anzustarren, dass er es bestimmt gemerkt hat.
Und jetzt: La Gomera. Endstation Europa. Startpunkt Atlantik.
Wir bunkern Gemüse – möglichst ungekühlt, möglichst unverdächtig – und waschen alles ab, was auch nur im Entferntesten nach „Kakerlakenhotel“ aussieht. Wir reparieren das Vorsegel, waschen Wäsche, bergen verirrte Schrauben, und suchen weiter nach dem letzten Saharastaub in der Bilge. (Möglicherweise wohnt er jetzt dort. Möglicherweise zahlt er Miete. Wir wissen es nicht.)
Und dann fiel tatsächlich Regen. Nach Monaten. Ein kurzer Moment, der die Insel riechen ließ wie die Version von sich selbst, die sie im Herzen gerne wieder wäre. Die Stauseen hier sind quasi leer.
Europa liegt hinter uns. Vor uns liegt: eine Entscheidung des Wetters. Kapverden als Zwischenstation? Oder doch nonstop in die Karibik? Oder das mysteriöse Dazwischen, das es nur in der Seefahrt gibt. Die Vorhersagen sagen Montag oder Dienstag könnte es losgehen. Wir sagen: Mal schauen.
Seit Beginn unserer Reise hat sich unser innerer Maßstab nochmal verschoben – oder eher: zurechtgeruckelt. Wir sind klein. Das Meer ist gewaltig. Die Berge sind riesig. Die Klippen unerklimmbar. Die Schluchten unbegehbar. Und die Sterne strahlen ohne Konkurrenz, weil außer ihnen hier draußen nichts leuchtet. Die Wellen entscheiden jeden Abend, wie viel Schlaf sie uns gönnen. Die Natur bestimmt, was sie erlaubt – und was nicht.
Genau dieses Gefühl — dieses „tiny me“, dieses stille Staunen darüber, wie wenig wir im Gesamtplan der Dinge bedeuten und wie schön das gleichzeitig ist — steckt in unserem neuen Song.
Nachts tanzen die Fische ums Boot, als hätten sie einen geheimen Rave Club entdeckt. Im Morgengrauen krabbeln winzige Wanderer über die Grate wie Ameisen in Funktionskleidung. Und manchmal verwandeln der Schwell, plötzliche heftige Fallböen oder unerwartete Winddreher einen eben noch perfekten Ankerplatz in ein schnelles, gar nicht poetisches „Nichts wie weg“. Plan B oder C aus der Tasche zaubern? Wäre schön. Die Wahrheit: Das gehört zur Ankerroutine – jedes Mal.
Der Atlantik entscheidet, wo wir schlafen dürfen und ob wir das Dinghy heute benutzen oder lieber direkt losschwimmen, um an Land zu kommen. (Also das Dinghy hat hier nicht viele Ausflüge gemacht.)
Wie weit wir auf den Kanaren gekommen sind? Bis zu dem Punkt, an dem Demut und Dankbarkeit lauter geworden sind als jede To-Do-Liste.
In der Galerie findet ihr keine dramatischen Abenteuerbilder – weil es diesmal einfach keine gab. Dafür aber unseren Alltag hier in den letzten Wochen: Ankern. Schwimmen. Reparieren. Besorgen. Staunen, immer wieder. Und Momente, in denen das Herz größer wird, weil die Welt ringsum so herrlich groß bleibt und man selbst klein sein darf.
Chaos mit Aussicht – oder wie man Haus, Schiff und Hirn reisefertig macht.
Der Frühling ist da, die Vögel zwitschern – und bei uns zwitschert zusätzlich das Werkzeugorchester aus Akkuschrauber, Stichsäge, Staubsauger und Co. Während andere ans Ostereiersuchen denken, suchen wir bereits: Spezialteil-Lieferanten, das bereits gelieferte Spezialteil, das gestern ganz hinten in der Achterkabine verstaute Spezialteil – und irgendwo dazwischen unsere Nerven.
Der Countdown läuft: Wir stecken mitten in der finalen Vorbereitungsphase für unsere große Reise. Die letzten Must-Dos auf der Checkliste vor dem ersten Schlag hinaus auf die Ostsee werden fleißig abgehakt.
Doch von vorn:
Am 19. März war es endlich soweit – bei strahlendem Sonnenschein wurde Fuchur ins Wasser gekrant. Was für ein Moment! Und weil wir manchmal klug sind (und der Wetterbericht fies), haben wir gleich die Gelegenheit genutzt, um noch bei wenig Wind die Segel anzuschlagen. Eine goldrichtige Entscheidung, denn ab dem nächsten Tag hieß es: kalt und stürmisch. Also schön, aber zugig.
Ideale Bedingungen, um sich bei der Arbeit warm zu halten – theoretisch. Praktisch bedeutete der Rückzug unter Deck weniger Bewegung, also: Wärmflasche in den Pulli gesteckt und weiter im Text. Respekt ans Werftpersonal, die machen das jeden Tag.
Zu tun gab es reichlich:
🔧 Das neue Vorstag fürs Stagsegel wurde gebaut und montiert – samt Fußpunkt. 🚿 Der Frischwassertank für den Watermaker bekam seinen Anschluss, ebenso die Waschmaschine. 🧩 Letzte Teile mussten organisiert werden – natürlich auf den letzten Drücker. 📄 Für die mögliche Route über Südengland brauchten wir noch die ETA für UK. ⚓ Ein permanenter Bullenstander wurde installiert – und zusätzlich zur 50-Meter-Kette kamen 100 Meter neue Ankerleine an Bord. 🧭 Der Kartenplotter bekam ein Update, das Logbuch eine durchdachte Systematik (digital mit analogem Backup, scheint antiquiert, ist aber kein Aprilscherz), und Notfallpläne wurden gedruckt und laminiert. 💊 Die Bordapotheke ist jetzt – na ja, fast – vollständig.
Und dann kam die Königsdisziplin: der Umzug aufs Schiff. Mehrere Autoladungen Kisten, Taschen, Krempel, Zeug. Alles muss irgendwie verstaut werden – und zwar so, dass es nicht klappert, nicht schimmelt, nicht umkippt und nicht vergisst, dass es existiert. Für jedes Teil einen Platz zu finden ist wie Tetris spielen. Hört ihr die Jubelrufe, wenn ein Teil seinen Platz gefunden hat?
Noch ist nicht alles verstaut, manches kommt diese Woche noch einmal auf den Prüfstand, manches fliegt vermutlich doch noch wieder raus. Aber es wird. So langsam. Vielleicht. Hoffentlich.
Manchmal fühlt sich das Ganze an wie ein dreidimensionales Puzzle mit beweglichen Teilen – nur dass man am Ende darin wohnen und damit sicher über den Ozean segeln möchte.
🍽️ Abschied mit Appetit und Herz
Mitten in all dem Chaos gab’s aber auch zwei ganz besondere Momente: unsere Abschiede von der Arbeit. Wir haben Eierschiffchen gebaut, Gurkenboote geschnitzt, Cräcker in Fischform aufgetischt, Pumpernickel und Knäckebrot maritim dekoriert – alles unter dem Motto: „Skorbutprophylaxe auf großer Fahrt“.
An der Wand eine große Weltkarte, auf der unsere Kolleginnen und Kollegen ihre Reiseempfehlungen und Herzensorte markierten. Ein toller Anblick – und eine wunderbare Erinnerung. Mal sehen, welche Ziele wir erreichen.
Der Abschied fiel uns nicht leicht. Wir haben unsere Arbeit gern gemacht, hatten tolle Teams, gute Gespräche und viel Rückenwind. Umso mehr schätzen wir, wie herzlich wir verabschiedet wurden.
🌊 Leinen los – oder bald zumindest
Der Aufbruch rückt näher – der Countdown läuft. Wir sind müde, glücklich, komplett verplant – und sehr bald unterwegs. Eine besondere Mischung aus Vorfreude, Abschiedsschmerz, Hektik und noch offenen To-do-Listen. Am Sonntag übergeben wir die Hausschlüssel und ziehen endgültig aus. Bald, ganz bald, heißt es dann: Leinen los.
Der Blick wandert schon regelmäßig zur noch unzuverlässigen Windvorhersage für die kommende Woche. Sieht gerade nicht ganz so freundlich aus. Vielleicht klappt es am Mittwoch noch, nachdem wir das Auto abgegeben haben, bevor es zu stürmisch wird – auch wenn wir dann wohl erstmal im Nord-Ostsee-Kanal feststecken. Aber hey, besser dort als im Heimathafen – Hauptsache es geht endlich los.
Wir melden uns! Helga und Christian
Ein letzter Abend in HamburgLadung x von yletzte Arbeiten am Mast vor dem KranenAbschied von den lieben KollegenEs ist soweit – Fuchur kommt ins WasserElementDer Sturm naht – noch schnell die Segel anschlagenUK – wir könnten kommenMal sehen welche Tipps wir erreichenletzte Arbeiten am HausDie neue Ankerleine wird angeschlagenLängenmarkierungen an der AnkerleineTrinkwasser marschUmplanen beim MittagessenBevorratungSchäkel für alles?Abendstimmung im ChaosChaos mit Aussicht auf den Graswarder
Die wichtigsten Vorbereitungen an Bord sind erledigt. Fuchur steht gut geschützt und trocken in der Halle. Was dort bis jetzt nicht in Angriff genommen wurde, muss unterwegs erledigt werden, denn fertig ist man sowieso nie. Unsere Do-Listen neigen eher dazu, länger als kürzer zu werden. Vieles davon ist Pflicht, aber einiges auch Kür. Eine Architektin und ein Maschinenbau-Ingenieur mit viel Kreativität im Blut halt – da gehen die Ideen nie aus, was es noch zu verbessern und verschönern gibt.
Doch auch zu Hause wartet noch ein Berg an Aufgaben, bevor wir in ein paar Wochen endlich die Leinen loswerfen können. Eine davon war, diesen Blog zum Leben zu erwecken. Wenn ihr diese Zeilen lest, haben wir einen großen Schritt nach vorn gemacht 😉
Das Erdenken und Gestalten der Website war ein Abenteuer für sich. Was wollen wir mit dem Blog erreichen? Wie ausführlich darf er sein, ohne dass wir uns von Fragen wie „Was schreibe ich bloß als Nächstes?“ oder „Bis wann muss das online sein?“ unter Druck setzen lassen? Wen möchten wir ansprechen, und wer möchte mit auf die Reise? Letztendlich haben wir alles selbst gebaut und es erstmal einfach gehalten – ein guter Anfang, auch wenn wir uns manches moderner vorgestellt hätten.
Unser Testlauf in Norwegen 2021 hat uns gezeigt, wie aufwendig selbst kleine Projekte sein können: Videomaterial filmen, Daten verwalten, Filme schneiden – das kann schnell zum Vollzeitjob werden. Solche Projekte verändern den Blick auf das, was gerade geschieht – im Guten wie im Schlechten.
Was wir zukünftig öffentlich machen, wird sich unterwegs zeigen. Fest geplant ist eine Art „Postkartenmodus“ zu verschiedenen Kategorien wie:
Segeln („Was ging mal wieder schief?“)
Landgänge („Schau sich einer das an!“)
Bootsprojekte („Wieder mal länger gedauert!“)
Küchenzeilen („Lecker und so!“)
Kinderkram („Ernstes und Lustiges für alle!“)
Architektour und Baurecht („Ja, ich liebe meinen Beruf!“)
Musik („Gitarre, E-Piano und Kleininstrumente reisen mit“).
Wir wollen Euch die Reise und den Alltag auf unserem Segelboot näherbringen – von den Herausforderungen bis hin zu den magischen Momenten. Wenn ihr nichts verpassen wollt, tragt euch gerne in unsere Newsletterliste ein. (Man kann sich natürlich auch jederzeit wieder abmelden.)
Abgesehen davon gibt es noch einiges zu organisieren: Dokumente müssen beschafft, Versicherungen abgeschlossen und die Finanzen sortiert werden. Gleichzeitig bereiten wir unser Haus für die Untermieter vor – nicht nur Ordnung schaffen, sondern auch Ballast loswerden. Im Gegenzug stehen endlose Bestellungen an, die abgearbeitet werden müssen.
Und dann ist da noch der Abschied vom bisherigen Leben: ein Ausstieg aus einem geschätzten Berufsalltag und von großartigen Kollegen, die uns all die Jahre begleitet haben. Auch das will gut vorbereitet sein – ein Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge, der den Blick auf die kommenden Abenteuer frei macht.
Während unsere Bootsprojekte in der Vergangenheit zwar auch intensiv bearbeitet wurden, aber es noch ein Gefühl von „nebenher“ gab, haben wir 2024 jede freie Minute mit Werkeln und Basteln verbracht. Die Saison stand ganz im Zeichen der großen und kleinen Baustellen..
Nach einem kurzen Nachbesserungs-Zwangsaufenthalt in der Werft zum Ende des Winters war Fuchur früh wieder im Wasser – und blieb bis Anfang November im Einsatz. Dazwischen gab es Platz für große und kleine Projekte, unerwartete neue Großbaustellen und längst ad acta Gelegtes. Aus unserem ursprünglichen Plan, „es uns nur noch wohnlich zu machen und den Wassermacher einzubauen“, wurde – natürlich – nichts.
Unser Wochenend-Alltag glich einer Routine aus Improvisation und Organisation:
Morgens: Spätestens um 6 Uhr räumten wir die Achterkabine leer und stapelten alles ins Vorschiff, um Platz für die Arbeiten zu schaffen.
Tagsüber: Bohrer, Schrauben und Werkzeug, Sägespäne, Schweiß……
Abends: Nach 12 Stunden Arbeit alles zurückräumen, totmüde, aber zufrieden in die Koje fallen – immer mit dem Bewusstsein im Kopf, doch niemals „fertig“ zu werden.
Zum Glück konnten wir fast jedes Wochenende von Freitag bis Montag an Bord sein und ab und zu auch unter der Woche – schließlich ist Fuchur schon seit fast 9 Jahren unser zweites Zuhause, nur wenige Kilometer vom „großen“ Zuhause und der Arbeitsstelle entfernt.
Selbst unsere dieses Jahr sehr spärlich bemessene Reisezeit wurde von Baustellen begleitet. Innerhalb einer Woche segelten wir von Fehmarn nach Rügen, über Barth (potentielle gebrauchte Teile begutachten) rund um Hiddensee (just for fun) und wieder zurück. Unterwegs hatten wir unvergessliche Momente mit der Familie, die mit ihrem eigenen Boot dabei war. Doch selbst vor Anker gab es immer etwas zu tun. Wir waren eine Wanderbaustelle. Der Dodger wurde erst unterwegs wirklich einsatzklar. Also alles normal. Wir übten schon einmal, wie es ist, sein Boot an den schönsten Orten der Welt zu reparieren..
Die Belohnung für all die Arbeit: Mit einem traumhaften Heimatausblick vom Außensteg in Ortmühle gegenüber vom Graswarder in Heiligenhafen erlebten wir unter anderem die ersten Polarlichter unseres Lebens – ein magischer Moment, den wir nie vergessen werden. Das macht Lust auf mehr.
Projekte 2024 – ein kleiner Ausschnitt (der Rest war ja schon vorher erledigt):
Aufbau eines neuen Hard-Dodgers und Biminis mit zusätzlicher Solarfläche Neuaufbau des Decksbelags Ausbau der Pantry mit Teleskopschubladen, neuem Herd, neuer Kühlbox…. Einbau des Wassermachers. Neues Ordnungssystem in der Achterkabine Platz für das E-Piano! Ergänzung der Elektrik und Optimierung des Stauraums überall….